Stadtgeschichte

Das Deiter-Glockenspiel in Essen soll ein Denkmal werden

Der Bergmann schlägt die oberste Glocke. Seit 1949 ziert das Glockenspiel das Deiter-Haus an der Kettwiger Straße. Nun soll es unter Denkmalschutz gestellt werden.

Der Bergmann schlägt die oberste Glocke. Seit 1949 ziert das Glockenspiel das Deiter-Haus an der Kettwiger Straße. Nun soll es unter Denkmalschutz gestellt werden.

Foto: VON BORN, Ulrich

Essen.   Das Deiter-Glockenspiel soll unter Denkmalschutz gestellt werden. Es ist eine Sehenswürdigkeit. Anfangs hatten die Besitzer anderes im Sinn.

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Den Essenern ist es so vertraut wie der Glockenschlag der Münsterkirche. Und wer zu Besuch ist in der Stadt, der hebt neugierig den Kopf, wenn der Bergmann mit seinem schweren Schlegel zur Tat schreitet. Passanten halten dann inne. Es scheint so, als käme das geschäftige Treiben auf Essens größter Fußgängerstraße zur Ruhe. Als verlangsamte die Zeit den Gang der Dinge.

Die Rede ist vom Glockenspiel im ehemaligen Deiter-Geschäftshaus an der Kettwiger Straße 22. Auf Antrag des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege soll es nun endlich unter Denkmalschutz gestellt werden.

Die Geschichte des Glockenspiels geht bis in die 1920er Jahre zurück. Das Juweliergeschäft Deiter hatte ein solches 1928 an der Fassade seiner Filiale an der Limbecker Straße anbringen lassen. Der Klang der Glocken sollte Kunden auf die Schaufensterauslagen aufmerksam machen. Marketing nennt man das heute.

Glockenspiel diente ursprünglich zu Werbezwecken

Erst 1949 wurde das Spiel am Geschäftshaus der Familie an der Kettwiger Straße 22 installiert, wo es bis heute eine Attraktion ist. Die Klangkörper, 1926 bis 1929 in der niederländisch Königlichen Glockengießerei Petit & Fritsen gegossen, hatten den Bombenkrieg unbeschadet überstanden. Ihre Besitzer hatten sie auf Bauernhöfen im Sauerland versteckt.

Ursprünglich zu Werbezwecken erdacht, entwickelte sich das Glockenspiel nach und nach zu einer Essener Sehenswürdigkeit. Die Denkmalbehörde spricht anerkennend von einer „Landmarke. Mehr noch: Die Denkmalschützer schreiben dem Glockenspiel gar eine identitätsstiftende Funktion zu in der durch den Krieg so gebeutelten Stadt Essen. In jedem Fall drückt es die enge Verbundenheit der Unternehmerfamilie Deiter mit ihrer Stadt aus. So steht das Glockenspiel für kaufmännisches Selbstbewusstsein und, ja,auch für Heimatliebe, womit man sich im Ruhrgebiet bekanntermaßen oft schwer tut.

Historische Persönlichkeiten

Jede einzelne Figur des Glockenspiels symbolisiert ein Kapitel Stadtgeschichte. Da wäre besagter Bergmann, der die oberste Glocke schlägt. Er steht stellvertretend für die industrielle Geschichte Essens, die lange begann, bevor die kruppschen Fabriken Essen zur Stahlstadt Europas machten. Geschaffen hat ihn Adolf Wamper, ein Professor der Folkwangschule für Gestaltung, der seine Karriere – obwohl von Hitler persönlich protegiert worden war – nach dem Krieg hatte nahtlos fortsetzen können. Dann wäre da Bischof Altfried von Hildesheim, 852 Gründer des Damenstifts, das als Keimzelle der Stadt Essen gilt. Es folgen Kaiser Heinrich III. mit Reichsapfel und einer Urkunde, die an die Verleihung der Marktrechte im Jahre 1041 erinnert, und Äbtissin Theophanu mit einem Modell des Westwerks der Münsterkirche.

Weitere Persönlichkeiten der Stadtgeschichte treten auf, darunter Heinrich von Kempen, 1563 erster evangelischer Pfarrer der Gertrudis-Kirche. Zu guter letzt erscheint in bester Handwerkstradition eine Goldschmiedewerkstatt. 1970 komplettierte der „Essener Hahn“ das Figurenspiel.

2016 wurde das Glockenspiel technisch überholt

Zur Geltung kommt es in dem mit blauem Mosaikstein verkleideten Erker, der aus dem Einerlei der Fassaden regelrecht heraussticht. Alfred Pegels, ehemaliger Regierungsbaurat, hatte ihn Mitte der 1950er Jahre entworfen. Inspirieren ließ der Architekt sich dabei vom berühmten Torre d’Orologio am Markusplatz in Venedig. So bietet an der Kettwiger Straße nicht nur das Eiscafé Toscani italienische Momente.

Mit den Jahren hat das Glockenspiel gelitten. 2016 wurde es technisch überholt. Dem Spiel zuzuhören ist eine Freude, und ein Hingucker ist es allemal. Ja, nicht nur für die Denkmalpfleger ist es aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Schön, dass es der Nachwelt erhalten bleibt.

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