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Bergmann musste nach dem Ja-Wort zurück zur Grubenwehr

Die junge Edith wollte eigentlich keinen Bergmann heiraten – aus Angst irgendwann die Todesnachricht zu bekommen. Aber Horst eroberte ihr Herz...

Foto: André Hirtz

Die junge Edith wollte eigentlich keinen Bergmann heiraten – aus Angst irgendwann die Todesnachricht zu bekommen. Aber Horst eroberte ihr Herz...

Essen.   Sogar am Hochzeitstag musste Horst Müller helfen, die Folgen des Dahlbusch-Unglücks zu bewältigen. Die Lebensgefahr war ein ständiger Begleiter.

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Edith Müller aus Essen-Werden hatte sich fest vorgenommen, keinen Bergmann zu heiraten. Es war die beklemmende Angst, eines Tages mit schwerem Herzen zum Zechentor eilen und oben auf dem Förderturm die schwarze Fahne sehen zu müssen.

Die grausame, ja tödliche Seite des Bergbaus hatte sie am eigenen Leib erlebt, ihr Vater war auf Zeche Dahlbusch unter Tage verunglückt. Einer von Tausenden im Ruhrgebiet, die bei der Förderung des Schwarzen Goldes starben. Ein Trauma – und trotzdem wird sie am 1. August 1956 ihren Vorsatz brechen, sie heiratet ihren Horst, einen Bergmann.

„Um elf Uhr haben wir uns im Standesamt des Hans-Sachs-Hauses in Gelsenkirchen das Ja-Wort gegeben“, erinnern sich die beiden. Ein denkwürdiger Tag, über dem der Schatten des letzten schweren Grubenunglücks auf Dahlbusch liegt. Bei einer Schlagwetter-Explosion genau ein Jahr zuvor mussten 41 Gelsenkirchener Bergleute ihr Leben lassen. „Die so genannten Aufwältigungsarbeiten danach mit Sauerstoff- und Kreislaufgeräten erforderten viel Mut, Ausdauer und Kondition“, sagt Horst Müller (85). Und fügt hinzu: „Selbst an meinem Hochzeitstag wurde ich unter Tage gebraucht, es kam ja auf jede Hand an.“

Nur ein halber Hochzeitstag: Mittags fuhr der Bräutigam wieder mit der Grubenwehr ein

Noch ein Kuss für die Braut, dann eilt der Bräutigam pflichtbewusst nach Hause, zieht sich fix um und fährt pünktlich um 14 Uhr mit seinem Grubenwehr-Trupp auf Dahlbusch ein. Ein Tag des Liebesversprechens und gleichzeitig so herzzerreißend. Selbst Jahrzehnte später ist Edith Müller noch tief gerührt. „Ich bin danach im Hans-Sachs-Haus mit den Trauzeugen Essen gegangen, es gab eine unvergesslich leckere Gulaschsuppe, danach Schweinebraten und Gemüse“, erzählt sie, und ein bisschen schimmert es dabei in ihrem Auge. Unten im Hibernia-Feld, 700 Meter unterm Gelsenkirchener Hauptbahnhof, stürzen sich Müller und die anderen Wehrmänner zur selben Zeit in die Aufwältigungsarbeiten, die keinen Aufschub dulden.

Diese Geschichte gibt's hier als Multimedia-Reportage

Dass es den gebürtigen Brandenburger, Jahrgang 1932, in den Kohlenpott verschlagen hat, liegt an den Wirren des Weltkriegs. Früh hatte der Knabe seine Mutter verloren und 1945 ist er völlig allein, denn der Vater musste weg – zur Entnazifizierung. Zuerst heuert er bei einem Bauern nahe Berlin an, 1948 folgt er schließlich den verlockenden Anwerbungsversuchen der Revier-Zechen – mit der Gewissheit, für den Knochenjob unter Tage gutes Geld zu verdienen. „Mit 16 habe ich auf Dahlbusch angelegt, morgens um fünf ging der Ruf durchs Lehrlingsheim: ,Einer weckt den anderen’“.

40 Mann mit dem Presslufthammer mussten Meter machen

1951 legt der Berglehrling die Knappenführung ab, wird Gedingeschlepper und Lehrhauer, 1956 folgt die Hauerprüfung. In jenen Tagen wird die Grube noch mit Holz ausgebaut, was den Job unter Tage tückisch und gefährlich macht. Heute, in Zeiten des Schildausbaus, schneiden mächtige Schrämwalzen im fast menschenleeren Streb die Kohle aus dem Flöz, früher standen 40 Mann mit dem Presslufthammer in einer Reihe und mussten Meter machen. Den Rest kriegte der „Eckenputzer“.

Je härter die Arbeit da unten, desto enger zugleich der Zusammenhalt der Mannschaft. Müller: „Wenn der Stempel brach und das Hangende runterkam, dann spielte es keine Rolle, ob dein Kumpel Spanier oder Italiener, Türke oder Marokkaner war, du hast ihn rausgezogen.“

25 Jahre lang arbeitete Horst Müller unter Tage

Horst Müller schließt sich 1955 – im Jahr der verheerenden Dahlbusch-Katastrophe – der Grubenwehr an und wird ihr 28 Jahre dienen. 25 Jahre arbeitet er unter Tage. Später geht er zur Bergbehörde und von dort in die Sicherheitsabteilung der Ruhrkohle AG. Die Gewerkschaft Bergbau und Energie wählt ihn in der Ära des großen Walter Arendt in den Hauptvorstand, 1984 geht er in den Ruhestand.

Oben im Arbeitszimmer seines Werdener Reihenhauses bewahrt er voller Stolz die beiden Grubenwehrabzeichen auf: eines in Silber, das andere in Gold. Das Zimmer gleicht einem kleinem Museum: hier ein Arschleder, dort der Ehrenteller der IGBE, hier Fahrstöcke und Grubenlampen, dort Bergmannsfiguren und ein Kohlebrocken. Horst Müller hält sich fit durch Schwimmen und Radfahren, hat schon 30 Mal das Sportabzeichen geschafft.

Der Hochzeitstag, der für ihn halb Arbeitstag war, hat der Ehe der Müllers übrigens nicht geschadet. Im Gegenteil. „Vor zwei Jahren haben wir die Diamantene gefeiert“, sagt Edith Müller und lächelt.

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