Erlebte Geschichte

Als junges Mädchen trug sie im Krieg Zeitungen aus

Für Hetty Fais bedeutet die gedruckte Zeitung Lebensqualität. Auch Hund Stanley ist bei der Lektüre mit dabei.

Für Hetty Fais bedeutet die gedruckte Zeitung Lebensqualität. Auch Hund Stanley ist bei der Lektüre mit dabei.

Foto: André Hirtz

Essen.   Die Essenerin Hetty Fais erinnert sich an eine schlimme Zeit, in der sie und ihre Mutter ausgebombt waren. Der Boten-Job hielt sie über Wasser.

In einer Woche beginnen im einstigen Essener Zeitungsviertel, bis Ende Januar 2019 Sitz der FUNKE Mediengruppe, die Abrissarbeiten. Zwischen Bert-Brecht-, Friedrich- und Sachsenstraße soll in den nächsten Jahren das „Literatur-Quartier“ entstehen – mit einer Mischung aus Büros, Beherbergungsbetrieben und Wohnungen. Ein neues Viertel, das so gar nichts mehr mit der bisherigen Bedeutung zu tun hat. „Das ist schon ein bisschen traurig“, findet Hetty Fais. „Denn für mich ist die Sachsenstraße fest verbunden mit Zeitung und Zeitungsmachen – und das schon als kleines Mädchen“, sagt die Essenerin.

WAZ und NRZ gab es da noch nicht, als Hetty, die eigentlich Hedwig heißt, das erste Mal eine Zeitung in den Händen hatte, und zwar als Zeitungsbotin. Das war 1944, mitten im Krieg. „Ich war so neun, wurde gerade zehn Jahre alt“, erinnert sie sich lächelnd. „Natürlich überhaupt kein Alter, um arbeiten zu gehen. Aber wir waren ausgebombt, hatten nichts mehr, alles war kaputt.“ Die Schule habe geschlossen gehabt. „Was sollte ich also tun? Ich habe mit meiner Mutter Zeitungen ausgetragen.“

Druckerei im Reismann-Grone-Haus

Die seien aus der Druckerei an der Sachsenstraße gekommen, kann sich die gebürtige Altenessenerin noch entsinnen. „Meine Mutter war häufiger dort und hat die Stapel abgeholt.“ Seit 1923 stand in dieser Straße das Reismann-Grone-Haus. Dort wurde die Rheinisch-Westfälische Zeitung gedruckt, ein NS-konformes Blatt, das deshalb auch 1944 noch Papierkontingente zugewiesen bekam.

Nachdem im April 1945 die US-Amerikaner ins Ruhrgebiet einmarschiert waren, wurde Dietrich Oppenberg die Leitung des Druckhauses im zerstörten Reismann-Grone-Haus übertragen. Ein Jahr später erhielt er von der britischen Militärregierung die Lizenz für die Neue Ruhr Zeitung, deren Verleger er bis zum Zusammenschluss mit der WAZ-Mediengruppe 1976 war.

Sie durfte auch das Geld fürs Abo einnehmen

Doch von diesen politischen Umbrüchen waren Hetty und ihre Mutter noch weit entfernt. „Für uns ging es ums Überleben, wir hatten ja nichts mehr.“ An der Vogelheimer Straße war ihr Zustellrevier, „die kleinen Nebenstraßen habe ich immer beliefert“. Dazu habe auch das Einsammeln des Geldes für das Abonnement gehört, „was für ein kleines Mädchen schon eine verantwortungsvolle Aufgabe war.“

Auch die vielen Menschen, die sie kennenlernte bei ihren Touren durch die Straßen, fand sie interessant. „Arme Menschen wie wir, aber auch gut bürgerliche Haushalte.“ Ihnen gemeinsam war die prekäre Versorgungslage in Essen. „Durch die Bomben hatte sich das Stadtbild komplett verändert.“

Als junge Frau packte sie Zeitungspakete

Die sehr kurze Zeitspanne als Zeitungsbotin von nur wenigen Monaten hat die heute 85-Jährige durchaus nachhaltig geprägt, „eine Zeitung war später bei uns immer im Haus“. Und noch einmal, als junge Frau mit 19 Jahren, war sie in der Branche tätig. An den Rotationsmaschinen im Girardetverlag packte sie die Zeitungspakete für die Abholung durch die Boten. „Da war ich dann mal an der Ausgabestelle“, erzählt sie lachend.

Bis 1955 habe sie den Job gemacht, erzählt die vierfache Mutter, die jahrzehntelang im Schwimmverein war und außerdem eine gute Gesangsstimme hat. „Ich war so gut, dass ich im Opernextrachor den ersten Sopran gesungen habe. Und im Postchor war ich bis 1997“, sagt die Rentnerin nicht ohne Stolz. „Aber das ist eine andere Geschichte...“

Ob sie noch mal zur Sachsenstraße geht und sich vom alten Zeitungsviertel verabschiedet? Sie wiegt den Kopf, „das ist Geschichte, eher nicht“. Auf ihre gedruckte Zeitung möchte sie aber nicht verzichten. „Ich habe das Sport-Abo. Dreimal die Woche alles aus meiner Stadt. Da bin ich gut informiert.“

>>>16.500 QUADRATMETER WERDEN ENTWICKELT

  • Neuer Eigentümer der 16.500 Quadratmeter großen Fläche zwischen Bert-Brecht- und Sachsenstraße ist die OFB Projektentwicklung. Der Abriss der früheren Verlagsgebäude soll Mitte April 2019 starten und werde sich wohl bis zum Jahresende hinziehen.
  • Als Andenken an das Zeitungsviertel soll eine Linotype-Setzmaschine erhalten bleiben. Sie wiegt eine Tonne und steht noch im alten Funke-Gebäude.

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