Bunker

Ein-Mann-Bunker: Essen sucht Überbleibsel aus dem Weltkrieg

Wirklich sicher durfte man sich auch hier drinnen nicht fühlen: Stadtarchäologe Detlef Hopp am Einmannbunker im Segeroth, einem von stadtweit sieben Standorten.

Wirklich sicher durfte man sich auch hier drinnen nicht fühlen: Stadtarchäologe Detlef Hopp am Einmannbunker im Segeroth, einem von stadtweit sieben Standorten.

Foto: Foto: Martin Horn / FFS

Essen.  Ein Stück Kriegsgeschichte wird nach Jahrzehnten entdeckt: Sieben Einmannbunker kennt Stadtarchäologe Detlef Hopp – und wüsste gern mehr darüber.

Volle acht Jahrzehnte nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – da müsste doch, könnte man meinen, alles was damit zusammenhängt, in dieser Stadt längst entdeckt sein: penibel vermessen, digital kartiert, im Detail dokumentiert. Von wegen. Stadtarchäologe Detlef Hopp macht sich jetzt auf die Suche nach den letzten steinernen Zeugen der Kriegsjahre: den Einmannbunkern.

Versteckt zwischen Bäumen oder irgendwo auf der grünen Wiese eine betonierte Haube, die unwillkürlich an einen Zuckerhut erinnert: einsneunzig groß, einssechzig im Durchmesser. Hier gab es in unsicheren Zeiten Sicherheit für einen einzigen – obwohl die Menschen doch massenhaft Schutz suchten, wenn die Bomben fielen.

Schutz für jene, die sonst keinen Schutzraum hatten

Kein Widerspruch, weiß Hopp, denn die Einmannbunker – auch „Splitterschutzzellen“ genannt – wurden ursprünglich zu Tausenden in erster Linie auf Fabrik-Geländen oder an Bahnanlagen, bei Polizeikasernen oder Bergwerken aufgestellt. Dort, wo jene, die hier Wache schoben, in unmittelbarer Nähe keinen direkten Zugang zu einem Schutzraum hatten.

Entsprechende Standorte gab es im Essener Stadtgebiet wohl zur Genüge, davon geht der Stadtarchäologe sicher aus, doch gerade einmal sieben an der Zahl sind heute bekannt: gleich drei davon in Kupferdreh, zwei in Rüttenscheid, einer in Kettwig und einer im alten Arbeiterviertel Segeroth im Nordviertel.

Der erste erfasste Kleinbunker wurde erst 2013 entdeckt

Letzterer wurde am östlichen Rand des alten Kruppschen Werksgeländes entdeckt, gleich neben dem Segeroth-Friedhof. Es war damit der erste erfasste und gut erhaltene Kleinbunker – und das anno 2013, beachtliche 68 Jahre nach Kriegsende. Detlef Hopp schätzt, dass der Bau wohl einem Bahnmitarbeiter als Zufluchtsort und Beobachtungsbunker, zum Beispiel bei Fliegerangriffen diente.

Warum sich diesen Bauwerken über so viele Jahre niemand gewidmet hat? Hopp kann da nur achselzuckend mutmaßen. „Anderes schien wichtiger“, und während für die Historiker mit den Kleinstbauwerken keine neuen Erkenntnisse verbunden waren, erzählt der Stadtarchäologe die Heimatgeschichte dieser Stadt am liebsten anhand solcher Objekte.

Nach Nazi-Devotionalien suchte man im Bunker-Inneren vergeblich

Die Neugier und Faszination für diesen düsteren Teil der Geschichte teilen offenbar auch jene, die mit den letzten steinernen Zeugen der Weltkriegs-Geschichte in Berührung kommen. So kaperten bei Bauarbeiten an der Radtrasse durchs Segeroth-Viertel unbekannte Täter vor einiger Zeit einen dort abgestellten Bagger und rissen den unter Denkmalschutz gestellten Bunker mitsamt der Betoneinbettung aus dem Bahndamm.

Wenn die Aktion denn irgendwelchen Devotionalien im Bunker-Inneren galt, war das vergebene Liebesmüh’: Zu holen gibt’s in den Splitterschutzzellen nichts, wenn man einmal von einer drinnen vermutlich angebrachten Hinweistafel absieht, die Hersteller und zulässige Personenzahl nannte. Von ihr blieb nur noch ein Abdruck erhalten. Längst ist das Objekt wieder aufgerichtet und die von den Vandalen damals herausgerissene Tür wieder verschlossen, wenn auch mit eigenwilligen Metallriegeln. In Kürze soll auch eine Hinweistafel die Geschichte solcher Einmannbunker erzählen.

Wie erging es den Schutzsuchenden auf verlorenem Posten?

Zu gerne würde Stadtarchäologe Detlef Hopp nicht nur die steinernen Zeugen, sondern auch jene erzählen lassen, die damals die Splitterschutzzellen nutzten. Wie erging es jenen, die da auf fast verlorenem Posten Schutz suchten?

Denn wer immer da unter der Betonhaube steckte, und aus einem der vier Sehschlitze nach draußen schaute – wirklich sicher konnte der sich kaum fühlen. Splitterschutzzellen „schützen gegen Splitter von Sprengbomben, Volltreffer von Kleinst-Abwurfmunition und Bautrümmer...“, hieß es schon in den Bau-Richtlinien des Jahres 1943. Was im Umkehrschluss bedeutete: Ein echter Bombentreffer, und sei’s auch nur in der Nähe, machte jedem hier drinnen wohl den Garaus.

Den letzten Bunker-„Fund“ gab’s 2019 – mitten in Rüttenscheid

Das gilt auch für die betonierten Einmannbunker und erst recht für die Schutz-Zylinder aus Panzerblech, wie sich einer auf dem Gelände der Polizeischule fand. Ein ähnlicher fand sich beim Bau des Thyssenkrupp-Quartiers 2007, war aber weitestgehend zerstört.

Den letzten Bunker-„Fund“ gab’s Anfang diesen Jahres an der Köndgenstraße in Rüttenscheid. Für wen die Ein-Mann-Zelle hier einst errichtet wurde, auf einem Gelände mit Werkswohnungen der Firma Goldschmidt, bleibt auch acht Jahrzehnte danach – im Dunkeln.

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