Drogenhilfe

Essen Hbf: Widerstand gegen geplante Heroin-Ambulanz wächst

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In der Nähe des Hauptbahnhofs will ein privater Investor Deutschlands größte Heroin-Ambulanz gründen.

In der Nähe des Hauptbahnhofs will ein privater Investor Deutschlands größte Heroin-Ambulanz gründen.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Fraktionen von CDU und Grünen wollen keine privat betriebene Heroin-Ambulanz für Schwerstabhängige. Sie schlagen einen anderen Weg vor.

Der Widerstand gegen eine geplante Heroin-Ambulanz in unmittelbarer Nähe des Essener Hauptbahnhofs wächst.

Die Vorgeschichte:

  • Der Düsseldorfer Mediziner Christian Plattner will eine Praxis für Diamorphin-Behandlung in der Nähe der Hauptpost etablieren. So hat er es in anderen NRW-Städten auch schon gemacht.
  • Diamorphin ist reines Heroin, das synthetisch hergestellt wird.
  • In Essen gibt es 40 bis 50 Süchtige, die für ein solches Programm in Frage kommen, schätzen Experten vor Ort.
  • Plattners Praxis wäre aber für rund 200 Patienten ausgelegt.
  • Die Stadtverwaltung befürchtet: Die Süchtigen – auch jene aus anderen Städten – werden das Bahnhofs-Umfeld belasten und das Publikum abschrecken.
  • Die Stadt Essen will eine eigene Heroin-Ambulanz an der Hoffnungstraße (Westrand City) etablieren. Dort ist bereits die Suchthilfe direkt vor Ort, eine städtische Tochtergesellschaft. Sie versorgt Süchtige. Sie ist aber nur für Menschen, die in Essen ihren Wohnsitz haben.

Jetzt sprechen sich die im Stadtrat in einer Koalition verbündeten Fraktionen von CDU und Grünen gegen eine Heroin-Ambulanz im Umfeld des Essener Hauptbahnhofs aus, dafür aber für eine entsprechende Einrichtung unter der Regie der städtischen „Suchthilfe direkt Essen gGmbH“.

„Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Deutschlands größte Heroin-Ambulanz direkt am Eingangstor zu unserer Innenstadt entsteht“, erklärt Fabian Schrumpf, Vorsitzender der CDU-Fraktion. „Dies würde nicht nur die Bemühungen um den Willy-Brandt-Platz und das Bahnhofsumfeld erheblich zurückwerfen, sondern stünde auch in krassem Widerspruch zum erfolgreichen Essener Drogenhilfekonzept.“

CDU und Grüne folgen dem Plan der Verwaltung: „Suchthilfe direkt“ soll übernehmen

Selbstverständlich müsse suchtkranken Menschen geholfen werden, betont Schrumpf. „Dazu haben wir mit der Suchthilfe einen mehr als kompetenten Partner an unserer Seite, der sich um die Betroffenen in unserer Stadt – unter anderem in den Räumlichkeiten in der Hoffnungstraße – vorbildlich sorgt. Dagegen würde eine Heroin-Ambulanz in der geplanten Größenordnung auch Suchtkranke aus den benachbarten Städten anziehen.“

Die Grünen sehen es ähnlich. Die Diamorphinbehandlung sei eine bewährte Methode, um schwerstabhängigen Menschen ein geordnetes Leben zu ermöglichen, neue Lebenschancen zu eröffnen und kriminelle Handlungen abzubauen. „Daher ist es nötig und sinnvoll, auch in Essen ein Angebot zur Diamorphinbehandlung einzurichten“, sagt die sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Sandra Schumacher. Die Suchthilfe sei dafür die richtige Partnerin, denn sie habe ihre Strukturen und Angebote in Essen über Jahrzehnte aufgebaut und miteinander verzahnt und könne dank ihrer Erfahrung den städtischen Bedarf am besten einschätzen.

Essener Politik entscheidet nicht über die Heroin-Ambulanz

Die Essener Politik kann nicht über die Einrichtung einer Heroin-Ambulanz entscheiden. Die Entscheidung liegt allein bei der Bezirksregierung und bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO). Beide Behörden teilen auf Anfrage unserer Redaktion mit, dass der Düsseldorfer Mediziner, der die Heroin-Ambulanz plant, noch keinen entsprechenden Antrag auf Zulassung einer Diamorphin-Praxis in Essen gestellt hat. Der Antrag der Stadt Essen auf die Zulassung einer Diamorphin-Praxis an der Hoffnungstraße liege jedoch bei der Bezirksregierung vor.

Wer eine Heroin-Ambulanz eröffnen will, muss strenge Auflagen erfüllen. Es gebe hohe Anforderungen an die räumlichen Voraussetzungen und die fachlichen Anforderungen, berichtet ein Sprecher der KVNO. Das Praxisteam habe „extreme persönliche und organisatorische Anforderungen zu erfüllen“, heißt es – allein, weil die Diamorphin-Vergabe an allen Tagen des Jahres sichergestellt sein müsse.

Das Heroin darf – wie andere sogenannte Substitute – nur unter Aufsicht verabreicht werden. Ebenso gelte eine ständige ärztliche Rufbereitschaft für etwaige Notfälle. Die Praxisräume müssten entsprechend dimensioniert sein und über klar getrennte Ausgabebereiche, Überwachungsräume, Wartebereiche, gesicherte Lagerung des Diamorphins und eine medizinische Notfallausstattung verfügen.

Kassenärztliche Vereinigung: Heroin-Ambulanz ist etwas für Spezialisten

„Diese personellen, organisatorischen und auch wirtschaftlichen Hürden führten auch dazu, dass sich im Bereich der ambulanten Diamorphin-Vergabe in den vergangenen Jahren zumeist darauf spezialisierte Praxen/Einrichtungen gebildet haben, die auch Patientinnen und Patienten aus ländlichen/strukturschwachen Regionen mitversorgen, da dort kein entsprechendes Versorgungsangebot existiert“, schlussfolgert die KVNO.

Ähnlich hatte Plattner gegenüber unserer Redaktion argumentiert: Er sei in der Lage, solche Praxen zu betreiben, was für den Großteil der niedergelassenen Ärzte nicht zuträfe.

Eine Anhörung der Kommune ist vor der Einrichtung einer Praxis in der Regel nicht vorgesehen, teilt die KVNO mit; man stehe aber „im Austausch“ mit der Essener Verwaltung.

Wann die Entscheidung getroffen wird, ist derzeit nicht bekannt.

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