Ein offenes Ohr für neue Zeiten

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GESUNDHEIT. Die Ohrenarztpraxis Heermann-Lutz feiert heute 120. Geburtstag: Sie ist Deutschlands älteste Familienpraxis.

So ziemlich das erste, was Jörg Lutz vor fünf Monaten mit seiner Annika gemacht hat, war ein Hörtest. Den seine frisch geborene Tochter zum Glück bestanden hat. Und so hat das Baby noch weit vor dem Laufen lernen einen kleinen ersten Schritt gemacht für einen Weg mit ziemlich großen und ziemlich weit zurück reichenden Fußstapfen. Denn Papa Jörg Lutz praktiziert in der ältesten deutschen Familienpraxis. Die Hals-Nasen-Ohren-Praxis Heermann-Lutz gibt es seit 120 Jahren. Über vier Generation hat sie immer mal wieder aufhorchen lassen.

Hat da wer die Ohren gespitzt? Warum Dr. Lutz nicht Heermann heißt? Nun, Mutter Lutz war eine geborene Heermann. Jörg Lutz betriebt die Praxis, die seit 1971 gegenüber des Grillo-Theaters zuhause ist, gemeinsam mit seinem Onkel Dr. Peter Heermann. Dass er HNO-Arzt wurde, verdankt er aber vor allem dem Großvater Prof. Hans Heermann. In dessen Haus an der Henricistraße erlebte er die Begeisterung des im Jahr 1900 geborenen Mediziners mit, der bis 1988 in der Praxis mitarbeitete und oft bis in die Nacht hinein forschte und arbeitete.

Heermänner waren 86 Jahre Krupps Ohrenärzte

Doch die Praxisgründung liegt noch eine Generation weiter zurück. Sanitätsrat Dr. Josef Heermann war es, der 1888 die erste Ohrenarzt-Praxis gründete, anfangs an der Hindenburg-Straße, ungefähr dort, wo heute das Karstadt-Kaufhaus wächst. Und dort standen einst die Baracken der Kruppschen Krankenanstalten, dort wurde er 1910 leitender Arzt im Krupp-Krankenhaus - der Posten wurde später an Prof. Hans Heermann und dann an Prof. Joachim Heermann quasi vererbt, so dass bis 1996 die Leitung der HNO-Klinik am Krupp-Krankenhaus fest der Heermann-Dynastie gehörte.

Jede Generation hat auf ihre Weise aufhorchen lassen. Urgroßvater Josef Heermann war offensichtlich der technische Tüftler, erfand den Heermann-Meißel, den Heermann-Hammer, die Heermann-Siebbeinstanze. Kurz: einen ganzen Katalog von Werkzeug, das mit Erfindung der Narkose seine volle Wirkung entfaltete. Brutale Zeiten waren das trotzdem damals, in denen eine Mittelohrentzündung durchaus das Leben kosten konnte - und eine Operation am Ohr stets ein Balanceakt zwischen Leben und Tod war. Schnell kam als Komplikation eine Hirnhautentzündung dazu - und dann war schnell Schluss. Ach ja: Und Josef Heermann entwickelte den ersten künstlichen Tränenkanal - aus Glas.

Nach dem Werkzeug stand in der nächsten Heermann-Generation dann die Technik im Mittelpunkt. Hans Heermann setzte erstmals - vor 50 Jahren - ein Mikroskop für die Nasen-Chirurgie ein. Bis heute werden so weltweit Nasen und Nasennebenhöhlen operiert. Und er entwickelte den Heermann-Schnitt: Er bahnte sich den Weg in den Gehörgang von vorn, mit einem kleinen Schnitt in der Ohrmuschel. Zuvor hatten die Mediziner immer das Ohr quasi von hinten aufgeschnitten und dann weggeklappt. Ach ja: er - Krupp lässt grüßen - entwickelte den ersten künstlichen Tränenkanal aus Edelstahl.

In der nächsten Generation ging es bei Dr. Peter Heermann dann schon um kosmetische Operationen und Forschungen darüber, wie sich der Lärm auf die Hörleistung auswirkt. Bruder Joachim Heermann verfeinerte die OP-Methoden, entwickelte ein künstliches Trommelfell aus palisaden-ähnlich angeordneten Knorpelscheiben. Ach ja: Auch er widmet sich dem künstlichen Tränenkanal. Bei ihm ist er - erstmals, versteht sich - aus Kunststoff.

Was bleibt bei so viel Historie - schriftlich niedergelegt in mehr als 400 Aufsätzen und Büchern - einem 41-jährigen Mediziner wie Jörg Lutz noch, um im stressigen Praxisalltag zwischen Tinnitus und Stimmversagen bei Grillo-Schauspielern und Colosseum-Musicalsängern den Ruf und Ruhm der Praxis zu mehren? Nun, Jörg Lutz hat auf 28 bunten Seiten erklärt, was der Laie wissen sollte über das Ohr, wie es funktioniert und was Mediziner und Hörgeräteakustiker tun, wenn es nicht mehr so funktioniert. Und ist damit gewissermaßen zu einem stillen Bestseller-Autor geworden. Die Hörfibel gibt es in fast allen Hörgeräte-Läden und Praxen. Auch in spanischer und englischer Sprache ist sie erschienen, bereits in der siebten Auflage. Ein Bild darf darin nicht fehlen - das eines Babys bei der ersten Höruntersuchung.

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