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1984: So kam’s zur Geburtsstunde des Haldern Pop Festivals

Lesedauer: 8 Minuten
Immer beste Stimmung: Hier feiern die Fans beim Haldern Pop Festival 2019.

Immer beste Stimmung: Hier feiern die Fans beim Haldern Pop Festival 2019.

Foto: Jens Uwe Wachterstorm / FUNKE Foto Services

Rees-Haldern.  Die Haldern Pop-Premiere 1984: Wie in einem Dorf am Niederrhein die Grundlage für ein später international anerkanntes Festival gelegt wurde.

Das hätten sie nicht ahnen können. Als am 23. Juni 1984 die erste Halderner Open Air Fete, wie das Haldern Pop Festival damals noch hieß, über die Bühne ging, da ging es einer Gruppe Messdienern aus dem Dorf nur darum, „ihre“ Musik bei ein paar Gläsern Bier in Gemeinschaft zu genießen. Sie hätten nicht ahnen können, dass sechs Jahre später Bob Geldof ihrem Ruf folgen sollte. Dass ihre feine kleine Dorfmusik über Jahre an Bedeutung gewinnen sollte. Es ging immer um das Wie. Nicht darum, wie viel.

Haldern Pop ist heute ein stilprägendes Referenzfestival. Die Branche guckt genau hin, was Haldern Pop macht. Größen wie Patti Smith oder Kings of Leon waren hier. Bands wie Mumford & Sons oder Idles haben hier einen großen Schritt nach vorne gemacht. Das ist die musikalische Sicht.

Haldern Pop – das teilen wir uns

Genau so wichtig ist die Bedeutung fürs Dorf. Haldern Pop, das teilen wir uns. Hieß es mal so schön. Mehrsamkeit. Ist auch auf T-Shirts zu lesen. Die Halderner packen es gemeinsam an. Freuen sich über die Besucher aus Nah und Fern. Das Festival findet nie nur auf dem Reitplatz statt, sondern im ganzen Dorf. Es liegt in der Luft. Diese Atmosphäre ist es, die die Besucher, die Musiker, alle Beteiligten einfach lieben.

Haldern Pop hatte ein Vorspiel. Schon 1981 organisierte eine Messdienergruppe erstmals eine Party auf dem Areal des Reitvereins. Aus Langeweile. Damit im Dorf mal was los ist. Damals noch ohne Live-Bands. Sie legten „ihre“ Musik auf. „Im Ländlichen hat man ja immer den Komplex, nicht aufregend genug zu sein. Wir haben es für uns gemacht“, erinnert sich Stefan Reichmann. Der heutige Festivalchef gehörte als 16-Jähriger unter Gleichaltrigen zu den Initiatoren.

Nach drei Jahren Fete auf dem Reitplatz wagte man die Festival-Premiere

Eine fette Musikanlage sollte her. Das in den 70er-Jahren gegründete Tonstudio Keusgen bedeutete für die Jugend schon eine Art „Ausfahrt zur Welt“, denn „da kamen diese komisch aussehenden Leute hin“, erinnert sich Reichmann. Die Künstler eben. Für 30 Mark haben Messdiener eine Anlage bei Keusgen für ihre Freiluft-Party bekommen.

Und weil es Spaß machte, sollte die Fete auch 1982 und 1983 wiederholt werden. „1983 hatten wir uns eine Lichtanlage mit 3000 Watt-Scheinwerfern von Altmann ausgeliehen“, weiß Reichmann noch. Das Interesse wuchs. „Lass uns eine richtige Bühne bauen und Bands einladen“, regte der heutige Festivalchef damals an.

Wie es zu den Aktionären kam

Aber die jungen Burschen hatten kein Geld. „Wir haben alle bekloppt gemacht, dass wir von ihnen 500 Mark bräuchten. 47 Leute haben wir gefunden, die uns unterstützten. Da war zum Beispiel der Leiter der Musikschule dabei. Auch meine Mutter“, schildert Reichmann. Aber mehr noch: Die Förderer wurden auch gleich in die Pflicht genommen. „Jeder musste beim Auf- und Abbauen helfen“, lautete der Deal. So waren die oft zitierten Aktionäre geboren.

