Stadtentwicklungen

Bürgerinitiativen schließen Bündnis: Grüne Lungen für Essen

Die Bürgerinitiativen üben Kritik am aus ihrer Sicht zu massiven Wohnungsbau.

Die Bürgerinitiativen üben Kritik am aus ihrer Sicht zu massiven Wohnungsbau.

Foto: Foto: Kerstin Kokoska

Essen.  Die Bürgerinitiativen beklagen eine fehlgeleitete Baupolitik in Essen. Ein Stadtplaner leistet Argumentationshilfe.

Sechs Bürgerinitiativen, die sich in ihren Stadtteilen für den Erhalt von Grün- und Freiflächen einsetzen, haben sich zum Bündnis „Grüne Lunge für Essen“ zusammengeschlossen. Die Stadtverwaltung fordern sie auf, die Stadtplanung dem Klimawandel anzupassen.

Das Bündnis bezieht sich dabei auf eine wissenschaftliche Studie, die das Umweltamt der Stadt Essen bereits im Jahr 2014 unter dem Titel „Stadt begegnet Klimawandel“ veröffentlicht hat. Demnach hat der Klimawandel auch im Ruhrgebiet längst begonnen. Die Autoren prognostizieren, dass dieser in Essen und in der Region bis Mitte des Jahrhunderts rasant fortschreitet.

Klimaberechnungen zufolge steigt die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen jenseits der 30 Grad von 10 auf 22 Tage. Die Zahl tropischer Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, verdreifacht sich. Die heißen Sommer der beiden vergangenen Jahre scheinen dies zu bestätigen.

Initiativen warnen: Verdichtete Flächen sind Hitzespeicher

Die Initiativen fordern die Stadt auf, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Eine „höhere Betondichte“ verändere das Stadtklima. Verdichtete Flächen seien Hitzespeicher mit negativen Folgen für die Gesundheit der Menschen, betont Dina Jankowski von der Bürgerinitiative „Rettet die Katernberger Grünfläche“.

Die Baupolitik der Stadt sehen die Initiativen deshalb kritisch. Argumentationshilfe liefert der selbstständige Stadtplaner Michael Happe aus Werden. Den vom Institut für Wohnungswesen für die Stadt Essen ermittelten Bedarf von 16.500 neuen Wohnungen, die bis zum Jahr 2030 gebaut werden müssten, nennt Happe völlig überzogen. Denn Essen sei keine wachsende Stadt.

Happe verweist darauf, dass die Zahl der Sterbefälle die der Geburten nach wie vor übersteigt – 2018 um 1700 Personen. Mit Blick auf die Statistik hat der Planer festgestellt, dass junge Leute nach dem Heranwachsen häufig aus Essen fortziehen. Das gilt für den Essener Süden, aus dem nur Werden, Sitz der Folkwang Universität der Künste, heraussticht wie eine Insel.

Essen ist keine „Schwarmstadt“, die junge Leute anzieht

Essen sei keine „Schwarmstadt“, die junge, gut ausgebildete Menschen anzieht, schlussfolgert Happe. Den geringen Bevölkerungszuwachs – 2018 betrug dieser unterm Strich gerade einmal 417 Personen – verdanke Essen allein dem Zuzug von Migranten.

Schützenswerte Freiflächen als Bauland für tausende neue Wohnungen auszuweisen, hält Happe für überflüssig und weiß sich darin mit den Bürgerinitiativen einig. Der Bedarf ließe sich seiner Überzeugung nach weitgehend durch Abriss und Neubau decken,. Wenn neue Wohnungen benötigt würden, dann seien es Sozialwohnungen. Aber: „Die Stadt hat keine Strategie, wie sie preiswerten Wohnraum schafft“, kritisiert der Planer.

SPD und CDU konnten sich nicht auf eine Sozialquote verständigen

Investoren bei Neuvorhaben dazu zu verpflichten, einen Anteil von 30 Prozent an öffentlich gefördertem Wohnraum anzubieten, hält Happe für sinnvoll, ja für überfällig. SPD und CDU, die im Rat der kooperieren, hatten sich nicht auf eine solche Sozialquote verständigen können. Auch Grundstücke in Erbpacht zu vergeben, könnte ein Weg sein.

Weitere teure Wohnungen zum Beispiel in Rüttenscheid zu bauen und darauf zu vertrauen, dass in anderen Stadtteilen Wohnungen frei würden, wenn die neuen Bewohner erst einmal eingezogen sind, hält Happe für einen Trugschluss. Die Essener hätten kaum etwas davon. Die soziale Schere zwischen dem Norden und dem Süden der Stadt gehe immer weiter auseinander, kritisieren auch die Bürgerinitiativen. Denn interessant sei Essen für eine zahlungskräftige Kundschaft aus der Rheinschiene, wo die Immobilienpreise weit höher sind. Da kann es sich lohnen, von Düsseldorf nach Essen zu ziehen. Die Zahl der Auspendler ist insgesamt jedenfalls gestiegen auf rund 104.000 Ende 2018. Die Zahl der Einpendler allerdings auch – auf rund 153.000.

Zahlungskräftige Neubürger sind als Konsumenten und Steuerzahler willkommen. Happe will da nicht widersprechen. Nur mangele es an der nötigen Infrastruktur wie Kita-Plätze und Schulen. „Da hat Essen schon heute große Defizite“, so die Bürgerinitiativen. Mehr Verkehr und noch mehr Staus seien programmiert. Michael Happe wirbt deshalb dafür, Investoren an den Kosten für den Ausbau der Infrastruktur zu beteiligen. „Die Stadt“, sagt der Planer, „muss ihre Hausaufgaben machen“.

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