Industriegeschichte

Die Strecke der letzten Zechenbahn in Essen wird abgerissen

Die letzten Zechenbahn in Altenesssen wird abgerissen. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Die letzten Zechenbahn in Altenesssen wird abgerissen. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Foto: André Hirtz

Essen.   Mit dem Abschied vom Bergwerk in Bottrop endet auch die Geschichte der Rangiergleise für Kohlezüge an der Rahmdörne in Altenessen.

Wenn die Züge anrollten, rappelte das ganze Haus. Christian März kennt es eigentlich nicht anders: Seit 30 Jahren wohnt er in der schmucken Zechensiedlung an der Rahmdörne in Altenessen. Ein ruhiges Viertel, geprägt vom Wohnungsbau für die umliegenden Zechen. Große Gärten, lockere Struktur, Kleingärten zur Bundesstraße 224, die mit einer Lärmschutzwand abgetrennt ist. „Wenn wir Besuch aus dem Essener Süden hatten, zuckten die immer zusammen“, erzählt der 55-Jährige. „Ein Erdbeben?“ März und seine Familie sind mit den Kohlezügen hinterm Garten groß geworden: „Die drei Gleise waren immer da. Nachts waren sie immer beleuchtet. Das war schon eine etwas unheimliche Stimmung.“

Kein Kohlezug mehr für die Rangiergleise

Damit ist es vorbei: Als vor knapp vier Monaten der Deckel auf den Pütt kam auf Zeche Prosper Haniel in Bottrop und damit die Geschichte des Steinkohle-Bergbaus in Deutschland endete, da wurde auch kein Kohlezug mehr auf die Rangiergleisen an der Rahmdörne geschoben. Die RAG hat ein Spezialunternehmen damit beauftragt, den versteckten Güterbahnhof abzureißen. Seit ein paar Wochen heben Bagger die Schienen aus dem Schotterbett. Essens letzte aktive Zechenbahn verabschiedet sich still und leise.

Bergbau in Essen, das waren seit dem 15. Jahrhundert über 1700 Kleinschächte, Stollen, Klein- und vor allem Großzechen, die über ein hunderte Kilometer langes Schienennetz ihr schwarzes Gold zu den Kokereien, Chemiefabriken oder Hüttenwerken transportierten. In Essen endete diese Epoche mit dem Aus für Zollverein 1986 und sieben Jahre später für die Kokerei.

Aus vielen Bahntrassen wurden stadtweit wunderbare Rad- und Spazierwege. Nur der Abstellbahnhof im Wald zwischen Rhein-Herne-Kanal und Altenessen, versteckt hinter Gärten und einer voluminösen Fernwärmeleitung, wäre darüber fast in Vergessenheit geraten: regelmäßig stellte hier die RAG die Fettkohle aus Bottrop in schweren Waggons für den Transport bereit.

Trampelpfad zu den Gleisen

Wer die Ecke nicht kennt, wird kaum fündig, der Wald ist hier dicht gewachsen. Hinter dem Pumpwerk gibt es einen Weg, ansonsten muss man schon unterhalb der Zweigertbrücke auf Altenessener Seite den Weg durch den Park einschlagen, der irgendwann zum Trampelpfad wird. Früher reichte die Bahnstrecke bis zur Zeche Nordstern auf Gelsenkirchener Seite. Alles längst Bergbau-Geschichte – und beliebtes Radler-Revier.

