Bürgerbarometer

Die Halderner identifizieren sich stark mit ihrem Dorf

Das Stengeltefest, das der Gewerbeverein Haldern ausrichtet, beginnt mit einem Essen und geht weiter mit einer langen  Kneipennacht.

Foto: Konrad Flintrop

Das Stengeltefest, das der Gewerbeverein Haldern ausrichtet, beginnt mit einem Essen und geht weiter mit einer langen Kneipennacht. Foto: Konrad Flintrop

Haldern.   Die Halderner identifizieren sich besonders stark mit ihrem Ortsteil. Die NRZ hat versucht herauszufinden, warum das so ist.

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„Fühlen Sie sich als Reeser oder eher zugehörig zu ihrem Ortsteil?“ Bei der Beantwortung dieser Frage zeigte sich im Rahmen des Bürgerbarometes Rees, dass es bei den Halderner eine besonders starke Identifikation mit ihrem Ortsteil gibt.

Warum ist das Dorfgefühl hier besonders ausgeprägt? Diese Frage hat die NRZ den Vorstandsmitgliedern des Gewerbevereins Haldern gestellt. Und zusätzlich Thomas Dierkes vom Halderner Karnevalskomitee. Schließlich kürt Haldern – neben Haffen – Jahr für Jahr ein närrisches Prinzenpaar. Rees-Stadt selbst dagegen hat kein eigenes.

Als die Milchstraße gekappt wurde

Beim Gewerbeverein Haldern handelt es sich um einen seit langer Zeit bestehenden Verein, der schon einmal als Gewerbevereinigung Haldern von 1951 bis 1966 agierte, dann im Jahr 1977 von Werner Reichmann erneut ins Leben gerufen wurde.

Auslöser dafür war das Kappen der sogenannten Milchstraße durch die Auskiesung des Reeser Meeres, womit die immer da gewesene kurze Verbindung Haldern-Haffen mit einem Mal wegfiel. „Die Neugründung entstand also aus dem Bewusstsein, dass man sich selbst organisieren muss, wenn man etwas erreichen oder verhindern will“, resümiert Werner Reichmanns Sohn Stefan Reichmann.

Zu einem stabilen Dorf gehört das Zusammenspiel aller Kräfte

Das Dorf hatte damals eine Lebensader verloren, womit die Lebendigkeit des Dorfes in Gefahr geriet. „Dieses Bewusstsein, das Dorf lebendig erhalten zu wollen, ist hier stets präsent, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht“, sagt Gewerbevereins-Chef Klemens Cornelißen. „Zu einem stabilen Dorf gehört ganz wesentlich das Zusammenspiel aller Kräfte“, ergänzt Stefan Reichmann.

Dazu zählten, so Reichmann, florierende Unternehmen, Vereine mit all ihren Aktivitäten, aber auch Leute, die sich ehrenamtlich engagierten, Kindergärten und Schulen. Jeder solle seinen Platz im Gefüge Dorf haben.

„Wenn wir irgendwann im Bereich Handwerk und Unternehmen nur noch Konzentrationen auf Großbetriebe haben, das Individuelle und das Fachwissen vor Ort abhanden kommt, wird das Dorf unattraktiv“, warnt Stefan Reichmann. Dabei sei wichtig, immer auf Augenhöhe zu bleiben. „Dass wir in den Publikationen der Schützen Anzeigen für das Haldern Pop schalten und das keineswegs spießig finden“, macht Stefan Reichmann ein Beispiel.

Dazu passt auch, dass der Gewerbeverein Haldern seinen Jahresbeitrag mit 15 Euro jährlich so gering hält, dass jedes Mitglied sich die Mitgliedschaft leisten kann. Eine Rechnung, die aufgegangen ist. „Somit haben sich auch rund 95 Prozent der Gewerbetreibenden bei uns organisiert“, überschlägt Andrea Feldmann, zweite Vorsitzende.

