Nahverkehr

Essen: So erlebt ein Busfahrer den Corona-Alltag am Steuer

Ruhrbahn-Fahrer André Silbert am Steuer seines Linienbusses. Zum Schutz vor einer Infektion ist die erste Sitzreihe mit Flatterband abgesperrt.

Ruhrbahn-Fahrer André Silbert am Steuer seines Linienbusses. Zum Schutz vor einer Infektion ist die erste Sitzreihe mit Flatterband abgesperrt.

Foto: Kerstin Kokoska / Funke Foto Services

Essen  Als Busfahrer bei der Ruhrbahn ist André Silbert einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Das gilt auch für seine Fahrgäste.

André Silbert ist seit 24 Jahren Busfahrer. An seinem Hemdkragen steht noch Evag, auch wenn der Betrieb längst Ruhrbahn heißt. André Silbert stört das nicht. Er ist sogar ein bisschen stolz darauf. "Ich bin gerne Busfahrer", sagt der 54-Jährige. Doch Zeiten wie diese hat er in all den Jahren noch nicht erlebt. Wie auch?

Die erste Sitzreihe in seinem Linienbus ist mit Flatterband abgesperrt, damit niemand dem Fahrer zu nahe kommt. So sieht es in allen Bussen der Ruhrbahn aus. Fahrgäste müssen hinten einsteigen und Abstand halten. Die bruchsichere Scheibe, die Silbert vor Übergriffen aggressiver Fahrgäste schützen soll, soll nun das Coronavirus fernhalten. "Ein hundertprozentiger Schutz ist das nicht", sagt er. "Aber etwas sicherer fühle ich mich schon."

Angst, dass in ein Fahrgast anstecken könnte, empfindet er nicht

Ob er Angst hat, sich anzustecken? André Silbert verneint. Da sei das Risiko zuhause vielleicht sogar größer. Seine Partnerin arbeite im medizinischen Bereich, die Tochter sogar in der Notaufnahme.

André Silbert sagt, es sei ihm wichtig, dass er seinen Job erledigt. Gerade jetzt. So sähen es die allermeisten der Kollegen, berichtet Hans-Peter Kremer, Leiter des Betriebshofes an der Ruhrallee, wo 258 Ruhrbahn-Fahrer Dienst schieben. Im Betrieb rückten alle etwas mehr zusammen, das sei auch sein Eindruck, bestätigt der Vorsitzende des Betriebsrates, Ahmet Avsar.

Die Fahrgäste wüssten das zu schätzen, ist André Silbert überzeugt. "Viele sind einfach froh, dass wir fahren." Die überwiegende Mehrheit verhalte sich im Bus sehr diszipliniert und suche Abstand zu anderen Fahrgästen. In einem Gelenk-Bus finden sonst 110 Fahrgäste Platz. Der reicht nun vielleicht noch für 30.

Die Ruhrbahn fährt aktuell im Krisenmodus

Abstand halten, das war nicht immer möglich. Silbert hat es vor einigen Tagen selbst erlebt, als er morgens seinen 142-er in Richtung Karstadt-Zentrale steuerte. "Da waren ein paar Leute zuviel drin." Silbert informierte die Leitstelle, fuhr aber weiter. "Es waren nur zwei Haltestellen." Inzwischen setzt die Ruhrbahn dort zusätzliche Busse ein. Auch auf der Schiene wurden zwei Linien verstärkt.

Die Ruhrbahn fährt im Krisenmodus. Die Leute sollen zu Arbeit kommen, sich aber in Bus und Bahn nicht zu nahe kommen. Darauf gilt es das Angebot abzustimmen - und möglichst schnell zu reagieren.

Auch das ist Ausdruck der Krise: Auf den Straßen ist viel weniger los als sonst. "Im Radio müssen sie sich schon sehr anstrengen, wenn sie Staus durchsagen wollen", scherzt André Silbert. Für ihn bedeute das weniger Stress als sonst. Sogar die Ruhrallee ist frei. Am Nachmittag drängen keine Schüler in den überfüllten Bus, und auch mit renitenten Fahrgästen muss er sich nicht rumärgern, was sonst immer mal wieder vorkommt.

Das Fahren ist entspannt

Es klingt merkwürdig angesichts der realen Gefahr, die das Virus für das Leib und Leben so vieler bedeutet, wenn Silbert sagt:"So ein entspanntes Fahren wie jetzt habe ich noch nie erlebt." Dennoch wäre nicht nur er froh, würde alles bald wieder seinen gewohnten Gang gehen.

"Es gibt Kollegen, die nehmen es locker, andere machen sich Sorgen", berichtet Betriebsrats-Chef Ahmet Avsar. "Wir versuchen ihnen die Angst, soweit es geht, zu nehmen." Betriebsrat und Geschäftsführung zögen da an einem Strang, was bei der Ruhrbahn nicht immer der Fall ist.

So würden die Fahrzeuge und Arbeitsplätze intensiv gereinigt, Fahrer erhielten Desinfektionsmittel und Einweghandschuhe. Auch im Pausenraum heißt es: Abstand halten.

"Zum Glück hatten wir noch keinen Corona-Fall", sagt Betriebshofleiter Hans-Peter Kremer. Sollte ein Kollege sich mit dem Virus infizieren, hätte das nicht nur Quarantäne zur Folge, sondern möglicherweise Konsequenzen für das Aufrechterhalten des Fahrbetriebes.

Busfahrer zählen zu den besonders gefährdeten Berufsgruppen. Für ihren Einsatz bedankte sich die Ruhrbahn jetzt mit Plakaten und einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitung. Ahmet Avsar spricht einmal mehr im Namen seiner Kollegen, wenn er sagt: "Diese Wertschätzung tut gut."

REDUZIERTER FAHRPLAN

Seit dem 23. März fährt die Ruhrbahn nach einem reduzierten Fahrplan. Der Betrieb wird um vier Uhr in der Frühe aufgenommen. Bis acht Uhr gilt werktags dann auf den meisten Linien ein 30-Minuten-Takt. Die Linien 107 und U11 wurden verstärkt, so dass ein 15-Minuten-Takt möglich ist. Von 8 bis 21 Uhr gilt ein 15-Minuten-Takt, von 21 bis 23 Uhr fährt die Ruhrbahn dann wieder alle 30 Minuten.

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