Demo „Wir sind mehr“

Demo-Organisator: „Mobil machen gegen rechts zahlt sich aus“

„Wenn ich zurückdenke an Mainzer Zeiten, da wurde diese Bündnisfrage nie gestellt“, sagt Max Adelmann, Sprecher von „Essen stellt sich quer“..

„Wenn ich zurückdenke an Mainzer Zeiten, da wurde diese Bündnisfrage nie gestellt“, sagt Max Adelmann, Sprecher von „Essen stellt sich quer“..

Foto: André Hirtz

Essen.  Max Adelmann, Sprecher des Anti-Rechts-Bündnisses „Essen stellt sich quer“, ist überzeugt: Die Demokraten müssen endlich lauter werden.

Herr Adelmann, beruflich waren Sie als IT-Fachmann jahrelang auf Gefahrgut spezialisiert. Für wie gefährlich halten Sie denn, was in letzter Zeit von rechts außen kommt?

Ich bin mir da mit dem Bündnis einig: Die Lage ist gefährlicher als noch vor ein paar Jahren. In den 1960ern hatten wir einen zeitlich befristeten Aufschwung der NPD, Anfang der 1990er gab es die Republikaner, aber dann war es lange ruhig. Mittlerweile zieht sich – nicht zuletzt wegen der AfD – so etwas wie ein Riss durch die Gesellschaft. Sprechchöre für Adolf Hitler und offen gezeigte Hitlergrüße, das war stets das große „Igitt!“ in der Gesellschaft und bei Demos überhaupt nicht denkbar. Chemnitz hat gezeigt: In Teilen der unzufriedenen Bevölkerung wird das inzwischen akzeptiert.

Aber die Lage in Chemnitz lässt sich doch kaum mit Essen vergleichen.

Das nicht. Aber wir merken auch, etwa in verschiedenen Diskussionsforen, dass bei politischen Themen immer ruppiger argumentiert wird.

Dass Sie Alarm schlagen, ist dennoch nichts Neues. Sie haben, mit Verlaub, immer schon so getan, als stünden die Neonazis in Kompaniestärke hinter der nächsten Ecke.

Wir warnen seit Jahren, ja. Weil wir der Meinung sind: Man muss den Anfängen solcher Umtriebe von vornherein entgegentreten. Und zwar öffentlich.

„Für mich zählt dieser eine Punkt“

Rechtes Gedankengut gibt es ja nicht erst seit der Flüchtlingswelle.

Das stimmt. Schon vor vielen Jahren haben Studien gezeigt: 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung haben das, was man ein „geschlossenes rechtes Weltbild“ nannte. Früher wurde das durch die klassischen Volksparteien absorbiert, oder diese Menschen haben sich still verhalten. Jetzt finden sie eine Stimme.

Und Sie machen dennoch alles wie immer: „Essen stellt sich quer“.

Wir machen auch manches anders. Ich glaube, dass Demos mit positiver Ausstrahlung zuletzt viel zu selten stattfanden. „Wir sind mehr“ reagiert nicht auf eine Demo von Rechtsextremen. Es geht vielmehr um das Bedürfnis zu zeigen, wie groß, wie vielfältig, wie bunt Essen als Stadt mit sehr hohem Migrantenanteil ist.

Aber es gibt auch das Bedürfnis, nicht parteipolitisch vereinnahmt zu werden. In Ihrem Bündnis scheint das manchem nicht gewährleistet.

Dieser Wunsch ist da, keine Frage, aber das Bündnis ist nun mal historisch gewachsen. Als die Vorformen von „Essen stellt sich quer“ im Jahr 2000 gegründet wurden, waren eben auch einige Parteien aus dem ganz linken Spektrum darunter.

Ist diese Schieflage nicht auch eine Bürde für Sie als Organisation?

Kommt drauf an, wen Sie fragen.

Fragen wir doch mal Sie persönlich.

Ach, ich habe mit dem einen oder anderen durchaus meine politischen Differenzen. Aber für mich zählt, dass man in diesem einen Punkt – mobil machen gegen Rechtsextremismus und Faschismus – gemeinsam an einem Strang zieht.

„Wir finden auch Unterstützer der bürgerlichen Mitte“

Und da drücken Sie dann – darf man das so sagen? – ein Auge zu, gucken nur nach rechts und fertig?

So ungefähr, ja.

Ist das dann noch ein Bündnis, das wirklich die breite gesellschaftliche Mitte abdeckt?

Wer im Schubkasten „bürgerliche Mitte“ drinsteckt, wie zum Beispiel FDP oder CDU, hat sicher Probleme mit einigen Beteiligten. Dennoch bleibt das Bündnis bei seiner immer gleichen Ansage: Wer mit unseren Grundsätzen übereinstimmt, kann mitmachen. An diesem Donnerstag bei „Wir sind mehr“ finden wir ja auch Unterstützer aus der bürgerlichen Mitte, nicht nur...