Der Halderner Karneval ist ein Selbstläufer

Der Halderner Karneval ist ein Selbstläufer. Drei Sitzungen gibt es in der Session, über 1000 Besucher kann das Karnevalskomitee der Feuerwehr Haldern dazu begrüßen. „Einige wenige Offizielle sind unter den Gästen, ansonsten nur Halderner“, sagt Thomas Dierkes vom Karnevalskomitee. Und: Nicht nur die Älteren fühlen sich angesprochen, auch die jungen Halderner ab 18 sitzen im Saal, wenn die Aktiven die Bühne betreten. Ob alt, ob jung, jeder will dabei sein.

Wie machen die Halderner das? „Wir haben beispielsweise gemerkt, dass es den jungen Leuten wichtig ist, Party zu machen“, sagt Dierkes. Also hat der Verein kurzerhand das Programm mit Bütten, Tanz und Comedy für deren Sitzungsabend eingedampft.

Heute ist man froh, wenn man plus minus Null heraus kommt

Auch für die Älteren gibt es, übrigens seit 15 Jahren schon, eine spezielles Programm. Volle Länge, aber die Veranstaltung beginnt früher als die anderen beiden Sitzungen – und mit einem gemütlichen Kaffeetrinken. Da findet sich die Generation 50 plus gut aufgehoben.

Ins Leben gerufen hat die Feuerwehr Haldern die Sitzungen 1952, um Geld in die Kasse zu spülen. „Das funktioniert heute leider nicht mehr“, sagt Dierkes. Man sei – im Gegenteil – froh, wenn man mit plus minus Null die Veranstaltungen über die Bühne bringen könne. Dabei muss nur für Tontechnik und DJ bezahlt werden. „Die Akteure treten allesamt kostenfrei auf“, freut Dierkes. Eine Mangel an Akteuren kann er ebenfalls nicht beklagen.

Die Ausgewählten lehnen die Prinzenwürde nur sehr selten ab

Eigenständigkeit beweist Haldern auch mit seinem Prinzenpaar. Nur noch in Haffen gibt es auch eines. Haldern hat aber schon 1957 seine ersten Tollitäten gekürt und hatte damit die närrische Nase vorn. Und Jahr für Jahr findet das Komitee ein neues.

„Bei uns meldet man sich ja nicht, das Komitee sucht aus“, so Dierkes über das Prozedere. Ein „Nein“ seitens der Ausgewählten haben die Verantwortlichen so gut wie nie hinnehmen müssen. Mal gab es einen Trauerfall, mal einen Firmenumzug, sonst nur Zusagen. „Man ist sich offenbar bewusst, dass es eine Ehre ist“, sagt der Büttenabende-Mitorganisator.

>> DIE KOMMUNALE NEUORDNUNG DIENT NICHT ZUR ERKLÄRUNG

Bürger, die in der Reeser Innenstadt wohnen, fühlen sich als Reeser. Befragte aus den nördlichen Dörfern (Millingen, Bienen und Esserden) sagen etwas eher als Befragte aus den südlichen (Haffen und Mehr), dass sie sich Rees zugehörig fühlen.

Bei den Haldernern ist die Identifikation mit ihrem Dorf besonders ausgeprägt. Hier sagen rund 90 Prozent, dass sie sich als Halderner fühlen. Laut Umfrage des NRZ-Bürgerbarometers sagen nur unter zehn Prozent der Haldern, dass sie sich als Reeser fühlen.

Mit dem Zeitpunkt der kommunalen Neuordnung ist die starke Identifikation der Halderner mit ihrem Stadtteil kaum zu erklären. Während Bienen und Esserden – neben Bergswick, Reeser Eiland, Reeserward, Speldrop, Grietherort und Grietherbusch – schon am 1. Juli 1969 der Stadt Rees zugeschlagen wurden, geschah das mit Haldern nur gut fünf Jahre später am 1. Januar 1975. Damals verleibte sich Rees außerdem noch die vorher selbstständigen Gemeinden Millingen, Empel, Haffen und Mehr ein.

Weitere Berichte zum Bürgerbarometer in Rees finden Sie hier:

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