Betuweroute

Bürgerinitiative kritisiert Transport von Gefahrenstoffen

Gefahrgüter werden auf deutscher Seite auf der Betuweroute mitten durch mehrere Ortschaften transportiert und bilden ein potenziell großes Risiko

Gefahrgüter werden auf deutscher Seite auf der Betuweroute mitten durch mehrere Ortschaften transportiert und bilden ein potenziell großes Risiko

Foto: Martin Gerten

Emmerich-Elten.   Auf der niederländischen Betuwestrecke werden Behälter mit Gefahrstoffen hintereinander angeordnet. An der Grenze werden sie nicht umgestellt.

Wer Frank Jöris zum Thema Gefahrgüter auf der Betuwestrecke befragt, der bekommt schnell eine ganze Flutwelle an Informationen. Das Mitglied der Bürgerinitiative (BI) „Rettet den Eltenberg“ setzt sich seit Jahren mit dem Thema Sicherheit auf der Güterverkehrsstrecke in den Niederlanden und deren Fortführung zwischen Emmerich und Oberhausen auseinander. Und seiner Meinung nach liegt hier einiges im Argen: Denn auf der niederländischen Seite dürfen Kesselbehälter mit gefährlichen, leicht entzündlichen Stoffen wegen des hohen Sicherheitsniveaus unmittelbar hintereinander geschaltet werden. An der Grenze angekommen, werden diese aber nicht – wie es internationale Vorgaben vorsehen – neu zusammengestellt. „Erst in Oberhausen werden die Züge neu formiert“, kritisiert Frank Jöris.

Was Jöris da anprangert, ist keine Kleinigkeit

Was er da anprangert, ist keine Kleinigkeit. Denn die Gefahrgüter werden auf deutscher Seite mitten durch mehrere Ortschaften transportiert und bilden ein potenziell großes Risiko. Seit 2014 gibt es in den Niederlanden eine Übereinkunft über die Zusammenstellung von Gefahrguttransporten. Diese wurde zwischen dem niederländischen Staat und einigen Unternehmen, die mit Gefahrstoffen arbeiten, geschlossen. Demnach sollen Gefahrgüter nach Möglichkeit ausschließlich über die Betuwe-Strecke geführt werden, da es hier das höchste Sicherheitsnetz gibt und die geringsten Schäden in einem Notfall zu erwarten sind, da die Strecke durch keine Ortschaften geführt wird.

Vereinbarung soll Gasexplosionen verhindern

Die Vereinbarung wurde auch im Hinblick auf die Verhinderung einer Gasexplosion mit expandierenden Flüssigkeiten (Boiling liquid expanding vapor explosion) getroffen. So soll verhindert werden, dass Kesselwagen mit leicht entzündlichen Flüssigkeiten unmittelbar hintereinander verkehren und bei einer Explosion die Gefahr noch verstärken. Einzige Ausnahme von dieser Vorgabe: Auf der Betuweroute müssen diese Mindestabstände nicht eingehalten werden. „Die Vereinbarung gilt nicht für den Transport brennbarer Gase auf der Betuweroute“, heißt es im Vertrag von 2014.

Erst in Oberhausen gibt es einen Rangierbahnhof

Frank Jöris wird hier hellhörig. Denn was bedeutet das für die deutsche Seite der Betuwestrecke? Werden die Züge an der Landesgrenze etwa aufgehalten und neu zusammengestellt, um den deutschen Vorgaben zu entsprechen? „Mitnichten. Ich sehe auf der Strecke ganz häufig Kesselwagen mit gefährlichen Stoffen, die unmittelbar hintereinander geschaltet wurden“, erzählt er. Und dies sei auch nicht verwunderlich: „Denn erst in Oberhausen gibt es einen Rangierbahnhof, auf dem man die Züge neu zusammenstellen kann.“ Von Verantwortlichen habe er gehört, dass, wenn man es richtig machen wollte, in Emmerich ein neuer Rangierbahnhof gebaut werden müsste.

Schutzabstand muss mindestens 18 Meter betragen

Die NRZ fragte bezüglich des Transportes von Gefahrgütern auf der Strecke Emmerich - Oberhausen beim zuständigen Eisenbahnbundesamt in Bonn nach. Hier verweist man auf die „Ordnung für die internationale Eisenbahnbeförderung gefährlicher Güter“ (RID), ein 1128-seitiges Mammutwerk, gespickt mit technischen Vorgaben und Bestimmungen. Dieses Regelwerk schreibt ausführlich vor, welche Maßnahmen zum Schutz von Menschen und Umwelt zu gewährleisten sind. Unter anderem muss in Deutschland ein Schutzabstand eingehalten werden. In Ziffer 7.5.3 des Regelwerks steht klar beschrieben, welche Gefahrgüter durch einen Schutzabstand getrennt werden müssen. Der Abstand muss mindestens 18 Meter betragen oder durch zwei zweiachsige oder einen vier- oder mehrachsigen Wagen gewährleistet sein.

Es gibt gemeinsame Kontrollen von Deutschen und Niederländern

Auf die Sonderregelung der Niederländer und die Übernahme der Züge an der deutsch-niederländischen Grenze angesprochen, schreibt das Eisenbahnbundesamt der NRZ, dass das Amt in Kontakt mit dem niederländischen Pendant stehe und auch gemeinsame Kontrollen durchführe. „Nach heutigem Kenntnisstand gibt es an der Stelle keine Häufung von Verstößen gegen die RID und auch ansonsten keine auffälligen Beanstandungen. Wenn uns konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten vorliegen, greifen wir diese im Rahmen der Aufsicht selbstverständlich auf.“

Fachleute sprechen von „katastrophalem Umgang“ mit Gefahrgütern

Frank Jöris könnte gleich mehrere Beispiele benennen, die ihm auf der Strecke aufgefallen sind. „Selbst Fachleute bestätigen mir, dass zwischen Emmerich und Oberhausen der Umgang mit Gefahrgütern katastrophal ist. Aber das sagt natürlich niemand laut“, ärgert er sich.

<<<VORSCHRIFTEN FÜR GEFAHRGÜTER

Das Eisenbahnbundesamt weist darauf hin, dass in den vergangenen Jahren die Vorschriften für Gefahrgüter sehr viel restriktiver gehandhabt worden seien. „Gerade im Schienenverkehr sind die Anforderungen erheblich erhöht worden.“

Die RID werde in einem zweijährigen Intervall weiterentwickelt. Besonders achte man auf die Klassifizierung, die Verpackung und Kennzeichnung gefährlicher Güter sowie den Bau, die Ausrüstung und Überprüfung der Fahrzeuge und Tanks, sowie die Ausbildung von Gefahrgutbeauftragten.

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