Kommentar

Burkinis in Essens Bädern: Das wirkliche Problem verwässert

NRZ-Redakteur Jörg Maibaum kommentiert die Debatte über angemessene Burkinis in Essens Bädern.

Foto: Wahl

NRZ-Redakteur Jörg Maibaum kommentiert die Debatte über angemessene Burkinis in Essens Bädern. Foto: Wahl

essen.   Man sollte sich weniger an Äußerlichkeiten reiben als an der Haltung gegenüber muslimischen Frauen. Doch die wird oftmals lieber verschleiert.

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Gleiche Rechte, gleiche Pflichten für alle, ausnahmslos – diese gesellschaftliche Grundnorm der Verlässlichkeit sollte nicht verwässert werden. Auch nicht in Essens Schwimmbädern, in denen in diesem Hochsommer abermals eine hitzige Debatte darüber hochkocht, ob muslimische Frauen mit Burkinis der Marke Eigenbau gegen die Badeordnung verstoßen oder nicht.

Der Versuch, die Diskussion mit dem so lapidaren wie antiseptischen Hinweis des Gesundheitsamtes beenden zu wollen, dass Leggins und lange T-Shirts, die letztlich dann doch nichts anderes als die eigentlich verbotene Straßenbekleidung sind, die Wasserqualität nicht gefährden, greift zu kurz und führt die sonst so streng überwachten allgemeingültigen Regeln ad absurdum.

Bauchlandung der Glaubwürdigkeit

Kaum anders wirkt allerdings der Verweis auf die sozialen Aspekte, wonach sich viele der Badbesucherinnen einen angemessenen, angeblich hygienischen Burkini nicht leisten können sollen. Mit Verlaub: Dieses vermeintliche Argument könnte genau so gut für einen Hartz IV-Empfänger gelten, der zu wenig Geld für Badeshorts hat und deshalb im traditionellen Feinripp ins Becken hüpfen möchte. Wer allein so zu debattieren vermag, kann nur zu kurz springen und riskiert am Ende eine Bauchlandung seiner eigenen Glaubwürdigkeit.

Das eigentliche Problem ist doch nicht die Bademode, ob orientalisch oder westeuropäisch geprägt. Weniger sollte sich an diesen Äußerlichkeiten gerieben werden, als vielmehr an der Haltung, die dahinter steckt. Doch die wird nicht ohne Grund gerne verschleiert.

Kennt der Koran eine Badeordnung?

Denn viel schwieriger und anstrengender ist es, eine Diskussion darüber zu eröffnen, welches Gesellschafts- und Frauenbild öffentlicher als sonst zutage tritt. Jetzt, während einiger weniger sommerlicher Wochen, rückt mit einem Mal für jeden Badbesucher das sichtbar ins Blickfeld, was für nicht wenige Musliminnen an allen anderen Tagen des Jahres offenbar traurige Realität ist: Der Burkini als patriarchalischer Ausdruck eines überkommenen männlichen Strebens, Frauen unfrei, unterwürfig und möglichst unsichtbar zu machen.

Kennt der Koran eine Badeordnung, sind Verschleierungen für Frauen tatsächlich religiös fundiert und kein Werk von Eiferern oder ist das in modernen Zeiten Textil gewordene Zementieren der Unterdrückung nicht eher ein Verhalten einer Männergesellschaft Jahrtausende vor Mohammed, das aber bis heute Bestand hat, obwohl es völlig anachronistisch ist?

Darüber sollten wir diskutieren und nachdenken, wie wir die jungen Frauen aus ihren Gefängnissen aus Stoff befreien. Dann hätte die Debatte dieses Sommers einen Sinn. Sonst ist sie albern – hochgradig.

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