Haldern Pop Serie

Haldern Pop Porträts: heimlicher Champion Patrick Watson

In Patrick Watson und seine Band sind die Haldern Pop-Macher schon seit Jahren verliebt.

In Patrick Watson und seine Band sind die Haldern Pop-Macher schon seit Jahren verliebt.

Foto: Patrick Watson / Haldern Pop

Haldern.  Im dritten Teil der Serie der Haldern Pop Band-Porträts stehen etwa Patrick Watson, Fontaines D.C., Balthazar, Puts Marie oder Kadavar im Fokus.

Die Serie der Bandporträts zum Haldern Pop Festival vom 8. bis zum 10. August – präsentiert von der NRZ – geht in die dritte Runde.

Patrick Watson

In Patrick Watson und seine Band sind die Haldern Pop-Macher schon seit Jahren verliebt. Der Kanadier aus Quebec mit dem berührenden Falsett ist ein Fackelträger eines vielleicht typischen Haldern Pop-Sounds. Als Cabaret Pop wird diese Musik auch bezeichnet, die farbenfroh, aber sicher nicht knallig daher kommt. Auch Indie-Pop, Synthesizer-Experimente oder kino-reife, meist klassische Begleitmelodien gehören ins Repertoire.

Das letzte Album „Love Songs for Robots“ stammt aus 2015. 2016 kam der Soundtrack zu „The 9th Life of Louis Drax“ hinzu. Aber danach sind noch einige einzelne Lieder erschienen, die Aufhorchen lassen. Wie etwa „Melody Noir“ (2018) oder „Mélancolie“ (2018) mit Safia Nolin.

Die Band darf man aber auch als so etwas wie einen Hidden Champion bezeichnen. In der Branche und unter Kennern genießen sie einen großen Namen. Aber die ganz großen Erfolge konnten alle sieben Alben der Band seit 2001 nicht feiern. Nach wie vor hat der Name Patrick Watson nicht den Klang, den jeder Musikfreund sofort zuordnen kann, wobei ihre Stimme in Kanada durchaus Gehör findet. Millionenfach geklickt werden sie trotzdem. Wie etwa der Song „Lighthouse“ – über 16,5 millionen-fach geklickt über Spotify allein.

Musik für: maximale Gefühle durch pointierte Stimmungen. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Balthazar

Die Gruppe hat Anfang des Jahres ihr viertes Album „Fever“ veröffentlicht. Seit ihrem sehr überzeugenden Auftritt beim Festival 2013 ist ihr Sound etwas poppiger geworden. Mehr Elektro, mehr Soul, mehr Mainstream, wie etwa im Lied „Fever“.

Die Musik ist tanzbar und recht chillig. Instrumental beweisen die Belgier eine hohe Vielseitigkeit: Streicher, Bläser, abwechslungsreiche Beats sind zu hören. Die Gitarren rücken in den Hintergrund, nur der Bass bleibt dominant. Musik für: tanzfreudige Träumer. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Wrong Vibration“, „Listen Up“.

Maarja Nuut & Ruum

Bei diesem estnischen Duo trifft die Folklore der Sängerin und Violinistin Nuut auf elektronische Einflüsse von Ruum. Die Melodien haben besonders dann einen hypnotischen Effekt, wenn die Violine ertönt, wie in „Muutja“. Aber auch Nuuts Gesang hat dieses Potenzial wie in „Kuud kuulama“. Beide Stücke sind zu hören auf dem 2018 erschienen Album „Muunduja“. In manchen Stücken ist die elektronische Musik dominanter.

„Dieses Wechselspiel von pulsierenden Mustern und wabernden Variationen erlauben dem jeweiligen Spieler, seinen eigenen Stil auszudrücken. Schließlich wird die entgrenzte Stimme von Beats in einen Rahmen gefasst, um so die estnische Tradition mit moderner Musik zu einem spirituellen Klangteppich zu verknüpfen“, beschreibt es Haldern Pop treffend.

Nischenmusik für: Entdecker fremdartiger Welten. Erlebnispotenzial: 2/5 Sterne.

Puts Marie

Die Schweizer Formation um den schillernden Frontmann Max Usata bleibt sich auch auf dem im Frühjahr auf Haldern Pop Recordings erschienen Albums „Catching Bad Temper“ treu. Der androgyne Sound kommt mit einem lässigen Groove daher. Doch es bleibt dieses verstörende etwas in ihrer Kunst. Kaum greifbar wandelt die Musik zwischen Coolness und überspielter Unsicherheit.

Die Kompositionen wirken abgerundet und laden den Zuhörer in abseitige Stimmungen ein. Ein Höhepunkt ist der Song „Garibaldi“, ein Lied, das sich langsam aufbaut und in einer herrlichen Gitarren-Ekstase endet. Auch „Catalan Heat“ oder „C’mon“ spiegeln die besondere Atmosphäre wider.