...die „üblichen Verdächtigen“...

...die klassische Klientel. Bei besonderen Anlässen bekommt man eben auch besondere Bündnispartner.

Besondere Partner sind auch schon mal Mitglieder der autonomen Szene, mit denen es Ärger gibt.

Unsere Demos und Kundgebungen stehen im Prinzip jedem offen. In den Aufrufen gibt es ja immer so etwas wie einen Aktions-Konsens, und wenn da steht, dass wir friedlich demonstrieren wollen, erwarten wir das auch von allen unseren Teilnehmern. Vor ein paar Jahren gab es noch den einen oder anderen Zwischenfall, ja, aber zuletzt nicht mehr.

„Ich hab manchmal den Eindruck, die wollen nicht“

Es würde wohl auch nicht zu diesem großen „Wir“ passen.

Na gut, ich komme aus Rheinhessen, da war das anders. Wenn ich zurückdenke an Mainzer Zeiten, da wurde diese Bündnisfrage nie gestellt. Wenn klar war, die NPD will demonstrieren, haben sich alle zusammengesetzt, und es wurde was dagegen auf die Beine gestellt. Zustände, die ich hier in Essen nicht vorgefunden habe. Oder besser: die ich bis heute nicht vorfinde.

Weil sie abseits der SPD mit den „Bürgerlichen“, mit CDU oder FDP oder anderen nicht reden?

Wir reden durchaus, aber ich hab manchmal den Eindruck, die wollen nicht. Oder: nicht mit uns. Erst kürzlich haben in Mainz 1500 Menschen demonstriert. Wenn ich das auf Essener Größenverhältnisse umrechne, müssten wir hier über 4000 Teilnehmer haben. Haben wir aber nicht.

Weshalb auch schon mal die schwarz Vermummten dafür sorgten, dass Sie am Ende „mehr“ waren.

Kann sein, aber das ist schon ein paar Jahre her. Ich weiß nicht, die Essener, so ist mein Eindruck, sind teilweise sehr „ortsfest“: Wenn in Borbeck was passiert, kommen nicht unbedingt die Leute aus Kupferdreh oder Werden dazu. Und wenn im Süden was läuft, kommen auch nicht viele aus dem Norden. Schade.

Hier die Polizei-Statistik, dort die Dunkelziffer

Und am Donnerstag kommt das Essener Bürger Bündnis nicht und SPD-Vize Endruschat und Co. auch nicht.

Was heißt denn hier „und Co.“?

Alle, die mit Herrn Endruschat der Meinung sind, dass Sie Gewaltbereite in ihren Reihen dulden und zu dicke sind mit Kommunisten. Davon gibt’s nicht so wenige in der SPD.

Diese Behauptungen setzt Herr Endruschat immer wieder mal in die Welt, hat sie aber nie belegt. Formal ist seine SPD unser Bündnispartner und unterstützt auch diese Aktion. Und wenn es innerhalb der Partei unterschiedliche Meinungen zum Bündnis gibt, soll die SPD das bitteschön erstmal intern klären.

Sei’s drum: Der polizeiliche Staatsschutz empfindet die extreme rechte wie übrigens auch die linke Szene als nicht sonderlich auffällig. Man habe die Sache „im Griff“. Teilen Sie die Einschätzung?

Nein. Sie beruht auf der offiziellen Statistik von Straftaten, deren Dunkelziffern niemand kennt. Wir wissen von vielen Vorfällen, die nicht zur Anzeige gebracht werden. Motto: Weshalb soll ich das Hakenkreuz auf meinem Verteilerkasten an der Ecke melden? Da kann eh niemand mehr ermitteln, wer das gekritzelt hat. Das überpinsele ich lieber selbst.

Sie überpinseln nicht stiekum, sie demonstrieren. Was sagen Sie denen, die Ihnen vorwerfen, mit Gegendemos mache man die rechte Szene wichtiger als sie ist?

Den Vorwurf weise ich mit dem Hinweis zurück, dass die rechtsextremen Aufmärsche immer dann zahlenmäßig schrumpften, wenn es Gegendemonstrationen gab. Es zahlt sich also aus. Wo nur schwache Gegenwehr vorhanden war, fanden sich die Rechtsextremen ermutigt, ihre Aktionen jährlich zu wiederholen und so zu höheren Teilnehmerzahlen zu kommen.

„Das ist eine ewige Sisyphus-Arbeit“

Warum, glauben Sie, ist das so?

Es gehört in rechtsextremen Kreisen ganz einfach dazu, mit solchen Demonstrationen ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln. Wo Gegenwehr stattfindet, merken die: Wir können hier nicht so agieren, wie wir möchten.

