Arbeitsbedingungen

„Wie Sklaventreiber“: Kritik an Werkstatt für Behinderte

Auch die Herstellung der Kleidungsstücke für die WfbM-Marke Esthetique setzte Mitarbeiter unter Druck.

Auch die Herstellung der Kleidungsstücke für die WfbM-Marke Esthetique setzte Mitarbeiter unter Druck.

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  In der Duisburger Behindertenwerkstatt kritisieren Mitarbeiter nach dem Rogg-Skandal die Arbeitsbedingungen harsch. So reagiert der neue Chef.

„JVA-Häftlinge haben mehr Freiheit als wir“, erzählt ein Mann, der bei Sepos arbeitet. Sepos gehört zur Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Hier arbeiten vor allem psychisch Kranke, die in einer Wäscherei und in der Elektromontage eingesetzt werden. Die Wäscherei übernimmt die Reinigung der Dienstkleidung von Gastrobetrieben wie dem Ziegenpeter. In der Elektromontage werden Leuchten zusammengesteckt. Warum sollte den Mitarbeitern da die Freiheit beschnitten werden?

Der Mitarbeiter, der anonym bleiben will, sagt, dass es Verbote und Regeln hagele, die die psychisch Kranken enorm unter Druck setzen würden. So dürfe man nur zu bestimmten Zeiten essen oder trinken, was vor allem für jene schwierig sei, die Diabetes haben oder herzkrank seien. In der Näherei sei der Druck wegen des Erfolgs des Modelabels Esthetique auch gestiegen. Jede Woche werde gemeckert, deshalb hätten sich nahezu alle in der Näherei bereits auf Teilzeitstellen setzen lassen. Aufträge von außen hätten teilweise so knappe zeitliche Vorgaben, dass „die Gruppenleiter wie Sklaventreiber hinter uns stehen“.

Angst vor Entlassungen in Duisburg

Gelebte Inklusion in Duisburg- Mode von esthétique

Angst macht den Beschäftigten auch, dass jene Gruppenleiter, die sensibel und fürsorglich mit ihnen umgehen, nicht weiter beschäftigt würden. Der Mitarbeiter erklärt, dass das Leistungsvermögen bei vielen durch Medikamente eingeschränkt sei. „Wir sitzen da nicht tatenlos herum, weil wir keinen Bock haben, sondern weil wir nicht mehr können“.

Der Skandal um die ehemalige Geschäftsführerin Roselyn Rogg sei bei Sepos komplett tabu, „man verbietet uns den Mund!“, klagt der Mitarbeiter. Seit dem 1. April gebe es fünf Euro mehr Lohn für alle. Er nennt es „Schweigegeld, damit wir die Klappe halten“. Bitter stößt ihm auf, dass womöglich mit Geld unredlich umgegangen wurde, während er und seine Kollegen beim Amt Unterstützung beantragen müssen, weil das Gehalt nicht reicht. Alle würden Grundsicherung bekommen. „Wir gehen arbeiten und müssen trotzdem betteln.“

Behinderte würden herablassend behandelt

Das Problem für ihn ist: „Wir sind auf diese Jobs angewiesen, auf dem ersten Arbeitsmarkt haben wir keine Chance.“ Und der Werkstattrat werde der Lage nicht Herr. Wütend macht ihn, dass die Behinderten „herablassend behandelt werden“. Dabei werde übersehen, dass auch hier Menschen mit Schulabschluss und Berufsausbildung sitzen.

Ein ehemaliger Teamleiter bestätigt, dass er und viele seiner Kollegen nicht sensibilisiert seien für die Belange der Mitarbeiter. Weil der Druck auf die Leitungen hoch sei, könnten sie nicht auf die Leistungsträger in den Gruppen verzichten. Genau diese seien aber für den ersten Arbeitsmarkt geeignet.

Ebenfalls anonym, weil sie andernfalls um ihr jetziges oder künftiges Arbeitsverhältnis fürchten, haben sich zwei Pflegekräfte an die Redaktion gewandt. Die Zustände in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung seien unhaltbar, so die Pfleger. Während sich die ehemalige Geschäftsführerin Roselyn Rogg kostspielige, schicke Büromöbel habe liefern lassen, seien grundsätzliche Dinge in den Werkstatträumen in einem sehr schlechten Zustand.

„Die Küchenzeile fällt auseinander, die Liegen, Toilettenbürsten oder etwa die Urinflaschen sind uralt und müssen dringend erneuert werden, aber dafür sei kein Geld da, sagt man uns immer wieder. Dabei ist der hygienische Zustand eine Katastrophe“, klagen die Pfleger. Doch Kritik oder Verbesserungswünsche kämen bei den Vorgesetzten nicht gut an: „Der Umgang mit Menschen ist traurig und schockierend.“

Das sagt der neue Werkstatt-Leiter

Betroffen von all der Kritik äußert sich der neue Werkstatt-Leiter Alexander Schmanke, der nach dem Skandal um seine Vorgängerin auch angetreten ist, um wieder Vertrauen zurückzugewinnen.

„Natürlich gibt es in der Arbeitswelt und somit auch in der WfbM Regeln, die für alle gelten. Auch wird mal ein Verbot ausgesprochen, zum Beispiel wenn Mitarbeiter während der Arbeitszeit einkaufen gehen. Alle Mitarbeiter mit Behinderung haben täglich vier Pausen mit einer Gesamtpausenzeit von 60 Minuten“, antwortet Schmanke auf den Vorwurf, die Mitarbeiter würden unter Druck gesetzt.

Darüber hinaus werde auch auf individuelle Bedürfnisse (zusätzliche Trinkpausen, Auszeiten, etc.) Rücksicht genommen. „In puncto Arbeitsbelastung versuchen wir, diesen empfundenen Druck kontinuierlich zu minimieren, wofür die hauptamtlichen Mitarbeiter Überstunden leisten, oder durch studentische Hilfskräfte. Auch werden immer wieder Auftragsanfragen abgelehnt“, so Schmanke.

Schmanke: „Festgelegte Pflege- und Hygienestandards“

Dass Gruppenleiter, die sensibel und fürsorglich mit den Mitarbeitern umgingen, um ihre Arbeitsplätze fürchten müssten, weist der Geschäftsführer ebenso zurück, wie den Vorwurf das Inventar der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung sei veraltet und unhygienisch: „Auch wir arbeiten nach festgelegten Pflege- und Hygienestandards. Die beklagten Mängel, wie etwa die Toilettenbürsten und Urinflaschen, wurden bereits vor geraumer Zeit bearbeitet, alles wurde ausgetauscht und steht als zusätzliche Lagerware bereit. Die Toilettenanlage am Standort Kalkweg werden derzeit aufwendigst saniert. Die Kosten dafür liegen im hohen sechsstelligen Bereich. Ergänzend wurde und wird Personal zu anleitenden Pflegekräften qualifiziert“, betont Schmanke.

Um Probleme zu identifizieren und zu bearbeiten stehe der neue Geschäftsführer im engen Kontakt mit dem Werkstattrat, mit der Frauenbeauftragten, dem Betriebsrat und dem Aufsichtsrat. Schmanke will außerdem regelmäßig an allen Betriebsstellen präsent sein, um zeitnah an Informationen zu kommen und um als Ansprechpartner da zu sein.

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