Bluttat

Prozess: 45-Jährige bereut Attacke am Rheinufer in Emmerich

Ein schwerer Angriff am Emmericher Rheinufer wird derzeit vor Gericht in Kleve verhandelt.

Foto: Niklas Preuten

Ein schwerer Angriff am Emmericher Rheinufer wird derzeit vor Gericht in Kleve verhandelt. Foto: Niklas Preuten

Emmerich/Kleve.   Oksana Ö. sticht im Juli am Rhein in Emmerich im Zorn mit einem Flaschenhals auf ihren Bekannten ein. Jetzt begann der Prozess in Kleve.

Als Richter Jürgen Ruby von dem Opfer wissen wollte, wie es heute über das Geschehen vom Juli des vergangenen Jahres an der Rheinpromenade denkt, fiel diesem nur ein Wort ein: „Unnötig.“ Die Ereignisse hätten den stattlichen Mann fast das Leben gekostet, nur eine fünfstündigen Operation im Krankenhaus verhinderte, dass er an den Folgen mehrerer Stichverletzungen verblutete.

Unnötig aber ist keine juristische Kategorie, und so muss das Schwurgericht am Landgericht Kleve unter Vorsitz von Richter Ruby versuchen, das richtige Strafmaß für die Tat zu finden. Versuchter Totschlag und schwere Körperverletzung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, meint die Staatsanwaltschaft.

Angeklagte: „Besten Freund für immer verloren“

Mehrere Verhandlungstage sind angesetzt, auf der Anklagebank sitzt Oksana Ö., 45 Jahre alt. Daran, dass sie zugestochen hat, gibt es keinen Zweifel: Sie selbst ließ das Tatgeschehen, so weit sie sich erinnert, von ihrer Anwältin Zimmermann vortragen, und sie beteuerte mehrfach, dass es ihr „unendlich leid“ tue. „Ich wollte ihn nicht verletzen. Wahrscheinlich habe ich meinen besten Freund für immer verloren.“

Bevor Oksana, eine gebürtige Ukrainerin, in der Klever Schwanenburg schilderte, wie die Dinge in der lauen Sommernacht eskalierten, blickte sie – mehrfach von Weinkrämpfen geschüttelt – auf ihr Leben zurück. Tierärztin wollte sie in ihrer Heimat werden, sie begann wohl auch ein Studium, fand es aber ekelhaft, Frösche zu sezieren.

Eheprobleme in Deutschland

So landete sie als Arbeiterin in einer Fabrik. Sie siedelte nach Deutschland über, heiratete einen Kurden, „aber die Ehe war nicht das Richtige“. Dann lernte sie einen jüngeren Mann kennen, der sie vor die Entscheidung stellte: „Ich oder dein grausames Leben.“ Sie zog aus.

Das Leben aber blieb grausam. Oksana Ö. verfiel dem Alkohol. Nach einem Streit mit dem Lebensgefährten rief Oksana ihren Kumpel S. an. Die beiden verabredeten sich an einem abgelegenen Plätzchen am Rhein in der Nähe der Chemiefabrik. S. hatte sich dort bereits mit einem angelnden Freund getroffen; Oksana sollte hinzukommen und dort in entspannter Atmosphäre ihr Herz ausschütten.

Mix aus Alkohol, Cannabis und Tabletten

Sie hatte allerdings zuvor schon ihren Mix aus Alkohol, Cannabis und Beruhigungstabletten konsumiert. Zunächst verlief der Abend wie geplant, dann aber echauffierte Oksana sich über ihren Hund, der aus ihrer Sicht ungehorsam war und schleuderte das Tier wutentbrannt ins Gebüsch.

S. schritt ein, Oksana zertrümmerte eine Weinflasche und stieß den Flaschenstumpf in Richtung ihres Bekannten. S. gelang es noch, seinen Arm zum Schutz hochzureißen, so dass die Flasche über eine Länge von 25 Zentimetern den Arm aufschnitt und eine Schlagader traf.

Sie leckte sich das Blut von den Fingern

Blutend rannte S. davon, geriet in einem Brombeergestrüpp ins Stolpern und stürzte. Oksana holte ihn ein und stach noch zweimal in den Rücken, ehe der Anglerfreund sie fortriss und erste Hilfe leistete. Oksana rieb sich unterdessen mit Blut aus der Blutlache ein, leckte sich die Finger ab und machte Liebesbekundungen.

Vor Gericht erweckte S. den Eindruck, die Tat mittlerweile gut verarbeitet zu haben. Die Angeklagte betrachtete die Ereignisse als Wendepunkt in ihrem Leben, ihrem Opfer schenkte sie am Ende des ersten Verhandlungstages das Neue Testament.

Der Prozess wird am 14. Februar um 10 Uhr fortgesetzt

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