Pro Kultur

Rundgang über den jüdischen Friedhof in Emmerich

Pfarrer em. Dr. Jan Heiner Schneider (2.v.l.)

Pfarrer em. Dr. Jan Heiner Schneider (2.v.l.)

Foto: Konrad Flintrop

Emmerich.   Auf Einladung von „Pro Kultur“ spazierten 20 Teilnehmer über den jüdischen Friedhof in Emmerich. Hier gab es Infos über die Beisetzungsrituale.

Wenn gläubige Juden einen Friedhof betreten, dann sprechen sie meist ein Gebet, das in aller Welt in der Landessprache und in Hebräisch auf einer Tafel am Friedhof steht. Das taten aus Respekt vor den Toten auch die rund 20 Teilnehmer, die der Einladung der Bürgeraktion „Pro Kultur“ gefolgt waren, um sich von Pfarrer em. Dr. Jan Heiner Schneider auf dem jüdischen Friedhof an der Wassenbergstraße über die Beisetzungsrituale informieren zu lassen.

Letzte Bestattung erfolgte 1942

Der Friedhof wurde von 1826 bis 1922 genutzt, wobei bis 1928 noch Bestattungen von Angehörigen in den vorhandenen Familiengruften stattfanden. Zuvor hatte sich der jüdische Friedhof zwischen Stadtmauer und Stadtgraben „Im Euwer“ befunden. Nach 1922 fanden die Bestattungen der Juden auf dem neuen kommunalen Friedhof Mühlenweg statt. Insgesamt wurden 28 Gräber belegt. Die letzten Bestattungen erfolgten unter tragischen Umständen. 1942 schieden Henriette Levi (72) und Eugen Mehler (74) freiwillig aus dem Leben, um der Deportation zu entgehen. „Heute erinnern zwei Gedenksteine anstelle von Grabsteinen an sie, weil es keine Angehörigen gab, die sie hätten errichten können“, so Schneider. „Die Gedenksteine wurden 1988 von einem ungenannten Emmericher Bürger zum 50. Jahrestag des Pogroms vom 9. November 1938 gestiftet.“

Hier entstand ein Ehrenfriedhof

Diese Judengräber wurden 1943 umgebettet, weil an dieser Stelle der Ehrenfriedhof für im Lazarett gestorbene Soldaten und durch Bombenangriffe getötete Zivilisten errichtet wurde.

Dann ging der Israel- und Judaica-Experte auf die Grabsteine ein, an die der Zahn der Zeit mächtig genagt hat. Manche Schriftzeichen sind überhaupt nicht mehr zu entziffern: „Die Grabsteine sind denen auf europäischen Gräbern nachempfunden. Oben stehen immer zwei hebräische Buchstaben, die bedeuten: Hier ruht ... Neben dem Namen des Toten und Sterbedatum stehen auf dem Stein bei den Männern noch der Vorname und der Vatersname, bei verheirateten Frauen zusätzlich noch der Vatersname des Ehegatten. Man preist auch die Wohltaten des Toten.“

Familien sind europaweit verzweigt

Auch der Grabstein der Familie Gompertz steht auf dem alten Friedhof an der Wassenbergstraße. „Das ist eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Familien, die seit dem 16. Jahrhundert in Emmerich nachweisbar ist und sich europaweit verzweigt hat“, so Schneider. Der Name Gompertz entstand aus dem deutschen Vornamen Gumpert (Gundbert) und war ein Beiname des jüdischen Namens, ehe er zum Nachnamen wurde. Die Schreibweise variierte. „Sie nahmen zumeist den Namen der Stadt als Nachnamen an, so dass ein Cleve oder Emmerich zur Gompertz-Sippe zählt“, sagte Schneider. Auch vom „Klüngel unter den Juden“ erzählte er, denn „die Patrizierfamilien heirateten immer ihresgleichen.“

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