Krupp-Stiftung

Altes Krupp-Stammhaus schlüsselfertig übergeben

Foto Walter Buchholz

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Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Berthold Beitz stattete dem jüngst restaurierten Kruppschen Stammhaus in Altendorf einen Besuch ab. In den beiden vergangenen Jahren wurde die Innenräume nach historischen Plänen, Zeichnungen und Fotos umfassend in Stand gesetzt. Das Haus gehört nun der Krupp-Stiftung.

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Es ist ein düsterer Freitagmorgen, bewölkt und begleitet von Regen und Wind. Es scheint ei­gentlich kein außergewöhnlicher Dezembertag zu werden für Berthold Beitz. Ein einziger Termin ist im Kalender des Kuratoriumsvorsitzenden der Al­fried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung eingetragen, eine Art Hausbesuch in Altendorf. Ziemlich unbedeutend könnte meinen, wer sich an die Ereignisse der vergangenen Monate erinnert: Erst vor wenigen Tagen wurde dem 98-Jährigen der Staatspreis des Landes NRW verliehen. Dann gab es da noch die große Feierstunde in der Villa Hügel, mit fast allen, die Rang und Namen haben, zum 200-Jährigen Bestehen der Firma, die Friedrich Krupp 1811 als „Kruppsche Gussstahlfabrik“ begründete. Nein, ein außergewöhnlicher Tag kündigt sich anders an, stände da nicht dieser unscheinbare Hausbesuch im Beitzschem Kalender. Und schon ist es kurz vor elf.

Warten auf den Hausherren

In Altendorf wird schon lange auf Essens Ehrenbürger gewartet, denn zu spät kommen will schließlich keiner. In Geduld übt sich ein Dutzend Gäste, darunter Oberbürgermeister Reinhard Paß, ThyssenKrupp-Vorstand Ralph Labonte und Martin Grimm, Chef der

ThyssenKrupp Real Estate. Pünktlich um 11 Uhr rollt der Wagen mit dem markanten Kennzeichen „E-RZ 1“ vor und hält am Straßenrand. Eine stattliche Vorfahrt, so wie auf Hügel, gibt’s nämlich nicht. Der neue Hausherr, Berthold Beitz, trifft zur Abnahme ein, denn das „Kruppsche Stammhaus“, wie das Miniaturanwesen mitten im ThyssenKrupp-Quartier genannt wird, wurde kürzlich an die Stiftung zurück übertragen. Eine eigene Anschrift samt Hausnummer und einen Briefkasten besitzt das Fachwerkhaus nicht. Es ist Teil des Campus und ab sofort ein Museum.

Dass der Besuchstermin ohne große Reden, reichhaltiges Büfett oder einer langen Gästeliste sehr wohl ein außerordentlich Wichtiger ist, das Lächeln Berthold Beitz’ verrät’s beim Aussteigen. Arm in Arm mit Paß und Grimm nähert er sich dem Haus, bevor er seinen Hut lässig an die Garderobe hängt. Im Haus ist es kühl; 14 Grad Mindesttemperatur müssen’s sein, damit nichts schimmelt. Elektroheizer im ganzen Haus bieten Abhilfe. Sie sind, wie ei­ne ISDN-Telefonanlage und Energiesparlampen, wohl die neusten technischen Einbauten im Gebäude. Es ist dem echten Stammhaus von 1818 nachempfunden.

Einen Keller hat der Neubau nicht. Ebenso fehlt ein Anbau, der früher an die Küche grenzte, wie Ralf Stremmel erklärt, Leiter des Historischen Ar­chivs Krupp. Der wohl imposanteste Raum im Haus ist das Büro des ersten Krupps, denn dort ist Firmengeschichte ertastbar. Stremmel: „Das ist der Original-Schreibtischstuhl, an dem

schon Friedrich Alfred Krupp gesessen und gearbeitet hat.“ Es sei kein gewöhnliches und ein teures Stück. Heute scheint es durchgesessen; das Leder ist nicht mehr perfekt. Der Schreibtisch ist eine Replik von 1961 auf Grundlage historischer Fotos. Auf zwei Etagen verteilt finden sich ein Biedermeiersofa, Thonetstühle aus Buchenholz, ein frisch bezogenes Bett, Sitzecken und Tische sowie ein Eckschrank aus dem Biedermeier (wahrscheinlich von 1830), ein sehr kostbares Stück aus Kirschbaumholz und Elfenbein.

Angetan ist der Hausherr aber von einem ganz anderen Möbelstück: einer Sitzwaage, wohl eine Spezialanfertigung für Alfred Krupp oder seinen Sohn. „Es scheint, dass beide darauf Freunde und Mitarbeiter gewogen haben“, berichtet Grimm bei der Hausführung. Dokumente auf dem Esstisch zeigen die über Jahre festgehaltenen Messergebnisse.

Höchstwahrscheinlich pendelte Friedrich Alfred Krupp gewichtlich um die 95 Kilo, ein Schwergewicht nicht nur industriell. Beitz testet die Waage aus, die stets verlässliche Ergebnisse lieferte. „Das stimmt nicht“, widerspricht er dem Ergebnis. 78 Kilo würde er nicht wiegen. OB Paß hat ihm zur Schlüsselübergabe ein Präsent mitgebracht – ein Garderobenständer, den Christian Häde von Essenes Beschäftigungsgesellschaft EABG in traditioneller Drechslerkunst anfertigte. Besichtigt werden kann das Stammhaus vorerst nicht. Die Krupp-Stiftung üb­erlegt noch, wie Öffnungszeiten für Besucher aussehen sollen.

Erinnerung an Firmengründer Friedrich Krupp

Zentraler Ort für das Unternehmen Krupp ist das 1818 errichtete, im ThyssenKrupp-Quartier gelegene Stammhaus. Als Betriebsleiterhaus gebaut, diente es Unternehmensgründer Friedrich Krupp, seiner Frau Theresia, geborene Wilhelmi, ih­rer Tochter Ida und ihren drei Söhnen Alfred, Hermann und Friedrich ab 1824 als Wohnhaus. Sein Sohn Alfred, unter dem die Firma zum größten Unternehmen Deutschlands heranwuchs, wohnte 20 Jahre lang im bescheidenen Gebäude, bis 1844. Alfred Krupp war es eb­enso, der das Haus 1873 zum Erinnerungsort machte, indem er bestimmte, dass es so lange bestehen solle, wie es die Firma Krupp gebe. Gemäß seinem Wunsch wurde das Haus restauriert und als Erinnerung an die Anfangszeit der Firma bewahrt und gepflegt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es leider vollständig zerstört. Zur 150-Jahrfeier 1961 ließ die Firma es so originalgetreu wie möglich neu errichten. 2010 wurde die Kruppsche Keimzelle von außen instand gesetzt und dieses Jahr von innen renoviert.

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