Sexueller Missbrauch

Gericht: Emmericher gesteht 133-fachen sexuellen Missbrauch

 Der Angeklagte gab sich vor Gericht geständig.

 Der Angeklagte gab sich vor Gericht geständig.

Foto: Ralf Daute

Emmerich/KLeve.   52-Jähriger hat vor dem Landgericht gestanden, dass er in Emmerich ein Mädchen 133-fach sexuell missbraucht hat. Opfer nahm ein Gespräch auf.

Die große Frage nach dem Warum stand am Freitagvormittag gleich mehrfach im Raum, der der Schwurgerichtssaal des Landgerichts Kleve war.

Ob er sich zu jungen Mädchen hingezogen fühle, fragte der Vorsitzende Richter. Der Angeklagte verneinte. Ob die „Sache“ etwas damit zu tun habe, dass er seine Frau kennengelernt habe, als diese gerade mal ein Teenager war? Der Angeklagte verneinte.

Das Mädchen wollte wissen: Warum?

Am eindringlichsten aber war die Frage nach dem Warum in einer Schilderung, die die Anwältin des Opfers vortrug. Demnach habe das damals 15 Jahre alte Mädchen nach Jahren des Missbrauchs ihren Onkel zur Rede gestellt, warum er das getan habe. Er wisse es nicht, erwiderte dieser.

Immerhin, es war eine Art Geständnis. Und das war für die junge Frau der entscheidende Schritt, den Missbrauch in der eigenen Familie zu beenden. Zweimal war sie zuvor bereits beim Jugendamt vorstellig geworden, zweimal war ihr kein Glauben geschenkt worden. Beim dritten Termin gelang es ihr, die Beamten zu überzeugen – denn sie hatte das Gespräch mit dem Geständnis ihres Onkels aufgezeichnet.

Der Angeklagte hat sich einweisen lassen zur Therapie

Die Ermittlungen kamen in Gang, zumal auch der Onkel erkannte, dass es keinen Sinn mehr hatte, das Geschehene zu leugnen. Er suchte die Polizei auf und ließ sich zur Therapie in die Landesklinik einweisen.

Nun ist es die Aufgabe der 7. großen Strafkammer des Landgerichts Kleve unter Vorsitz von Richter Christian Henckel, die juristische Dimension der Vorgänge zu erfassen, die sich zwischen August 2011 und August 2016 in dem Einfamilienhaus in Emmerich abgespielt haben.

Bei einigen Fällen war das Kind unter 14 Jahren

Der Täter, ein 52 Jahre alter Mann, infolge eines Aneurysmas im Gehirn seit mehreren Jahren berufsunfähig und verrentet, muss sich wegen des sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen in 133 Fällen verantworten.

In 57 Fällen war das Opfer noch keine 14 Jahre alt, weshalb der Täter zusätzlich wegen sexuellen Kindesmissbrauchs angeklagt ist. Das Strafgesetzbuch sieht jeweils einen Strafrahmen von mehreren Monaten bis zu mehreren Jahren vor. Bei der Verlesung der Anklage listete die Staatsanwältin einige exemplarische Fälle auf, viele andere wurden im Dutzend zusammengefasst.

Als Zehnjährige wurde das Mädchen zum Opfer

Das spätere Opfer kam im Alter von drei Jahren zu dem kinderlosen Ehepaar, nachdem die Schwester der Ehefrau gestorben war. Die Eheleute zogen das Mädchen und seinen Bruder wie eigene Kinder auf.

Die Serie der Übergriffe begann vor acht Jahren, als der Mann das damals gerade zehn Jahre alte Mädchen streichelte, küsste und ihm an die sich gerade entwickelnden Brüste fasste. Bei den späteren Taten ergriff er die Hand des Mädchens, um damit sein Geschlechtsteil zu manipulieren.

Zum Verkehr kam es nicht

Mindestens zweimal gab es Versuche, oralen oder vaginalen Verkehr zu vollziehen, doch diese wehrte die Heranwachsende ab, in einem Fall sogar mit einem Tritt. Zu einem Samenerguss kam es nur im letzten der angeklagten 133 Fälle, in den anderen reichte dem Täter die sexuelle Erregung.

Die Taten fanden hinter dem Rücken der Ehefrau statt. Er habe sie, so sagte der Angeklagte vor Gericht aus, „gut versteckt“. Meistens, wenn die Frau nicht im Haus war. Einmal schlief der Täter auch im Bett der Pflegetochter ein, selbst da schöpfte die Gattin keinen Verdacht.

Die Ehefrau glaubte zunächst dem Mann

Und auch, als die Tochter selbst ihre Pflegemutter auf die sexuellen Übergriffe ansprach, glaubte sie den Unschuldsbeteuerungen des Mannes.

Das Mädchen entwickelte vermutlich infolge der Übergriffe eine Essstörung, später begann sie auch, sich selbst Schnittverletzungen zuzufügen. Von all dem habe er nichts bemerkt, sagte der Angeklagte vor Gericht aus.

Der 52-Jährige will reinen Tisch machen

Der 52-Jährige, der von Rechtsanwalt Stefan Siebert verteidigt wird, räumte am ersten Verhandlungstag die ihm vorgeworfenen Taten ein. „Ich entspreche den Aussagen [der Anklage] voll, ich habe nichts dagegen einzuwenden“, sagte er.

Er wolle reinen Tisch machen, schon der erste Übergriff sei einer zu viel gewesen. Nicht alle Taten werden sich noch rekonstruieren lassen, aber dass der Missbrauch über Jahre ein nahezu regelmäßiges Ritual geworden sei, räumt er unumwunden ein. Manchmal habe es allerdings auch längere Pausen gegeben, „da hatte man solche Skrupel“. Doch dann war das Verlangen wieder stärker.

Fortsetzung des Prozesses am 22. März

Derzeit absolviert der Emmericher, der mittlerweile getrennt von seiner Frau in Kleve lebt, eine Therapie. Es geht immer noch um das Warum: „Ich will für mich selbst wissen: Warum ist das passiert?“

Der Prozess wird am 22. März mit der Vernehmung von Zeugen fortgesetzt.

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