Sie finden das also immer noch zeitgemäß, auf die Straße zu gehen und Flagge zu zeigen?

Es ist immer noch zeitgemäß, ja...

...aber doch irgendwie „Old School“.

Ja, trotzdem. Wir tun ja auch sehr viel in den sozialen Medien. Auf unserer Facebook-Seite hatten wir nie zuvor einen solchen Betrieb wie bei „Wir sind mehr“: Über 238 000 Sichtkontakte. Das Dreifache des Üblichen. Das zeigt, welche Kreise das zieht.

Naja, ein Klick ist schnell erledigt.

Mit Sicherheit. Es gibt eben unterschiedliche Schwellen der Beteiligung. Der nächste Schritt ist der auf die Straße.

Wann haben Sie persönlich diesen Schritt zum ersten Mal gemacht?

Das war 1972 in Mainz, da war ich gerade 16.

46 Jahre auf der Straße gegen Nazis, und er läuft und läuft und läuft... Sie müssen eine hohe Frustrationsschwelle haben.

Ja, so ist das. Das ist eine ewige Sisyphus-Arbeit. Es gibt alte und junge Nazis, und alte Nazis sorgen dafür, dass junge nachkommen. Damit müssen wir leben.

Sitzt der Nachfolger von Max Adelmann in zehn Jahren also auch hier und sagt: „Essen stellt sich quer“, morgen ist Demo, same procedure...?

Das kann durchaus passieren. Dass es Menschen mit einem geschlossenen rechten Weltbild gibt, wird sich kaum ändern.

„Die aus der rechten Ecke sind viel lauter“

Haben Sie persönlich oder das Bündnis eigentlich eine Gesprächsebene mit denen, die formulieren: Ich bin zwar kein Nazi, aber...? Oder ist die Lage glasklar getrennt. Sie sind hüben, die sind drüben?

Schwierig zu beantworten. Wir als Bündnis haben da keine Gesprächsebene. Privat spreche ich mit solchen Leuten, weil manche da durchaus ernsthafte Anliegen formulieren. Ob am Ende eine rassistische Haltung dahintersteckt, sieht man dann in der Diskussion. Aber bei knallharten Rechtsextremen, die auch so auftreten, bietet sich einfach keine normale Gesprächsebene mehr.

Gibt es tief in Ihnen eine Angst, dass dieser Slogan „Wir sind mehr“ irgendwann mal nicht mehr stimmt?

Im Prinzip nein. Das Motto bezieht sich im Wesentlichen ja auch darauf, dass man von denen, die die Mehrheit haben, eigentlich in der Öffentlichkeit zu wenig hört und sieht.

Wobei man, wie Jean Cocteau einst so schön sagte, die Mehrheit ja nicht mit der Wahrheit verwechseln sollte.

Ja, aber dieses Label „Wir sind mehr“ soll ja ein Zeichen dafür sein, dass sich etwas tut. Die Menschen, die sich in Deutschland als Demokraten verstehen, bilden die Mehrheit und werden das wohl auch künftig tun. Es ist nur so, dass andere, die aus der rechten Ecke kommen, inzwischen einfach viel lauter sind.

Was war denn bei Ihnen die Initial-Zündung, sich querzustellen?

Da gibt’s keine Initialzündung, eher familiäre Prägungen: Am 30. Januar 1933, am Tag von Hitlers Machtergreifung, gab es in Mainz noch eine Schießerei zwischen der SA und Kommunisten, da war ein Onkel von mir dabei. Einen Tag später demonstrierte das sozialdemokratisch orientierte Reichsbanner. Da ist mein Vater von der SA zusammengeschlagen worden.

Wurden Sie als Frontmann des Bündnisses „Essen stellt sich quer“ auch schon mal bedroht?

Es gab 2010 eine sehr konkrete Morddrohung, mit der auch die Polizei befasst war. Und dazu vor eineinhalb, zwei Jahren in Frohnhausen Flugblätter mit einem Steckbrief von mir. Das passiert halt, wenn man sich so engagiert, aber damit kann, damit muss ich leben. Wenn so etwas passiert, zeigt das für mich nur, dass ich etwas richtig gemacht habe.

>>> ZUR PERSON: MAX ADELMANN

Max Adelmann (62) ist gebürtiger Mainzer, gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann und spezialisiert im Bereich IT auf den Umgang mit Gefahrstoffen in der Chemischen Industrie. Heute arbeitet er als SAP-Berater bei der Beratungsfirma Gorbit.

Es war der Beruf, der den parteilosen Adelmann 2005 nach Essen verschlug. Hier wurde er vor neun Jahren bei „Essen stellt sich quer“ aktiv und agiert seit 2014 als Frontmann des betont gewaltfreien Bündnisses, das gegen rechtsextreme Umtriebe zu Demonstrationen aufruft.

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