Ob das Radwegenetz bald eine Verlängerung erfährt über die massive Kanalbrücke hinüber zum Bottroper Kohle-Hafen? Die RAG hat es jedenfalls eilig, bis Ende April sollen die sieben Kilometer langen Gleise rausgerissen, am Verladehafen vor dem Stadthafen alles an alten Verladebändern und Maschinen abgeräumt sein. So ist es jedenfalls mit der Firma Fehling aus Marl vereinbart: „Wir liegen im Zeitplan“, heißt es dort. Rund 400.000 Euro lässt sich die RAG die Entsorgung kosten, „dann sind wir mit Prosper Haniel fertig, das war’s.“

Hinter der Brücke endet das RAG-Land

Hinter der Brücke endet das RAG-Land: Den Zugriff auf das Gelände auf Bottroper Seite hatte sich Arcelor Mittal gesichert, als der Konzern vor gut sieben Jahren die Kokerei der RAG übernahm. Die ehrgeizigen Pläne von Mittal und Steag sehen hier für rund 170 Millionen Euro ein Kokereigaskraftwerk vor, das Mitte 2022 die Produktion aufnehmen soll.

Die alten Lagerstätten der Kohle am Kanal vor allem auf Essener Seite bis hin zur Daniel-Eckhardt-Straße in Vogelheim werden dagegen weiter von der RAG Montan Immobilien betreut: Auf den weiträumigen Flächen, auf denen sich einst die Zeche Emil-Emscher erhob, mit Kokerei und eigenem Kraftwerk am Kanalufer, soll neues Gewerbe entstehen. „Freiheit Emscher“ lautete der vielversprechende Titel, mit dem die Städte Bottrop, Essen und der Bergbau-Konzern gemeinsam werben und die Entwicklung angehen.

Die alte Bahntrasse an der Rahmdörne dagegen will man abstoßen: „Das wollen wir eigentlich als Waldgrundstück dem Regionalverband Ruhr anbieten“, heißt es bei der RAG-Tochter. Die Verhandlungen mit dem RVR laufen, doch beim Regionalverband ist man wenig begeistert: Man habe ja Interesse an Halden und Forstgrundstücken, die sich entwickeln ließen. Aber die alten Gleise an der Rahmdörne? „Daran haben wir eigentlich kein Interesse“, heißt es beim RVR.

Als Waldgrundstück an den RVR

Bei Montan Immobilien ist man vorsichtig optimistisch: Wenn erst das Grundstück restlos abgeräumt, auch von Lampen und Bahn-Ampeln befreit sei, werde die Trasse sicher ihr Gesicht verändern: „Da wächst der Wald, den der RVR haben will.“ Und auch bei den zu erwartenden Schadstoffen im Boden ist man bereits aktiv: Beim Essener Stadtarchiv im Haus der Geschichte ist bereits eine erste Anfrage eingetroffen, ob es über das alte Bergbau-Grundstück verwertbare Unterlagen gebe.

Dort musste man passen. Allerdings fand man eine Abbruchs-Akte, aus der hervorgeht, dass das Kraftwerk Anfang 1977 abgerissen wurde. Da war auf der Zeche Emil-Fritz bereits vier Jahre lang Schluss.

Christian März wird die Kohlezüge nicht wirklich vermissen: „Na ja, es dürfte ruhiger werden. Wir wohnen dann wirklich am Wald. Und rappeln wird hier im Haus nichts mehr.“

>>>>Zeche Emil-Emscher in Vogelheim

  • 1872 wurde die Gewerkschaft Emscher gegründet. 1873 wurde mit dem Abteufen des Schachtes Emscher 1 in der Emscheraue nördlich von Vogelheim begonnen, 1877 begann der Betrieb.
  • Die Schachtanlagen im nördlichen Essener Raum wurden nach und nach zusammengefasst. Die Zeche Emil-Emscher und Schacht Anna 1/2 wurde mit Zeche Carl in Altenessen verbunden. Die Förderung auf Carl 1/2 wurde eingestellt und auf Emil 1/2 zusammengefasst. Die Kokereien Schacht Emscher 1/2 und Schacht Anna 1/2 wurden außer Betrieb genommen. Stattdessen entstand auf Emil 1/2 eine neue Zentralkokerei.


  • Nach Stilllegung des Verbundbergwerks 1973 wurden die Schächte verfüllt und die Tagesanlagen komplett abgebrochen. Das Gelände Emil 1/2 wurde von der Ruhrkohle AG als zentrales Kohlenlager genutzt.

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