Luxus

Arme Stadt Essen, reiche Essener Bürger

Essen. Weltweit steigt der Reichtum der Wohlhabenden – auch zwischen Bredeney, Kettwig und Werden, wo mehr Einkommensmillionäre gezählt werden. Im Schnitt kommen auf 10.000 Essener 2,6 Millionäre, der NRW-Schnitt liegt bei 2,7. Arme Stadt, reiche Bürger.

Klingt zwar wie eine altlinke Kampffloskel, ist aber so: Die Reichen werden immer reicher. Und vor allem werden sie immer mehr. Auch in Essen. Wie das Landesstatistikamt in Düsseldorf nun bekannt gab, stieg im Bermudadreieck des gehobenen Wohlstands zwischen Bredeney, Kettwig und Werden die Zahl der Millionäre von 87 auf 153. Im Durchschnitt kommen damit auf 10.000 Essener 2,6 Millionäre, der NRW-weite Schnitt liegt bei 2,7. Die Stadt selbst mag arm sein wie ein Bettelmönch, doch sie ist anscheinend anziehend genug für Wohlhabende.

Dass dieser Anstieg, der sich aus dem Vergleich der Jahre 2004 und 2007 ergibt, jetzt erst offiziell wird, hat einen einfachen Grund: Bevor die Finanzbehörden ihr Datenmaterial an das Statistikamt weiterleiten, warten sie penibel ab, bis auch der letzte Einspruch gegen einen Lohn- oder Einkommenssteuerbescheid abgearbeitet ist. So viel Zeit muss sein, könnt ja noch einer unter die magische Eine-Millionen-Einkommensgrenze rutschen.

Wer mehr hat, zieht nach Düsseldorf

Andere zählen schneller. So geht etwa aus dem Weltvermögensbericht der Investmentbank Merrill Lynch und des Beratungsunternehmens Capgemini hervor, dass Deutschland hinter Japan und den USA weiterhin auf Platz drei der internationalen Vermögenden-Rangliste steht. Und: Die weltweit elf Millionen Millionäre besitzen mittlerweile wieder mehr Geld (42,7 Billionen Dollar) als noch vor der Wirtschafts- und Finanzkrise, die im Jahr 2008 ausbrach – und die den Lebensstandard der breiten Bevölkerung deutlich gedrückt hat.

Doch zurück nach Essen, wo Stadtsprecher Detlef Feige versichert, im Rathaus hänge keine Plus-Minus-Liste der Neu- oder Wiedermillionäre. Er kann auch nicht sagen, ob die 66 Neuzugänge in die Finanzoberliga alle Lottomillionäre oder mit goldenen Handschlägen verabschiedete Vorstände sind. Er weiß nur: „Wir freuen uns über jeden einzelnen“. Seinen Enthusiasmus kann Feige in Zahlen ausdrücken. Auf geschätzte 194 Millionen Euro sollen die Erträge im Jahr 2012 aus der Einkommenssteuer steigen, im Vergleich zu 2010 ein Plus von etwa 18 Millionen. Die Einkommenssteuer, ist nach der Gewerbesteuer die wichtigste Einnahmequelle im städtischen Haushalt.

„Essen ist ein hochattraktiver Wohnstadt“

Dass sich nur Reiche eine arme Stadt leisten können, weil sie nicht auf öffentliche Schulen, Kitas, Betreuungsangebote und Bibliotheken angewiesenen sind, ist das eine. Dass sie trotzdem hier leben wollen, ist das andere. Darauf angesprochen, startet Detlef Feige seinen Essen-Werbeblock: reiches kulturelles Angebot, grünes wie urbanes Lebensumfeld, gute Verkehrsanbindung, kurz: „Essen ist eine hochattraktive Wohnstadt.“

Richtig, sagen auch die, die es von Berufs wegen wissen müssen: Makler von Luxusimmobilien. Essen könne durchaus mit weichen Standortfaktoren wie Kultur und Natur punkten, die Stimmung auf dem Markt sei gut. Aber wer ein Superreicher ist, der ziehe die Landeshauptstadt vor. Dessislava Georgieva von Sotheby’s Immobilien sagt es freundlicher: „In Düsseldorf kann man auch mit Schlössern und Burgen arbeiten.“

Über Geld spricht man nicht

Frank Kups, Büroleiter von „Engel & Völkers“ in Rüttenscheid, sieht allerdings keinen Zusammenhang zwischen den gut laufenden Geschäften auf dem Luxusimmobilienmarkt und dem Zuwachs an Millionären. Eher beobachtet Kups generell eine „Flucht in Sachwerte“, weil die Finanzmärkte derzeit so nervös sind. Damit sei auch der Anstieg des Preisniveaus in Stadtteilen wie Bredeney und überhaupt im Essener Süden zu erklären. Mehr Millionäre heiße aber nicht leichteres Geschäft: „Es klingt zwar wie ein Klischee, aber Reiche gehen nicht unbedingt großzügiger mit Geld um.“ Deshalb sind sie ja reich, würde Dagobert Duck, die Ente aus dem Comic-Geldspeicher, ergänzen.

Und noch ein anders Klischee stimmt: Über Geld spricht man nicht. Anfragen bei Privatbanken, Boutiquen, Designmöbelläden und Edelrestaurants bleiben unbeantwortet. Niemand will sich in der Öffentlichkeit über die Geschäfte mit dem Mehr an Reichen äußern. Wenigstens verrät der Etuf-Golfclub am Baldeneysee, dass er trotz wachsender Mitgliederzahlen noch keinen Aufnahmestopp verhängen musste. Und beim Golfclub Heidhausen heißt es kurzangebunden, Golfen habe nicht zwingend etwas mit Reichtum zu tun. Nein? Nein! Ende des Gesprächs.

Individualität auf vier Rädern

Die goldene Stimmung im Premium-Segment der Automobilbrache ist hingegen hinlänglich bekannt. Und so findet der Mercedes Benz SLS, ein 200.000 bis 250.000 teurer Luxus-Sportwagen, auch beim Autohaus Lueg einen „reißenden Absatz“. Seit der Markteinführung im März 2010 wurde der Flügeltürer an der Altendorfer Straße 36 Mal an einen neuen Besitzer übergeben. Und Verkaufsleiter Benjamin Kaiser berichtet, dass er für die Roadstar-Variante des Luxusgefährts bereits acht Vorbestellungen hat – dabei wird der Wagen erst auf der IAA im September vorgestellt.

Das Bedürfnis nach „gehobener Mobilität“, wie es Kaiser nennt, scheint dabei mit dem Kontostand proportional zu wachsen. Die neuen und alten Millionäre legten schließlich Wert auf Individualität, die auf vier Rädern etwa in Sonderlackierungen zum Ausdruck kommt. Besonders beliebt sei derzeit das Silber, das an die 1950er-Ära der Mercdes Silberpfeile erinnert. Extra-Kosten: bis 13.000 Euro.

Einen Reifenwurf weiter, beim Porsche-Zentrum, läuft es derzeit ähnlich gut. Auf einen Porsche Cayenne (55.000 bis 115.000 Euro) muss der Kunde derzeit bis zu zehn Monate warten. „Dass es im Moment nicht schlecht bei uns läuft, ist doch bekannt“, sagt Verkaufsleiter Peter Quarti. Große Nachfrage erfahren die Turbo-Modelle des Zuffenhausener Autobauers, etwa der Panamera für über 130.000 Euro. So gesehen, stimmt es: Wir leben in Zeiten des Turbokapitalismus.

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