Schon damals hatten sie im Sinn, dass es ein Ort sein sollte, wo Künstler sich wohlfühlen: „Wir hatten Respekt vor den Musikern.“ Andere würden sagen, zum Beispiel Diabetesschokolade für einen Musiker zu organisieren, sei doch nur eine Extrawurst. Es sollte sich auszahlen: „Die Künstler haben für uns bei anderen Musikern eine Lanze gebrochen.“

Der Ursprung der typischen Haldern Pop Gastfreundschaft

Über Johannes Wessels vom Schüttorf Festival hatte man für die Premiere Kontakt in die Musikerbranche bekommen. Über ihn wurde die Band The Chameleons angefragt. Und sie sagten zu. Neben der Gruppe Herne 3 auch die Band Flatsch. Sänger der hessischen Rockband war Gerd Knebel, heute bekannt aus dem Comedy-Duo Badesalz. Was damals üblich war: Wenn ein Angebot für einen TV-Auftritt ins Haus flatterte, dann war man aus jeglichen Verpflichtungen für Live-Auftritte entbunden. Die Sendung „Erbarme, die Hesse komme“ sorgte dafür, dass Flatsch nicht nach Haldern kam.

Als Ersatz kam Nightwing: „Eine Rockband aus Liverpool. Sie fuhren im Ford Transit vor und die Bassgitarre guckte aus dem Fenster“, schmunzelt Reichmann. Sie wurden in der Pension Haus im Himmel bei Thekla Geurtsen untergebracht. Geurtsen sah, dass die Band wohl lange unterwegs war und schmierte erstmal Stullen. Außerdem schickte sie ihren Enkel zu Koopmann, wo heute die Haldern Pop Bar beheimatet ist, um eine kalte Kiste Bier zu kaufen. „Thekla konnte kein Englisch. So haben sie mit Bier und Butterbroten kommuniziert“, erklärt Reichmann. Das war wohl der Ursprung der bis heute typischen Gastfreundschaft beim Haldern Pop.

Der Bühnenbauer wuchs mit dem Festival

Aber ein Festival ist mehr als nur Bands buchen: Eine Win-Win-Situation ergab sich beim Bühnenbau. Die Jungfestivalmacher brauchten Holz. „Mackel“ Herbst hatte gerade das Gebäude einer Kohlenhandlung gekauft: „Wenn ihr mir helft, den Dachstuhl abzureißen, dürft ihr das Holz für die Bühne nutzen“, sagte er. An anpackenden Händen sollte es nicht scheitern. Für das Bühnendach wurde Kontakt zu Dirk Schmidt-Enzmann geknüpft. Ein gutes Beispiel dafür, wie Haldern Pop von guten Beziehungen lebt. Für ihn war die Bühne 1984 eine Premiere. Bis heute ist er der Haldern Pop-Bühnenbauer. Seine Firma Media Spectrum ist in der Branche längst eine große Nummer.

Eine Einzäunung des Festivalgeländes wurde improvisiert. Ein Baustellen- diente als Kassenhäuschen. Ein alter Wohnwagen wurde zum Produktionsbüro umfunktioniert. Aus Messdienerzelten wurde ein Backstage-Bereich gebaut, wo es Spaghetti Bolognese und Getränke gab. „Wir waren totale Laien“, sagt Reichmann heute. Aber: „Jeder brachte seine Fähigkeiten ein.“ Und es funktionierte.

Im ersten Jahr verloren die Aktionäre 90 Mark pro Anteil

Über Jahre hat sich alles eingespielt. Ein kontrolliertes Chaos. Es gibt immer etwas zu improvisieren. Aber das können sie. „Jedes Jahr beim Auf- und Abbauen – dann weiß Du, ob alles intakt ist“, meint Reichmann.

Es kamen rund 1200 Gäste zur Festivalpremiere, denen es die zehn Mark Eintritt, acht Mark im Vorverkauf, Wert war. „Die Chameleons waren fantastisch“, freute sich Reichmann. Auch Nightwing überzeugten. Organisatorisch hatte alles geklappt. Aber die 47 mal 500 Euro sollten nicht reichen: „Wir haben pro Anteil 90 Mark verloren, aber das hat uns nichts ausgemacht“, schildert Reichmann. In folgenden Jahren sollte der Verlust pro Aktionär auch noch höher ausfallen. Egal.

Würde man Haldern Pop verkaufen, müsste man das ganze Dorf verkaufen

Haldern Pop hat seine Seele nie verkauft, ist sich treu geblieben: „Wir haben uns nicht von der Droge Geld verführen lassen.“ Auch nicht, als Anfang der 90er ein Auftritt von Sting angeboten wurde. Haldern Pop lehnte ab: „Dann kommen die Leute nur wegen Sting“, dachten Reichmann und Co. Auch einem Kaufangebot für das Festival vor einigen Jahren konnte man widerstehen. Wie hätte das auch funktionieren sollen? Man hätte das ganze Dorf mit verkaufen müssen. Haldern Pop gibt’s nur mit Dorf.

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