Handwerk

Aus Damaststahl und Mammutknochen werden besondere Messer

In der Kellerwerkstatt fliegen die Funken, wenn Michael Schick an seinen Klingen arbeitet.

Foto: Socrates Tassos

In der Kellerwerkstatt fliegen die Funken, wenn Michael Schick an seinen Klingen arbeitet.

Essen-Südviertel.   In einer kleinen Kellerwerkstatt fertigt Michael Schick im Essener Südviertel Klingen und Griffe. Aus dem Handwerk hat er eine Kunst gemacht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Michael Schick sitzt auf einem alten, abgewetzten Bürostuhl mit schwarzem Kunstleder in seiner knapp zwölf Quadratmeter großen Kellerwerkstatt. Vor ihm steht ein Tisch, an dessen Frontseite ein Dutzend Feilen wie Orgelpfeifen der Größe nach geordnet bereitliegen. Auf dem Tisch eine Tasse mit Totenkopfmotiv, ein Tabakbeutel und ein schwarzes Lederetui. Und ein ganzer Schwung metallenen Rohlinge, die Schick zuletzt mit einem Kollegen in Duisburg geschmiedet hat. Drei in die Jahre gekommene Büroschränke sind gefüllt mit Holzstücken, oben lugen die Spitzen eines Geweihs hervor. Im Nebenraum mit Schleifgerät und Ofen werden Metall, Holz oder Horn mit Handwerkskunst verbunden. Michael Schick ist Messermacher.

„Das ist mein jüngstes Werk“, sagt der 53-Jährige und greift zu dem schwarzen Lederetui auf dem Tisch. Er öffnet die Schnalle und zieht behutsam ein Messer heraus. Nicht irgendein Messer. Die Klinge ist aus Damaszenerstahl mit der charakteristischen schwarz-silbernen Musterung. Mangan sorgt für die schwarze Färbung, Nickel für die Silberfarbene. Der Griff des Messers ist der Stoßzahn eines Baby-Mammuts, das im Permafrost Sibiriens gefunden wurde.

Michael Schicks Messer sind Kunstwerke

„Messer fand ich schon immer gut“, sagt Schick. Wie fast alle Jungen eben. Ein Zeichen von Abenteuer und Freiheit. Zwischen den silberfarbenen Klingen mit Hirschhorngriff von damals und den Kunstwerken, die er heute herstellt, liegen aber Welten.

Zu Anfang seines Berufslebens deutete nichts auf eine Karriere als Messermacher hin. „Ich habe Industriekaufmann gelernt“, erzählt Schick. Als er es ausspricht, verrät schon seine Mimik, dass das nichts von Dauer war. „Zwei Wochen habe ich es nach der Ausbildung ausgehalten.“ Danach habe er viel gejobbt und versucht, sich auf Reisen selbst zu finden. Versucht, etwas Kreatives zu finden, mit dem er sich ausdrücken kann. Und von dem er leben kann.

Individualität ist das Ziel

Das Schlüsselerlebnis: Michael Schick sah in einem Geschäft ein schickes Klappmesser. 450 Mark sollte es kosten, und er wollte es gerne haben. Doch der Zweifel siegte. „Wenn ich das jetzt kaufe, bin ich stolz. Aber auf der nächsten Grillparty sitzt mir dann einer gegenüber und sagt: ,Schau mal, ich habe dasselbe’“, habe er damals schließlich gedacht.

Das wollte Schick nicht. Er wollte Individualität. Seine Lebensgefährtin schenkte ihm vor elf Jahren zu Weihnachten ein Set: eine fertige Klinge, ein Stück Birkenholz, ein Stück Leder. Messermachen für Anfänger. „Das Ergebnis sah aus wie ein Eispickel.“ Er freute sich, hatte aber sofort das Gefühl: Da geht noch was. „Schritt für Schritt habe ich immer mehr selbst gemacht, bis es 100 Prozent von mir war.“

Sein Wissen holte er sich aus Büchern und dem Internet. Und aus Gesprächen mit anderen Messermachern. Zum Beispiel alle zwei Monate beim Messer-Stammtisch Niederrhein bei Heinz in Grevenbroich in der Gartenlaube. Tipps und Tricks werden ausgetauscht. „Kalt gelöster Kaffee ergibt eine geile Maserung.“ Gehärtet wird die glühende Klinge in Speiseöl, das in einem Zehn-Liter-Eimer neben dem Ofen steht. Synthetik ginge auch, „aber ich finde den Geruch von Fritten besser als den von VEBA.“

Bis zu 90 Stunden arbeitet er an einem Messer

Die Klinge ist eine Sache. Erst die Verbindung mit dem Griff macht sie aber zu einem Messer. „Der Mammutstoßzahn hat 20 000 Jahre im Boden darauf gewartet, ein Messergriff zu werden“, sagt Michael Schick. Mammut, das legal in Deutschland zu kaufen ist, ist etwas Besonderes.

Doch auch Holz ist nicht gleich Holz. „Mit einem Stück aus der alten Eichentruhe oder einem Tischbein von Ikea kann ich nichts anfangen.“ Kastanie, Buche, Pappel kommen in Frage. Sie werden von einer Spezialfirma stabilisiert, das heißt in einen Block Harz gegossen, damit er ihn bearbeiten kann. Bis zu 90 Stunden dauert der handwerkliche Prozess, bis das Endprodukt fertig ist.

Michael Schick suchte seinerzeit etwas Kreatives. Das hat er gefunden. Und er suchte nach Kontinuität in seinem Leben. „So lange wie beim Herstellen von Messern bin ich noch bei keiner Tätigkeit geblieben“, sagt Schick – und schaut fast ehrfürchtig auf die Klinge aus Damaszenerstahl mit dem Griff aus Baby-Mammutknochen in seiner Hand.

Kontakt zu Michael Schick über www.massiv-schick.de.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Mehr zum Thema
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik