WAZ öffnet Pforten

Auf den Spuren von August Thyssen auf Schloss Landsberg

Diese Steinbank mit den Buchstaben AT findet sich im Park des Schlosses. Zwei Teilnehmerinnen von „WAZ öffnet Pforten“ nahmen Platz.

Diese Steinbank mit den Buchstaben AT findet sich im Park des Schlosses. Zwei Teilnehmerinnen von „WAZ öffnet Pforten“ nahmen Platz.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Mit „WAZ öffnet Pforten“ erhielten 15 Essener Leser eine Exklusiv-Führung im Schloss Landsberg bei Kettwig, bis 1926 Wohnsitz von August Thyssen.

Essen. Steil windet sich die private Zufahrtsstraße durch den Wald zum Schloss Landsberg. Hier ist es selbst bei schönstem Wetter dunkel. Die schlanken, halbhohen Laternen am Rand scheinen Besuchern den Weg weisen zu wollen. Wenn es welche gibt – denn das Anwesen an der Stadtgrenze zu Ratingen ist meist verschlossen. Für „WAZ öffnet Pforten“ aber macht der Besitzer – eine Stiftung der Familie Thyssen - eine Ausnahme.

Vom mittelalterlichen Bergfried aus wurde einst das Ruhrtal kontrolliert

Hinter der Pforte reckt sich der mittelalterliche Bergfried in die Höhe. Im 13. Jahrhundert hielt man von dem mächtigen Bruchsteinturm die Feinde in Schach und sicherte die nahe Ruhrbrücke. Auch wenn das Gemäuer so wirkt – Ritter gab es hier nie. „Aber einen Rittersaal“, sagt Christoph Wilmer, der die Gäste führt. Seit 1928 ist im Keller des Turms die Familiengruft der Thyssens. Dort erinnert eine lebensgroße Bronze-Skulptur auf einem Sarkophag an den prominentesten Burgherrn.

Der Großindustrielle August Thyssen lebte von 1904 bis zu seinem Tod 1926 hinter diesen dicken Mauern. Vom Garten dürfen die Gäste erste Blicke auf die herrschaftlichen Wohnbauten des Stahlbarons werfen, die er nach seinem Geschmack gestalten ließ. In unterschiedlichen Baustilen, was nicht jedem gefällt.

Zwei monumentale Steinbänke mit dem Monogramm „AT“ stehen sich auf einer Terrasse gegenüber. Oft wird August Thyssen hier nicht gesessen haben. Und wenn, dann allein: Als er mit 60 Jahren einzog, war er von seiner Ehefrau Hedwig getrennt. Die hatte er 1872 geheiratet, als sie 18 war. Sie schenkte ihm vier Kinder, und dann kam ein weiteres. „Doch das war nicht von ihm…“, erzählt Schloss-Historiker Wilmer.

Nach dem Seitensprung seiner Frau reichte Thyssen die Scheidung ein

Kurz: Thyssen reichte die Scheidung ein. Das Schloss kauft er für 300.000 Mark dem Freiherrn Ignatz von Landsberg-Velen und Steinfurt ab, der es als Sommerresidenz genutzt hatte. Thyssen lässt das Anwesen aufwendig renovieren. Auf den Spuren des Großindustriellen wandeln die Leser nun ins prunkvolle Innere des Herrenhauses. Dort erfahren sie Teile seiner Biografie: 1867 gründet August Thyssen mit Verwandten in Duisburg ein Eisenwerk, das 1870 aufgelöst wird. Keimzelle für das spätere Imperium ist das 1871 in Styrum bei Mülheim neu eröffnete Walzwerk Thyssen & Co.

Thyssen liebt Kunst und sammelt sie. Als einer der reichsten Männer seiner Zeit kauft er Bilder und Skulpturen. Oft genügen ihm Kopien. „Denn auch die kosteten ja Geld, war seine Devise“, sagt Wilmer. Zwei Skulpturen von Auguste Rodin zieren noch heute die mit Eichenholz vertäfelte Halle im Erdgeschoss. Repräsentativ dort ist auch der Kamin mit dem figurenverzierten Aufsatz: über dem Ofen prangt der Ingenieur mit der „Flamme des Wissens.“ Rechts davon grüßt August Thyssen mit ernster Miene - in Öl auf Leinwand gebannt.

Der Unternehmer war bekannt für seine persönliche Bescheidenheit

Alles ist wertvoll – von der Porzellanvase bis zum Flügel. Hinter dem Instrument lehnt ein menschengroßes Portrait von Hedwig Thyssen im weißen Kleid. Das war nicht immer so. „Dieses Bild hätte August Thyssen nicht dorthin gestellt“, sagt Wilmer. Eigentlich kaum zu glauben, aber bescheiden soll der Unternehmer im privaten Esszimmer gespeist haben. „Abends nahm er mal eine Suppe.“ Thyssens Haare haben auf der gepolsterten Rückenlehne deutliche Spuren hinterlassen. Wilmer zeigt den Fettfleck, verursacht durch die früher von Herren verwendete Pomade.

Sparsamkeit, Pflichtgefühl und die stete Sorge um das Unternehmen sollen den 1,60 Meter großen Mann angetrieben haben, bis zu seinem letzten Atemzug. Den tut er blind und blasenkrank in seinem Himmelbett im feudalen Schlafzimmer, lässt Wilmer wissen. „Der Tod war für ihn eine Erlösung.“ Dass das Zimmer direkt mit dem Arbeitszimmer verbunden ist, verwundert nicht. Bis spät abends sitzt Thyssen am Doppelschreibtisch. Aber ein Mann des Buches sei der Firmenchef nie gewesen.

Ebenholzschrank mit acht Geheimfächern

Und dann wird die Besichtigung ganz exklusiv: Wilmer öffnet den dunklen Ebenholzschrank, der mit acht Geheimfächern gespickt ist, zeigt auch Thyssens Badewanne, die 1900 erstmals auf der Pariser Weltausstellung präsentiert wurde. Viola Echterhoff aus Haarzopf ist begeistert: „Das war alles sehr informativ! Und ich habe hier viel Neues über August Thyssen erfahren.“ Margarete Erwig aus Stadtwald pflichtet ihr bei. „Kunst und Architektur haben mir sehr gut gefallen“, sagt sie begeistert.

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