Schöner Wohnen

Wie Graffiti aus alten Duisburger Bauten Szene-Häuser macht

„Wir machen, was wir wollen“: Graffiti-Künstler haben den Innenhof von Malermeister Andreas Enge verschönert. Der sagt: „Ich find’s cool.“

„Wir machen, was wir wollen“: Graffiti-Künstler haben den Innenhof von Malermeister Andreas Enge verschönert. Der sagt: „Ich find’s cool.“

Foto: Oliver Müller / FUNKE Foto Services

Duisburg-Dellviertel.  Schöner Wohnen dank Straßenkunst: Cool wie in Hamburgs Schanzenviertel will es Malermeister Andreas Enge auch im Duisburger Dellviertel haben.

Angefangen hat das alles vor fünf Jahren mit dem „Untergang“ , genauer mit Dr. Doom. Ausgerechnet der Comic-Diktator und eisengesichtige Erzfeind der amerikanischen Superhelden-Familie „Die Fantastischen Vier“ zierte 2015 die erste Außenwand eines heruntergekommenen Hofs an der Musfeldstraße 84 . Und läutete die Coolness ein für einen Wohnblock mit – wie man heute auf neudeutsch sagen würde – „besonderem Erneuerungsbedarf“.

Vom Untergang, englisch „doom“ und übrigens aus der Sprühflasche eines Duisburger Graffiti-Künstlers mit dem Zeichen „Ferc Com“, ging im verfallenen Hinterhof von Eigentümer Andreas Enge im Gegenteil alles nach oben: Es gesellten sich Jahr für Jahr kunterbunt großflächige Graffiti hinzu, die den rasanten Durchbruch der nah vorbeibrausenden Linie U79, die Comic-Figur Deadpool, knochige Skelette und anderes „Geistreiches“ zeigen.

Vorbild: das Hamburger Schanzenviertel

Denn die Straßenkunst hat sich nicht nur unter Sprayern rumgesprochen . „Es kommen jede Woche Kunstinteressierte oder einfach nur neugierige Leute vorbei, um sich das anzugucken“, sagt Enge nicht ohne Stolz über den Un-Ort, der nun In-Ort geworden ist. Als Malermeister renoviert er oft Altbauten. Die Idee aber, hier Flächen für moderne Wandmalereien anzubieten, hat der 36-Jährige anderswo aufgeschnappt: im Hamburger Schanzenviertel.

Dort entstand in den 70er Jahren allmählich ein studentisch-linksliberaler, multikulturell-alternativer Szene-Ort. Die Wandkunst spielte bei der Erneuerung des Viertels eine zentrale Rolle, um die gesellschaftspolitischen Ideen nach außen zu tragen. Einrichtungen wie die Rote Flora sind noch heute Sinnbild dafür. Andreas Ernst lernte das Viertel kennen, als er vor zehn Jahren noch seinen Meister in Buxtehude machte. „St. Pauli, Schanzenviertel – das war abgerockt, aber cool“, erinnert sich der 36-Jährige.

„Wir haben Bock, aber wir machen, was wir wollen.“

Ein bisschen ist es auch an der Musfeldstraße im Dellviertel so geworden, glaubt Enge. Die Nachbarschaft sei stärker zusammengewachsen, man hilft sich untereinander aus, sitzt zusammen auf ein Bier im knalligen Innenhof, den der Malermeister vor fünf Jahren von seinem Vater ein bisschen aufgeschwatzt bekam. Und der 2015 noch so aussah, als hätten ihn selbst die Kriegsbomben bewusst gemieden. „Damals war ich entsetzt: Das ist doch ein Schrotthaufen“, zeigt Enge auf gar nicht mal so alten Bildern ein morbides Grau in Grau. Der Vater entgegnete: „Genau dein Ding.“

Und behielt damit auch Recht. Eine Weile hatte Enge nach Sprayern aus Duisburg gesucht . Ausgerechnet an einer Supermarktkasse schnappte einer das Gespräch mit einem Bekannten auf. Und stellte den Kontakt her: „Wir haben Bock“, sagte ein Sprüher, „aber wir machen hier, was wir wollen.“ Und der Malermeister ließ einfach machen, stellte mal Farbe bereit, mal auch den Putz, um die maroden Wände überhaupt sprühtauglich zu machen.

2019 weihten Sprayer das Halloween-Haus ein

Darunter setzten die Straßenkünstler ihre Logos – mit Echtnamen will hier keiner auftauchen, selbst wenn die Arbeit völlig legal ist. Viele aber seien Veteranen an der Sprühflasche noch aus den 1990er Jahren. Keine Banksys und sicher ohne politische Botschaft wie im Hamburger Vorbild. 2019 etwa gestalteten sie das „Halloween-Haus“ mit geisterumschwirrten Särgen, giftigen Spinnen und Teufelsfratzen. Selbst die echte Tür mit vermeintlichen Krallenspuren sieht täuschend aus als wäre sie nur gemalt.

Zur ersten Halloween-Feier am Geisterschuppen brachte Andreas Enge eigene „Folterinstrumente“, man feierte die Einweihung mit 50 Leuten. Aktuell ist das natürlich nicht denkbar. Enge hofft aber auf eine Fortsetzung im neuen Jahr. Ob der Malermeister bereut, das Feld den Sprayern überlassen zu haben? „Auf keinen Fall“, sagt Enge, „ich find’s cool.“

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben