Emscher

Riesiges schwarzes Loch: das Pumpwerk für den Emscherkanal

Ab in die Tiefe: Im neuen Pumpwerk der Emschergenossenschaft geht es hinab fast auf 40 Meter Tiefe. Hier wird der Emscherkanal das Abwasser der Region hineinspülen.

Foto: Stefan Arend

Ab in die Tiefe: Im neuen Pumpwerk der Emschergenossenschaft geht es hinab fast auf 40 Meter Tiefe. Hier wird der Emscherkanal das Abwasser der Region hineinspülen. Foto: Stefan Arend

Essen.   Das neue Pumpwerk der Emschergenossenschaft im Essener Norden sprengt alle Dimensionen. Jetzt stellten die Ingenieure ihr Projekt erstmals vor.

Alles ist schwarz, die fast 40 Meter hohen Wände, der Boden, die riesigen Wannen, die hohen Überläufe und metergroßen Abläufe. Gut, dass oben die Sonne scheint, so dringt wenigstens ein bisschen Licht in den Schacht. Ganz unten, fast am Boden dieser futuristisch anmutenden Kathedrale, die so in jeden Science-Fiction-Film passen würde, wird es sogar etwas unheimlich: eine 2,80 Meter große runde Öffnung in der Wand wirkt wie das Tor zur Unterwelt.

„Wenn sie da weiterlaufen, am Pumpwerk in Gelsenkirchen einmal umsteigen, können sie bis Dortmund durchmarschieren“, sagt Jörg Haberhausen. Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint, aber der 50-jährige Projektleiter der Emschergenossenschaft kennt zwischen Dortmund und Dinslaken praktisch jeden Meter. Es ist sein Kanal, sein Projekt, „glauben sie mir, das macht man nur einmal im Leben“.

Ein europaweit einzigartiges Bauwerk

Der Respekt des Ingenieurs ist nicht ganz unbegründet: Der Emscherkanal gilt europaweit als einzigartiges Bauwerk. Allein das riesige Pumpwerk auf dem Gelände des Klärwerks an der Welheimer Mark, auf dem hintersten Zipfel des Essener Stadtgebiets unmittelbar an der Bundesstraße 224, ist nur eine von drei ähnlich gigantischen Anlagen des neuen Kanals. Seit sieben Jahren treibt die Emschergenossenschaft die Rohre unterirdisch durch das Ruhrgebiet, um endlich im nächsten Jahr die Abwässer der Region aufzunehmen, 2018 immerhin bis Bottrop. Aktuell fehlt noch das letzte Teilstück zwischen Oberhausen und dem Rhein.

Der Fluss soll wieder ein natürliches Bett erhalten und sich frei vom Schmutz in einen einmaligen Naturraum verwandeln. Rund 5,3 Milliarden Euro investieren die der Genossenschaft angeschlossenen Emscher-Städte, Bergbau und Industrie in das Mammut-Projekt, 20 Prozent der Gelder stellen das Land und die Europäische Union.

Baukosten von rund 55 Millionen Euro

Da wirken die rund 55 Millionen Euro für das Pumpwerk Bottrop geradezu bescheiden. Andererseits: Der Neubau des Museums Folkwang lag in dieser Größenordnung, mit neun Millionen Euro etwas darüber das neue RWE-Stadion.

Aber nein, Sport wird hier keiner treiben, obwohl die endlosen Stahltreppen dazu bestens geeignet wären. Und in die fünf Millimeter starken HDPE-Wandplatten, ein extrem harter, widerstandsfähiger und vor allem abwasserabweisender Kunststoff, wird man auch keinen Nagel für ein Bild einschlagen können. Ohnehin dürfte der Abstieg in die Unterwasserwelt ein zweifelhaftes Vergnügen sein, wenn der Kanal 2018 erst einmal seiner Bestimmung übergeben ist: „Das wird extrem riechen“, sagt Jörg Haberhausen, denn der Kanal werde – anders als die Emscher – kein Regenwasser mehr aufnehmen, sondern nur das dann unverdünnte Abwasser der Millionen Haushalte, des Bergbaus und der Industrie-Betriebe. Dagegen dürfte der aktuelle Emscherduft geradezu blumig wirken.

Hochleistungs-Pumpen fördern das Abwasser

Aber hier wird sich auch kein Mensch aufhalten, nicht einmal im Bereich der zehn Hochleistungs-Pumpen in den beiden ebenfalls riesigen Trockenräumen hinter den schwarzen Wänden. Die Thüringer Firma Schachtbau Nordhausen ist gerade damit beschäftigt, die Maschinen anzuschließen, die das Abwasser auf die Höhe des Klärwerks heben werden.

Natürlich einmal mehr in einer anderen Dimension: Acht Badewannen könnte eine der „Pumpschnecken“ füllen – pro Sekunde. Auf acht Kubikmeter ist die Anlage ausgelegt, „im Notfall könnten wir sogar 13 Kubikmeter in der Sekunde schaffen“, sagt Projektleiter Haberhausen. „Aber das würde dann das Klärwerk nicht mehr packen.“ Das Abwasser würde einfach in den Emscherkanal durchgeleitet.

Dicke Panzertüren schützen die Technik

Bei der Leistung wundert es nicht, dass dicke Panzertüren den Pumpraum schützen: „Nur für den Fall einer Leckage“, sagt Jörg Haberhausen. Bei 8000 Liter pro Sekunde ist schnell „Land unter“. Passieren kann das nach Ansicht der Ingenieure nicht: „Wir haben hier so viele Sicherheitssysteme, die Auflagen haben sich in den 15 Jahren, seit wir mit der Planung begonnen haben, oft verändert, vor allem verschärft, das beschäftigt uns ständig.“

Das wird in den oberirdischen Maschinenräumen deutlich, alles ist getrennt angelegt, für jede Anlage ein brandsicherer Raum: „Das ist alles der aktuellste Stand.“ Für den Projektleiter überwiegen dennoch die Vorteile: Waren beispielsweise einst bis zu 30 Meter hohe Schornsteine geplant, um den Kanal zu entlüften, werden das 2018 kleine „Fotooxidationsanlagen“ übernehmen, die mit Lichtwellen die Geruchsmoleküle zerlegen: „Da wird man so gut wie nichts riechen.“

Bachforellen in der neuen Emscher

Mitte des Jahres wird das Pumpwerk betriebsfertig sein und auf den großen Tag warten. Es wird das Ende der Köttelbecke im Revier sein, die Emscher wird wieder zu einem normalen Fluss. Im renaturierten Oberlauf bei Dortmund kann man sich das Ergebnis bereits anschauen: Dort schwimmen wieder Bachforellen in der Emscher.

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