Nostalgie

Älteste Tankstelle Deutschlands schließt Ende Mai in Essen

Manfred Milz mit seinem Stammkunden Klaus Schwab, der seit mehr als 50 Jahren die Tankstelle an der Gemarkenstraße  nutzt

Manfred Milz mit seinem Stammkunden Klaus Schwab, der seit mehr als 50 Jahren die Tankstelle an der Gemarkenstraße nutzt

Foto: Klaus Micke

Essen-Holsterhausen.   Einer der letzten echten Tankwarte geht: Manfred Milz schließt die älteste Tankstelle Deutschlands. Auftanken konnten dort nicht nur Autos.

Manfred Milz erinnert sich noch gut an jenen Abend, an dem einer seiner Kunden den Kalender-Spruch „Wir sind immer für Sie da“ allzu wörtlich nahm. Er hatte nach einer Elf-Stundenschicht zwischen Zapfsäulen, Ölständen und von Hand polierten Motorhauben gerade Feierabend machen wollen. „Da rief mich ein Stammkunde an und erzählte mir völlig verzweifelt, dass ihn seine Frau verlassen hat und alle Möbel weg sind. Da habe ich ihn zu mir ins Büro eingeladen, und wir haben stundenlang gequatscht“, erzählt der Tankwart, der vor mehr als fünf Jahrzehnten an der mittlerweile ältesten Tankstelle Deutschlands anheuerte. Auftanken konnten bei ihm in all den Jahren nicht nur die Autos, sondern vor allem die Menschen, die zu ihm auf den kleinen Hinterhof an die Gemarkenstraße kamen.

Finanzamt prüfte Tankstelle wegen geringer Einnahmen

Am 31. Mai ist Schluss, will Milz mit fast 70 Jahren in Rente gehen, „Rockmusik machen und campen“, sagt der bodenständige Mann, den vor allem seine Lebensfreude so jung gehalten hat. Nur wenige Fältchen zeichnen sein Gesicht, die meisten sind wohl durchs Lachen entstanden.

Er empfinde schlicht „großes Glück“ sagt Milz, dass er über all die Jahre so viele tolle Menschen kennengelernt habe. „Millionäre und arme Schlucker, ganz egal, bei mir waren die immer alle gleich und ihre Sorgen auch“, sagt Milz. Bei ihm selbst spielte Geld immer eine untergeordnete Rolle, wie er mit einer Geschichte verdeutlicht: „Einmal hat mich das Finanzamt auf Herz und Nieren geprüft, weil die nicht glauben konnten, dass der Laden hier so wenig abwirft und ich allein damit meinen Leben bestreite.“

Viele Stammkunden sind mit Manfred Milz alt geworden

Vor einigen Jahren baute er einen kleinen Getränkemarkt auf, um seine Einnahmen etwas zu verbessern. Beim Preispoker der Öl-Multis und Riesen-Waschstraßen mischte er nie mit. Seine Kunden zahlten immer ein paar Cent mehr, wurden dafür mit freundlichem Service und einem lockeren Spruch belohnt. Viele von ihnen sind mit Manfred Milz alt geworden, kommen mitunter seit mehr als 50 Jahren in die Gemarkenstraße 17.

„Wenn er gut drauf ist, checkt er nicht nur den Ölstand, sondern putzt auch noch die Scheiben“, sagt etwa Klaus Schwab, der seit 1969 zum Stammkundenkreis zählt. Seine Immobilienfirma verwaltet das Grundstück: „Wir alle hier wollen einen Nachfolger und sind etwas verzweifelt. Das hat sich immer angefühlt wie eine große Familie. Leider hat sich bislang niemand gefunden, der den Betrieb übernehmen will.“ Idealismus reicht schließlich den wenigsten zum Leben.

Tankstelle wurde bereits 1924 gegründet

Auch Emmi Wallberg ist traurig: „Ich habe meine Autos in den vergangenen 50 Jahren immer von Hand waschen lassen. Das macht doch heute keiner mehr.“ Ehrensache, dass Manfred Milz ihre Zuhause eingelagerten Winter- und Sommerreifen immer selbst abholte und aufzog: „Ich weiß wirklich nicht“, sagt die Rentnerin, „wer ihn ersetzen könnte.“ Fritz Schwab nickt zustimmend. Obwohl er in Kettwig lebt, kommt er seit 55 Jahren nach Holsterhausen zu der Tankstelle, erzählt Schwab und lobt den „ausgezeichneten Service“.

Hatte Manfred Milz einmal 250 Stammkunden, seien es mittlerweile vielleicht noch 120, schätzt er und fügt nachdenklich hinzu: „Ich versuche immer, bei den Beerdigungen dabei zu sein.“ Wenn er am 31. Mai das letzte Mal die Tür zu seinem kleinen Büro abschließt, werde natürlich etwas Wehmut dabei sein: „Ich werde euch bestimmt vermissen“, hat Milz seinen Kunden geschrieben – und sie gleichzeitig für November zum Konzert seiner Rockband „Uhrwerk“ in den Alten Bahnhof Kettwig eingeladen. Ein Abschied ohne Musik hätte zu Manni auch nicht gepasst.

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