Musik fürs: Eintauchen in Abgründe. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Money For Rope

Die australische Psych-Rock-Formation Money For Rope hat sich in Haldern schon als exzellente, exzessive Live-Band präsentiert. Im März ist ihr Album „Picture Us“ bei Haldern Pop Recordings veröffentlicht. Mit ihren Vorgänger-Alben haben sie mit manch einem Gitarren-Riff schnelle Aufmerksamkeit erzeugt.

Dieses Potenzial bieten Lieder wie die im Februar erschienene Single „Actually“ nach wie vor. Eine schöne Dynamik bringt auch „Stretch“ rüber. Aber es gibt auch Stücke, die sich langsamer in ihrer Blüte entfalten. Wie etwa „Trashtown“. Immer mehr erinnern die Stücke von der Stimmung her an Gruppen wie The Doors.

Musik für: Schulterwackler, die in Exzesse abdriften. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Misery Lane“.

James Leg

Wie ein gut gelagerter Whiskey klingt die Stimme des Texaners. Rauchig, reif, charakterstark. Wenn der Blues-Keyboarder auf seine Tasten einschlägt, dann macht er das vollblütig. Passend zum Titel des 2016 erschienenen Albums „Blood on the Keys“. Und sicherlich auch reichlich Schweiß ist auf dem Instrument zu finden. Das hat er auch in der Haldern Pop Bar schon bewiesen. James Leg hört man live, der Tonträger wird dem nur bedingt gerecht.

Der Blues-Rock, der gerne auch mal soulig oder psychedelisch daher kommt, kommt oft ohne Gitarre aus. Leg spielt zwei Keyboards zugleich, und eine davon hat einen Gitarren-ähnlichen Sound. Aber es geht auch mit Saitenspiel.

Musik für: Vollblut-Bluesrock-Exzesse. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Tao Te Leg“, „Drinkin too Much“.

Fontaines D.C.

Das Dubliner Quintett hat sich Post-Punk auf die Fahnen geschrieben. Nach ersten Duftnoten ist 2019 das Debütalbum „Dogrel“ erschienen. Musikalisch sehr griffig kommt die Musik mit rotzigen Riffs daher. Auffällig ist neben dem gefälligen Gitarrenspiel, dass der irische Akzent geradezu zelebriert wird. Und zwar häufig auch im Sprechgesang. Was aber gut funktioniert, weil die Stimme gesprochen auch schon einen guten Klang hat.

Musik für: Freunde authentischer Saitenpoetik. Erlebnispotenzial. 4/5 Sterne.

Hörproben: „Boys in the Better Land“, „Sha Sha Sha“.

Flamingods

Das Londoner Quartett nennt sich selbst International Psych Explorers. Das drückt ihre Einflüsse aus Disco über Funk bis 70er-Psychedelia aus dem mittleren Osten und Südasien treffend aus. Die Band wuchs in Bahrain auf. Neben den üblichen Instrumenten kommen auch für die Region typischere Instrumente wie Sarangi, Taishogoto, Congas, Rhythmus-Ukulele, Phin-Gitarre oder Darbuka zum Einsatz.

Im Mai ist ihr viertes vollwertiges Album „Levitation“ erschienen, das vor allem mit Psychedelic-Rock aufwartet. Die Gitarren sprechen hier eine eindeutige Sprache wie in „Marigold“. Den im Albumtitel versprochene Schwebezustand kann die Musik auch liefern. Stücke wie „Peaches“ bringen eine gewisse Leichtigkeit mit sich. Für exotische Häppchen ist etwa bei „Nizwa“ gesorgt.

Musik zum: Kennenlernen der östlichen Seite des Psychedelic-Rock. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Sea Girls

Die BBC hat die Londoner auf ihrer Empfehlungsliste für 2019. Nach der beachteten Debütsingle „Call Me Out“ in 2018 lieferte die Band mit den Liedern „Damage Done“ und „Open Up Your Head“ 2019 Pop-Rock-Duftmarken, die absolut radiotauglich daher kommen.

Sänger Henry Camamiles hat eine hit-taugliche Stimme. Die Musik ist melodiös, bedient sich niederschwelliger Mittel und eignet sich zumindest für eine gewisse Zeit als Stammgast im Ohr. Ein erstes vollwertiges Album steht noch aus, daher muss man erst mal abwarten, ob das über ein ganzes Album auch funktioniert.

Musik zum: Hüpfen in der Menge. Erlebnistpotenzial: 3/5 Sterne.

Jeremy Dutscher

Der Kanadier führt die Klänge seiner Vorfahren in 21. Jahrhundert. Der klassisch ausgebildete Tenor stieß auf eine Lieder-Sammlung seiner Vorfahren, die in der indigenen Sprache Wolastoq geschrieben ist. Als er die Stimmen hörte, passierte etwas mit ihm. Ein musikalisches Erwachen.

Dutscher verbindet auf seinem Debütalbum „Wolastoqiyik Lintuwakonawa“ (2018) die Archivaufnahmen mit Klavier-Klängen, Streichern und Percussionen. Der spirituelle Sound wandelt zwischen intimen Momenten und episch-kräftigen Hymnen.

