Buchvorstellung

Emmerich: Buch behandelt Briefe aus dem Landjahr in Elten

Cover des Buches "Briefe aus der Jugend in der NS-Zeit". Mit Briefen von Ruth Bulwin unter anderem aus ihrem Landjahr am Eltenberg in Emmerich.

Cover des Buches "Briefe aus der Jugend in der NS-Zeit". Mit Briefen von Ruth Bulwin unter anderem aus ihrem Landjahr am Eltenberg in Emmerich.

Foto: Verlag Ibidem Sachbuch

Elten.  Ruth Bulwin wurde 1937 auf dem Eltenberg in ihrem Landjahr auf die Ideologie der Nazis vorbereitet. Ein Buch zeigt die Briefe an ihre Eltern.

Es sind persönliche Briefe. An ihre Eltern in Berlin. Sie wirken weitgehend unspektakulär. Unbeschwert. Vielleicht auch naiv. Aus heutiger Sicht. Ruth Bulwin kam als 14-Jährige im April 1937 in Zeiten des Nationalsozialismus für ihr Landjahr im Bund Deutscher Mädel an den Eltenberg. Die Post aus Elten zeigt nur sporadisch auf, dass hier systematisch die Vorbereitung der Jugend für die Ideologie der Nazis und deren hinterhältigen Methoden vollzogen wird.

Mit diesen Briefen sowie jene aus dem Pflichtjahr 1940 in Bichl, Oberbayern, und aus Prag von 1941 bis 1945, wohin ihr Mann versetzt wurde und sie als Schreibkraft im Hauptquartier der Gestapo tätig war, hat sich der Journalist und Autor Matthias Blazek in dem Buch „Briefe aus der Jugend der NS-Zeit“ editorisch befasst.

Als die Menschen blind dem Führerprinzip folgten

Die exemplarisch zu verstehenden Briefe geben zeithistorische Einblicke in das Leben einer jungen Frau im Kontext der Gesellschaft zu einer Zeit, als die Menschen blind dem Führerprinzip folgten. Das zeigt sich zum Beispiel dann, wenn in den Brief etwa ein Ereignis angesprochen wird, dessen Kontext sich für den Leser nicht sofort ergibt.

Ruth Bulwin, geboren am 29. Oktober 1922 in Kassel, schrieb an ihre Eltern. Ihre Tochter Brigitte Stark aus Celle übertrug die Briefe aus dem Sütterlin. „Es sind zeithistorische Dokumente, aus denen gut erkennbar ist, wie die Jugend in der NS-Zeit langsam aber sicher für die ‘Sache’ zunächst unbedarft begeistert, beeinflusst und dann manipuliert wurde, bis sich dann die Augen öffneten und der Glauben sich in Angst, Schrecken und Enttäuschung wandelte“, schreibt Stark der NRZ.

Zucht und Ordnung: Das macht Spaß

Zwischen den Zeilen lässt sich einiges herauslesen. „Die erste Post die wir schreiben u. die wir bekommen, wird durchgesehen“, heißt es im Original im April 1937. Natürlich. Dem wird keine besondere Bedeutung zugesprochen. Die Erziehung zu Zucht und Ordnung scheint Ruth Bulwin sich schön zu reden. Etwa beim Betten machen: „Da muss alles sitzen, kein Fältchen darf drin sein u. wenn solches der Fall ist, oder das Bettuch nicht glattgezogen ist, wird das Bett wieder aufgerissen. Eigentlich macht das Spaß, man gewöhnt sich an Ordnung.“

Auch der Besuch des Kreisparteitages in Wesel am 28. und 29. August 1937 wird nur beiläufig erwähnt. Hier wurde die Bedeutung Wesels für die NSDAP des Kreises Rees unterstrichen.

Das Verhältnis zu den Juden

Konflikte werden in den Briefen immer dann angedeutet, wenn es über die Grenze ging: So schreibt Bulwin am 29. Mai 1937: „Wir waren auch schon in Holland, 1 Tag. Vom Eltener Berg aus sieht man eine holländ. Jugendherberge. Dort waren (wir). Leider herrschte feindliche Stimmung u. wird durften nicht hinein. Schade. Auch in S’Heerenberg sind wir gewesen. Wie uns da die Leute angeguckt haben.“

Noch deutlicher wird’s beim Besuch in Amsterdam, der im Brief am 25. Oktober 1937 beschrieben wird: „In Amsterdam haben wir viel gesehen. 1. die Stadt, 2. die Grachten, 3. das Reichsmuseum, 4. den Hafen. Und die Juden! Jeder 2. ist Jude. Oft haben sie uns ‘Heil Moskau’, u. ‘die sind sind (sic!) ja bloß hier um sich satt zu fressen’ u. ‘schon wieder welche von denen, weil sie in Dtschld. hungern müssen, verfluchten Hitlerbanden!’ und gleichermaßen mehr nachgeschrien. Wir hätten denen am liebsten was angetan. Aber wir konnten nichts unternehmen.“

Brausen im Eltener Bad und Landarbeit bei Wanders

Natürlich kommen aus Eltener Sicht auch viele historisch interessante Details vor. So hieß es im Mai 1937: „Heute waren wir wieder Brausen wie jeden Freitag im Gemeindebad Elten. Immer 3 in einer Zelle. Das ist sehr kurz.“ Oder: „Ich bin jetzt wieder beim Bauern u. zwar bei Familie Wanders. Die haben ein Hotel. Wir arbeiten da zu fünft auf dem Feld u. pflückten Mais. Es macht riesigen Spaß + ist eine saubere Arbeit.“

Das Buch „Briefe aus der Jugend der NS-Zeit“ von Matthias Blazek ist für 18,80 Euro erhältlich. Als E-Book 12,99 Euro. 142 Seiten, Ibidem Verlag.

>> Kein Wort des Bedauerns

„Die Autorin der Briefe reist in den 1990ern zur einstigen Prager Gestapo-Dienststelle. Sie verliert aber kein Wort über das, was dort passiert ist. Kein Wort des Bedauerns, dass man es nicht versteht, so blauäugig gewesen zu sein, nichts davon. Wenn man das weiß, sind die belanglosen Briefinhalte schwer zu ertragen“, schrieb der Journalist Andreas Babel jüngst in der Cellesche Zeitung.

[In unserem lokalen Newsletter berichten wir jeden Abend aus Emmerich, Rees und Isselburg. Den E-Mail-Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen.]

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben