Historie

Heinrich Lübke mahnte vor 50 Jahren die Reeser vor Wohlstand

Heinrich Lübke (Mitte) begrüßte die Reeser Eduard Lensing (links) und Bürgermeister Johann Meisters (2.v.l.).

Heinrich Lübke (Mitte) begrüßte die Reeser Eduard Lensing (links) und Bürgermeister Johann Meisters (2.v.l.).

Rees.  Carla Gottwein hat Tonaufzeichnungen ihres Vaters Bruno Leineweber vom Besuch von Heinirch Lübkes in Rees im Jahr 1967 gefunden.

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Kurz vor Eröffnung der Ausstellung zum Brückenschlag Rees-Kalkar vor rund 50 Jahren im Koenraad-Bosman-Museum fand Carla Gottwein alte Tonaufnahmen ihres Vaters Bruno Leineweber gefunden, die er beim Empfang am 19. Dezember, am Vorabend der Einweihung, im Rathaus gemacht hat.

Sowohl die Grußworte des Bürgermeisters und des Landrates als auch die Ansprache des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke sind zu hören. „Letztere ist nicht nur sehr aktuell, sondern auch geeignet das Bild, das weite Teile der Öffentlichkeit von Heinrich Lübke haben, zu korrigieren“, resümiert die Reeser Filmemacherin Gottweon. „Ich habe das Tondokument digitalisiert, transkribiert und die Dateien der Archivarin Tina Oostendorp übergeben.“

Mit einem Philips-Recorder wurde die Aufnahme gemacht

Mit seinem damals neu erworbenen Philips-Kassettenrekorder mit der typischen Einknopf-Bedienung hatte sich Bruno Leineweber am 19. Dezember 1967 auf den Weg zum Rathaus gemacht, um dort den Empfang für den Bundespräsidenten Heinrich Lübke aufzunehmen. „Mein Vater war Mitglied des Rates und gehörte so selbst zu den Personen, die Heinrich Lübke nach den Redebeiträgen persönlich vorgestellt wurden.“

Zunächst gab es an diesem Abend Grußworte des damaligen Bürgermeisters Johann Meisters und des Landrats Friedrich Mölleken. Heinrich Lübke erinnerte in seiner zwölfminütigen Ansprache, die er ohne Manuskript hielt, zunächst an seinen letzten Besuch in Rees. Damals (1959) hatte er sich von seinem Wahlkreis Rees-Dinslaken verabschiedet, weil er am 1. Juli 1959 als Nachfolger von Theodor Heuss zum deutschen Bundespräsidenten gewählt wurde. Im weiteren Verlauf der Rede nahm er Bezug auf die Funktion der Rheinbrücke, bevor er zu einem ihm wichtigen Anliegen folgendermaßen einleitete: „Ich muss heute so sprechen, wie mir das Herz steht, ja.“

Heinrich Lübke gründete im Herbst 1962 die Welthungerhilfe

Carla Gottwein weiß, dass sich Heinrich Lübke besonders für die Bekämpfung des Hungers und der Armut in Afrika und Asien engagierte. „Er gründete er im Herbst 1962 die Welthungerhilfe.“ An die Reeser appellierte er: „Man muss den guten Willen zeigen, diesen Leuten zu helfen. Denn wenn wir das behalten würden, etwa dass wir 40, 50 Millionen Tote hätten aus Mangel an Nahrung, da würde ich - wenn die Reichen – wir in Deutschland können uns ruhig zu den reichen Ländern rechnen – ihrerseits es nicht fertig bringen, den Hunger in der Welt zu beseitigen, dann werden die reichen Länder auch nicht überleben. Denn die Millionen auf der anderen Seite, die sind viel stärker als wir, auch mit den größten Waffen könnte man diese Millionen nicht abwehren. Wenn einmal dieser Hass, der vielfach noch bei den Farbigen besteht, weil sie schlecht behandelt worden sind, weiter entwickeln würde, dann wehe uns wenigen Ländern und Völkern hier in Europa.“

Lübke erkannte die Gefahren des nur auf den eigenen Wohlstand zielenden Kapitalismus

Was Carla Gottwein besonders beeindruckt: „Schon vor 50 Jahren erkannte Lübke die Gefahren des nur auf den eigenen Wohlstand zielenden Kapitalismus.“ Sie weist dabei auf folgendes Redezitat hin. Lübke: „Die meisten denken, ich will alles das, was ich früher hatte, möglichst schnell wieder haben. Wir haben da diese Zeit von 1950 bis 1957/58, in denen es ganz eindeutig bergauf ging, dann einen Augenblick stockte und dann wieder nach oben ging. Wenn wir die Schwierigkeiten der letzten beiden Jahre betrachten, dann kann man nur sagen, es wäre nicht passiert, wenn wir nicht die Überhastung zum Wohlhaben, wenn wir das unterdrückt hätten. Diese Prüfung ist von uns Deutschen nicht bestanden worden. Wir werden vielleicht noch länger darunter leiden.“

Lübke prognostizierte mögliche Unruhen

Direkt bezogen auf Deutschland formuliert Lübke gegen Ende der Ansprache: „Wenn wir das nicht tun, dann wird eine Unruhe in Deutschland hervorgerufen und eine Unordnung, von denen sie ja heute manches aus den Städten hören, die uns ärmer machen wird. Und wenn dann diese Armut über uns kommt, dann wird es noch wieder schlimmer. Und wir behalten dann keine Zustände, die wir jetzt haben, sondern wir werden dann vielleicht wieder Zustände bekommen, wie wir sie mal hatten in der unglückseligen Zeit.“

Was aktuell passiert, nämlich das Aufkommen radikaler Gruppierungen und Tendenzen, hat Lübke hier bereits vorhergesehen.

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