Manche Lieder bekommen einen tanzbaren Rhythmus, was die über 100 Jahre alte Tradition in die Moderne zerrt. Dutschers gut ausgebildete Stimme brilliert in dieser Musik.

Musik für: Klassik-Fans, die mit den Wölfen tanzen. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Haiku Hands

Tanzschuhe schon an? Die australische Formation bringt mit ihrer elektronisch-poppigen Tanzmusik die Füße in Bewegung. Zwangsläufig. Stücke wie „Dare You not to Dance“ dürfen nicht nur wortwörtlich als Drohung verstanden werden: Wehe, Du tanzt nicht! Was noch fehlt, ist ein komplettes Album. Bisher sorgen Appetithappen wie „Spuat“ für erste Befriedigung. Vielleicht ist es auch eher eine Musik, die man auf der Tanzfläche und nicht im Wohnzimmer hört. Wobei: Haiku Hands könnten das Wohnzimmer zur Tanzfläche verwandeln. Musik für: Tanzhasen mit reichlich Akku. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Kadavar: Die bärtigen Berliner entführen in die Zeit des 70er-Jahre Hard-Rock. Der Einfluss von Stoner- und Psychedlic-Bands wie Black Sabbath oder Hawkwind ist unverkennbar. Ein echter Gitarren-Sound wie früher. Auch der Gesang und das Arrangement erinnern an die Zeiten. Schnee von gestern? Nein, zeitlose Saiten-Spektakel. Allerdings: Wer nicht total auf die Musik steht, wünscht sich irgendwann vielleicht eine Abwechslung. Musik zum: Matten schwingen. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Black Sun“, „Come Back Life“.

David Keenan

Der irische Liedermacher bringt die ganze Emotionalität seiner Heimat in die Musik. Das Bauchgefühl des Augenblicks wird erfasst. Der Akzent wird zelebriert.

Meist sind es sehr klassische Singer-Songwriter-Stücke, bei denen er nur etwas Gitarre spielt und ansonsten eine Geschichte zu erzählen hat. Auch das Klavier ist ein beliebter Begleiter, wie in „Evidence of Living“. Die etwas aufwendiger instrumentierten Lieder haben vor allem einen Folk-Charakter, wie in „Two Kids“.Ein vollwertiges Album fehlt noch. Bisher hat Keenan seit 2017 diverse kurze Tonträger auf den Markt gebracht.

Musik wie: ein klangliches Glaubensbekenntnis. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Lisa Morgenstern: Die deutsch-bulgarische Sängerin, Pianistin und Komponistin hat im April ihr Debüt-Album „Chameleon“ veröffentlicht. Ein Tonträger, der in seiner Ganzheit stimmig wirkt, eine gewisse erhabene, nachdenkliche Stimmung gut vermittelt. Live wirkt die Musik am besten auf kleineren Bühnen.

Ihre glasklare Stimme mit dem butterweichen Vibrato zieht den Zuhörer gleichermaßen in ihren Bann, wie das eindrucksvolle Piano-Spiel. Elektronische Einflüsse veredeln den melancholischen Pop. Auch ihr klassischer Hintergrund lässt sich nicht leugnen. Die Stücke bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Opulenz und Intimität – eine Gratwanderung.

Musik für: meditative Momente. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Answers“, „Levitation“.

Town of Saints

Die niederländischen Launemacher können ein Publikum mitreißen. Besonders dann, wenn sie ihren Folk voller Elan und tanzbar auf die Bühne bringen. Hier ist besonders das flotte Violin-Spiel von Heta Salkolahti, ihrerseits Finnin, prägend. Aber Town of Saints können auch ganz sanfte Töne anschlagen. Besonders dann kommt die warme, sanft-kratzige Stimme von Harmen Ridderbos zur vollen Entfaltung. Insgesamt punktet die Gruppe durch eine gewisse Lagerfeuer-Atmosphäre.

2018 ist das jüngste Album „Celebrate“ erschienen, was nichts weniger liefert, als der Titel verspricht. Stücke wie „Up in Smoke“ oder „Requiem for the Living“ lassen sich live wirklich… abfeiern. Das haben sie 2018 schon beim Kaltern Pop unter Beweis gestellt.

Musik um: das Cowgirl zum Tanz aufzufordern. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Kuersche

Der Hannoveraner ist ein Live-Musiker. Punkt. Es macht gar nicht viel Sinn, sich durch die etlichen seit 1995 erschienenen Tonträger zu hören. Wirklich beurteilen kann man Andreas Kürschner und die Brüder Jan und Lars Neumann, mit denen er seit 2017 zusammen spielt, erst, wenn man ihre Bühnen-Performance selbst erlebt hat.

Ihre Musik ist keine Zauberei, aber ehrlich, authentisch, handwerklich sauber gespielt und leicht mitsingbar. Der Pop-Rock funktioniert im Schützenzelt genauso wie in einer intimen Bar oder vor 10.000 Besuchern, etwa jahrelang als Vorband für Fury in the Slaughterhouse.

Musik für: jegliche Bühne. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Karten fürs Festival gibt es unter www.haldern-pop.com. Preis: 125,40 Euro.

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