Sexueller Missbrauch

Essen: Nach Missbrauchsverdacht nutzen Eltern den Info-Abend

In Burgaltendorf soll es mehrere Fälle von Kindermissbrauch gegeben haben.

In Burgaltendorf soll es mehrere Fälle von Kindermissbrauch gegeben haben.

Foto: Susanne Tessa Müller

Essen.  In Burgaltendorf soll ein Mann mehrere Kinder missbraucht haben. Die Grundschule vor Ort bot besorgten Eltern nun Informationen statt Gerüchte.

Zwischen Weihnachtsfeiern, Adventssingen und Plätzchenbacken platzte vor einigen Tagen in Burgaltendorf die Nachricht, dass mehrere Kinder im Stadtteil sexuell missbraucht worden sein sollen. Mit einem kurzfristig einberufenen Elternabend am Donnerstag versuchte die Städtische Grundschule an der Alten Hauptstraße besorgten Eltern seriöse Informationen und - falls nötig -auch ein Ventil für ihre Ängste zu bieten.

Rund 80 Eltern, Lehrer fanden sich in der Schulaula ein „Es handelt sich um keine schulinterne Sache. Die Schule war nicht Tatort, und der Täter stammt auch nicht aus dem Kollegium!“, betont Schulleiter Holger Papieß. Dass ein aktueller TV-Beitrag den Titel „Massenmissbrauch in Essen-Burgaltendorf?“ trägt, ärgert den besonnenen Pädagogen, auch wenn noch ein Fragezeichen dahintersteht. „Das entbehrt jeder Grundlage“, sagt er.

Die Schule war nicht Tatort, aber das Lehrerkollegium will trotzdem nicht weggucken

Warum dann diese Veranstaltung? „Der Anlass liegt im außerschulischen Bereich, aber wir möchten als Kollegium nicht weggucken“, sagt der 52-Jährige. In Burgaltendorf ist der Fall Stadtgespräch, es gehe nun darum die Emotionen zu dämpfen. Mit der schulinternen Veranstaltung habe man einen Schutzraum schaffen wollen, um Eltern Hilfestellung bei diesem sensiblen Thema zu geben.

Mit dem Ergebnis der rund 90-minütigen Veranstaltung ist er zufrieden: Eltern, Lehrer und Betreuer seien nun auf einem gemeinsamen Informationsstand. Der lautet: Ein Mann aus der Nachbarschaft soll mehrere Kinder, darunter auch Schüler der einzigen Grundschule am Ort, missbraucht haben. Die Zahl der Opfer steht noch nicht fest, aber die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen bereits aufgenommen. Ob der Verdächtige bereits in Haft genommen wurde, ist nicht bekannt. „Da sind viele Fragen offen“, räumt Papieß ein.

Grundschule hat Erfahrung in der Kooperation mit dem Kinderschutzbund

Aber mit Gerüchten komme man auch nicht weiter. So suchte der langjährige Schulleiter professionelle Unterstützung beim Schulamt und dem Essener Kinderschutzbund. „Wir haben sofort eine gute Beratung gefunden“, lobt er die Kooperation. Mit dem Kinderschutzbund arbeitet die Schule seit vielen Jahren in der Prävention von sexuellem Missbrauch zusammen. Wer in Burgaltendorf die Grundschule mit den zwei Standorten an der Alten Hauptstraße und der Holteyer Straße besucht, sieht in den vier Jahren auf jeden Fall einmal das Theaterstück „Mein Körper gehört mir“, das sich dem Thema kindgerecht widmet.

„Wir hatten mit allem gerechnet“, sagt Thomas Weyand zum Ablauf des Informationsabends. Die Stimmung beschreibt er als „sehr gefasst“, es habe keine „größeren emotionalen Ereignisse“ gegeben. Dennoch: Viele Eltern verspürten derzeit ein Bedrohungsgefühl, was der Fachmann des Essener Kinderschutzbunds nachvollziehen kann. Doch auch er empfiehlt, Ruhe und Beherrschung zu wahren.

Schüchterne, introvertierte Kinder mit wenig Selbstbewusstsein sind leichte Opfer

Mit Heike Pöppinghaus, Leiterin des Kinderschutz-Zentrum, servierte er den Zuhörern eine Power-Point-Präsentation mit Tipps zum Umgang mit Missbrauch. Bettina König ist Opferschutzbeauftragte im Polizeipräsidium und kennt viele Missbrauchsfälle. „Die Taten ziehen sich quer durch alle Stadtteile“, weiß sie. „Da gibt es kein Nord-Süd-Gefälle in Essen.“ Leichte Opfer seien schüchterne, introvertierte Kinder mit wenig Selbstbewusstsein, die autoritär erzogen würden.

Zu den Tätern sagt sie: „Sie docken überall an, wo das Kind einen Mangel hat.“ Das könne Geld, Zuwendung oder Verständnis sein. „Je größer das jeweilige Defizit ist, umso höher ist die Gefahr, Opfer zu werden.“ So schenken Täter – Männer und Frauen – den Kindern eben nicht nur Spielsachen oder Geld dafür, sondern auch Zeit, Zuwendung oder gemeinsame Unternehmungen.

Kinder müssen so früh wie möglich lernen, Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht mögen

Zu den Motiven erläutert König: „Die Täter genießen es, ihr Opfer macht- und hilflos zu erleben.“ Scham- und Schuldgefühle seien die beiden Faktoren, die verhindern, dass sich missbrauchte Kinder ihren Eltern oder anderen Erwachsenen anvertrauen.

Was hilft: Kinder müssten so früh wie möglich lernen, „Nein“ sagen zu dürfen, wenn sie etwas nicht mögen. „Dazu gehören körperliche Berührungen aber auch Situationen, bei denen das Kind kein gutes Bauchgefühl hat, Ekel oder Angst empfindet“, erklärt die Kriminalkommissarin.

Die Rückkehr zur Normalität als Ziel

In Burgaltendorf wartet man die weiteren Ermittlungen gespannt ab. „Wir sind jetzt für das Thema sensibilisiert, aber eine Panik nutzt niemandem. Wir wollen so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurückfinden“, so Papieß.

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