Sehenswürdigkeit

Das Emmericher Glockenspiel

Foto: Johannes Kruck / WAZ-FotoPool.

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Emmerich. Hoch ragt der Turm über das Kirchenschiff hinaus. Nur wenige wissen, was sich in seinem Inneren verbirgt. Kein Wunder. Wer sehen will, was hier gut behütet wird, muss ganz schön fit und vor allem wendig sein.

Reiner Calmund etwa wird kaum einen Blick darauf werfen können. Gilt es doch knapp 180 Stufen in einem sehr schmalen Aufgang zu überwinden. Ein Glück nur, dass „Calli“ das auch gar nicht muss. Denn das, was sich im Tuffstein-Turm mitten in Emmerich befindet, muss man nicht gesehen – sondern viel mehr gehört haben.

Wiederentdeckter
Schatz

Im Turm der Aldegundiskirche verbergen sich nicht nur drei Läuteglocken, die den Emmerichern viertelstündlich sagen, welches Stündlein es für sie geschlagen hat. Seit 1995 ist, knapp 50 Meter über der Stadt, ein Glockenspiel installiert, ein so genanntes Carillon. „Und das war nicht immer so“, weiß Kantor Stefan Burs. Zwar gab es bis zum Zweiten Weltkrieg ein kleines Glockenspiel, allerdings war es damals noch an der Außenseite des Kirchengemäuers befestigt. Mit dem Krieg ging es in den Trümmern unter. Später erinnerten sich Menschen daran und gründeten den Glockenspielverein Emmerich, der sich fortan mit dem Wiedererwecken der alten Tradition beschäftigte. 1995 begann die erste Ausbaustufe. Die ersten 18 Glocken wurden hoch oben in den Turm gehängt. 2000 kamen dann weitere hinzu, sodass das Emmericher Carillon auf stolze 43 Glocken anwuchs.

Diese wurden, so ist es am Aufdruck der Glocken auch deutlich sichtbar, von der Königlichen Glockengießerei Petit & Fritsen aus Aarle-Rixtel (Niederlande) gegossen und installiert. Die größte Glocke wiegt stolze 905 Kilogramm, die kleinste neun. Insgesamt hat das Carillon ein Gesamtgewicht von 7000 Kilogramm. Prächtig ist sein Anblick. Und der Klang geht durch Mark und Bein. Vor allem wenn sich Stefan Burs die 180 Treppen, wie er schätzt, hinauf in den Turm begibt und im wahrsten Sinne des Wortes „in die Tasten haut“.

Kantor Stefan Burs spielt nämlich nicht nur die Orgel der Aldegundiskirche, sondern ist auch Carilloneur. Heißt, Burs kann die Glocken des Glockenspiels zum Klingen bringen. Hierzu muss er aber erst einmal ein kleines Fitness-Programm absolvieren und die vielen schmalen Stufen des Turmaufgangs unter sich lassen. Denn hoch oben im Turm, über den großen Läute-Glocken und unter den kleineren Carillon-Glocken – quasi nahezu im Raum schwebend, nur über einen schmalen Steg erreichbar – befindet sich ein hölzerner Raum mit Glasscheiben. Er ist das Herzstück.

Burs haut
in die Tasten

In ihm befindet sich der Spieltisch des Carillons. Dieser hat eine Tastatur, die der eines Klaviers gleich ist. „Nur, dass es hier keine schwarzen und weißen Tasten, sondern nur holzfarbene gibt“, erklärt Stefan Burs. Zudem sind die Tasten wesentlich größer. Die Glocken zum Läuten bringt Burs mittels eines einfachen Verfahrens. Die Klöppel der Glocken sind durch Zugdrähte und Kipphebel mit den Tasten des Spieltisches verbunden und werden mechanisch von dem Carilloneur gespielt. „Für das Anschlagen der Glocken ist jedoch eine große Kraft erforderlich“, weiß Burs nur zu gut. Das Carillon wird nämlich mit der geballten Faust gespielt.

Auch die Beatles
im Angebot

Zumindest dann, wenn sich Burs oder auch der zweite Carilloneur in Emmerich, Marc Siebers, an den Spieltisch setzen. Da das Carillon aber stündlich erklingt, „übernimmt dann ein Computer unsere Arbeit“, so Burs. Natürlich nicht in der Klangqualität, die die Carilloneure bieten können. Denn die in der Aldegundiskirche installierte Technik schafft es gerade einmal 18 Glocken zum Klingen zu bringen. Burs und Siebers hingegen alle 43. Zudem kann in der Variation des Anschlags auch die Intensität der Töne bestimmt werden. „Die Melodie wird damit besser hörbar.“

Nichtsdestotrotz: Rund 40 verschiedene Lieder kann der Computer auf dem Emmericher Carillon abspielen. Einprogrammiert wird natürlich per Hand. „Das geht von ‘Stille Nacht’ bis ‘Let it be’ von den Beatles“, weiß Burs. Die Lieder werden den Jahreszeiten und kirchlichen Feiertagen entsprechend angepasst.

In der Zukunft soll das Emmericher Carillon noch besser klingen. So hofft vor allem der Verein, der rund 40 Mitglieder zählt, das Carillon um vier Läuteglocken und eine Carillonglocke erweitern zu können. Zusammen mit der bereits vorhandenen historischen Van-Wou-Glocke von 1498 bekäme das Instrument dann den idealen Umfang von 49 Glocken. Und Emmerich dann endlich einen besseren Klang. Denn, „unsere momentanen Läutglocken, klingen wirklich nicht so besonders“, so der Fachmann.

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