Gilde der Marktschreier

Heute in Schwelm, morgen in Neustrelitz

Wurst-Achim hat als Marktschreier seinen Traumjob gefunden.

Wurst-Achim hat als Marktschreier seinen Traumjob gefunden.

Foto: Laura Dicke / WP

Schwelm.  Großes „Kino“: Um die Wetter brüllten in Schwelm am Wochenende die Mitglieder der Echten Gilde der Marktschreier.

Wer am vergangenen Wochenende in der Schwelmer Innenstadt unterwegs war, war spätestens am Märkischen Platz angekommen hellwach. Denn dort gaben sich Aal-Ole, Wurst-Achim, Knabber-Paul und Co. ein lautstarkes und stimmgewaltiges Gefecht. Zum 50. Jubiläum gastierte die Echte Gilde der Marktschreier unter dem Motto „50 Jahre und kein bisschen leiser“ in der Kreisstadt und lockte nicht nur wegen der vielfältigen Angebote zahlreiche Bürger an.

Alte Tradition aus dem Mittelalter

Die Marktschreierei ist eine alte Tradition, die bereits im Mittelalter bekannt war und besonders auf dem Fischmarkt in Hamburg gedieh. Heute existiert offiziell nur noch die Echte Gilde aus neun Marktschreiern, die in zehn Monaten im Jahr in der ganzen Bundesrepublik unterwegs sind. „1970 wurde die Gilde als Werbetruppe für den West-Berliner Fischmarkt gegründet. Die erste Veranstaltung war so erfolgreich, dass die Gilde schnell in andere Bundesländer reiste“, erzählte Veranstalter und Firmenchef Achim Borgschulze. 2006 übernahm er das Unternehmen, das einst seine Eltern gründeten. Zum 50. Jubiläum holte Achim Borgschulze sein Team in seine Heimat – der Unternehmer wohnt in Sprockhövel und organisiert von dort aus die wöchentlichen Auftritte der Marktschreier. Von Anfang Februar bis Ende November sind Marktschreier der Gilde in Deutschland unterwegs und jedes Wochenende in einer anderen Stadt.

Den Grund, wieso eine solche Veranstaltung bei den Bürgern so beliebt ist, sieht Veranstalter Achim Borgschulze vor allem in der Tradition: „Es ist die Marktschreierei an sich, die die Besucher anlockt. Solch eine traditionsreiche und volkstümliche Veranstaltung gibt es sonst kaum“. Besonders in den neuen Bundesländern sind die Marktschreier laut Achim Borgschulze sehr gefragt, da dort das Traditionsbewusstsein sehr hoch sei. Auch im gesamten Land, so sagt der Firmenchef, sei das Bewusstsein für Kultur und altertümliche Veranstaltungen wieder im Wachsen. „Der Zweig der Marktschreier wird sich wieder durchsetzen“, ist sich Achim Borgschulze demnach sicher.

Dabei liegt der Grundgedanke der Veranstaltung nicht vorrangig beim Profit der Markthändler, sondern darin, Spaß zu vermitteln. Die Marktschreier wetteifern lautstark und gegeneinander. Da dürfen auch die einen oder anderen Sprüche gegen die Kollegen nicht fehlen. „Das alles muss mit Humor genommen werden“, erzählte zum Beispiel Wurst-Achim, der amtierende deutsche Meister im Marktschreien und Weltrekordhalter. Neben einer ordentlichen Portion guter Laune und Humor benötigt ein erfolgreicher Marktschreier ein lautes Naturell und eine kräftige Stimme. Im Vergleich zum normalen Bürger werden die Marktschreier nach einem ganzen Tag schreien nicht heiser. Dies liegt an der besonderen Atmung und einem „anderen“ Schreien, wie Wurst-Achim erklärte: „Unser Geheimnis ist, dass wir über das Zwergfell schreien und nicht über den Kehlkopf. Das kann man im speziellen Atemunterricht, wie auch Sängern es machen, lernen.“ Als amtierender Weltrekordhalter als lautester Mensch weiß Wurst-Achim, wovon er spricht. Sein Rekord liegt bei 110,2 Dezibel. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer hat 100 Dezibel und ein startender Düsenjet etwa 125 Dezibel.

Außerdem braucht jeder Marktschreier ein Gefühl für die Besucher, um bestmöglich mit diesen zu interagieren und den Humor abzustimmen. „Hier im Ruhrgebiet oder im Norden darf es auch mal ein etwas deftiger Spruch sein. Andere Bundesländern sind nicht so humorvoll“, so Wurst-Achim. Er selbst kam eher durch Zufall zum Marktschreien und heute kann er sich kaum etwas anderes als Beruf vorstellen. Auch Veranstalter Achim Borgschulze versuchte sich einmal als Marktschreier, letztendlich überließ er das Brüllen jedoch lieber seinen Kollegen: „Das ist ein echter Knochenjob und nicht zu unterschätzen!“

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