Theater und Philharmonie

Essen: Theater-Streit um Personen – und Posten von morgen

Sie vertreten die Sparten der Theater und Philharmonie. Wer den amtierenden Intendanten (von links) Ben Van Cauwenbergh, Christian Tombeil und Hein Mulders nachfolgt, ist ungewiss. Geschäftsführer Berger Bergmann (rechts) hat ein neues Modell ins Gespräch gebracht.

Sie vertreten die Sparten der Theater und Philharmonie. Wer den amtierenden Intendanten (von links) Ben Van Cauwenbergh, Christian Tombeil und Hein Mulders nachfolgt, ist ungewiss. Geschäftsführer Berger Bergmann (rechts) hat ein neues Modell ins Gespräch gebracht.

Foto: Ulrich von Born / FUNKE Foto Services

Essen.  Nach dem Brandbrief von 366 TuP-Mitarbeitern an den OB wird klar: Es geht nicht nur um Frust auf den Chef, sondern um die Strukturen der Zukunft.

Wenn sie im Theater nicht weiter wissen, wird auf der Bühne für gewöhnlich der „Gott aus der Maschine“, der „Deus ex machina“ auf den Plan gerufen: Dieser höhere Krisenhelfer schwebt seit der Antike immer mal wieder als unerwarteter Konfliktlöser ein. Und mancher bei Theater und Philharmonie fragt sich in diesen Tagen gespannt, wer dieser Retter aus der Not in Essen sein könnte. Denn der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen TuP-Geschäftsführer Berger Bergmann und dem Betriebsrat mit seinem Vorsitzenden Adil Laraki dreht sich nicht nur um die Zwistigkeiten von gestern, sondern auch um große Pläne für morgen.

Fünfköpfige Arbeitsgruppe geht den Vorwürfen nach

Der Aufsichtsrat hat auf den Brandbrief von 366 TuP-Mitarbeitern inzwischen reagiert. Eine fünfköpfige Arbeitsgruppe wird sich mit den erhobenen Vorwürfe beschäftigen und sowohl dem Aufsichtsrat als auch der Belegschaft Bericht erstatten. Allzu schnelle Ergebnisse dürften nicht zu erwarten sein: „Mit ein, zwei Sitzungen wird es nicht getan sein“, glaubt zumindest Aufsichtsrats-Vizechef Hans Aring.

Wobei es offenbar auch innerhalb der Belegschaft unterschiedliche Beurteilungen zur Stimmungslage gibt. Während die einen von Angst, Unsicherheit und einem „toxischen Klima“ sprechen, soll sich ein Großteil des Schauspiel-Teams unlängst gegen eine Vereinnahmung der Protestfraktion verwahrt haben. Die Versetzung eines technischen Mitarbeiters vom Aalto ins Grillo-Theater muss aber zuletzt die Sorge verstärkt haben, dass keiner mehr auf seiner angestammten Position sicher ist.

Generalintendanz wird als Schreckensszenario gehandelt

Denn Theater und Philharmonie stehen vielleicht vor tiefgreifenden Veränderungen. Öffentlich hält man das Thema noch unter Verschluss, doch hinter vorgehaltener Hand wird bereits seit geraumer Zeit über einen möglichen Umbau in der TuP-Führungsetage geredet. Wenn die Verträge der drei derzeit amtierenden Intendanten – Ballett-Chef Ben Van Cauwenbergh, Schauspiel-Chef Christian Tombeil und Hein Mulders für Aalto und Philharmonie – in der Spielzeit 2022/23 auslaufen, wäre der Weg frei für eine Generalintendanz.

Aus drei mach eins? Für viele Mitarbeiter gilt diese Vorstellung als Schreckensszenario. Finanziell aber könnte die Rechnung langfristig aufgehen, denn schon mit den normalen Tariferhöhungen läuft die TuP dem Vernehmen nach Gefahr, in der Spielzeit 2022/23 ein Defizit von rund drei Millionen Euro anzuhäufen. Wollte man personell weitermachen wie bisher, müsste der städtische Verlustausgleich von 48,3 Millionen Euro (2019) also deutlich ansteigen. Doch das steht derzeit nicht in Aussicht.

Eine tiefgreifende Umstrukturierung braucht Vorlauf

Für viele ist die Generalintendanz nicht nur als Sparmodell verpönt. Das Amt gleicht auch einer Herkulesaufgabe: Ein Haus mit rund 700 Mitarbeitern und fünf Sparten zu führen, Kontakte in die internationale Künstlerwelt zu halten, aber auch vor Ort präsent zu sein und die künstlerischen Entwicklung voranzutreiben – für diese Aufgabe dürfte es nicht viele passende Kandidaten zu geben. Zwar ist die Generalintendanz an bundesdeutschen Häusern keine Ausnahmeerscheinung. Und auch das Essener Theater hat in der Vergangenheit glanzvolle Generalintendanten-Zeiten erlebt. Doch inzwischen gilt die TuP mit ihren fünf Sparten als mächtiger Kultur-Tanker, der eigentlich mehr als nur zwei Hände am Ruder braucht.

So müsste man nicht nur die richtige Besetzung an der Spitze des Hauses finden, auch der personelle Unterbau müsste stimmen – mit engagierten Oberspielleitern, Chefdramaturgen oder wie auch immer benannten Führungskräften, die sich nicht nur für die einzelnen Sparten, sondern auch für ein stärkeres Miteinander verantwortlich fühlen. Aber da liegt die Crux. Um so eine tiefgreifende Umstrukturierung anzugehen, braucht es Vorlauf. Gerade in der Kulturszene, wo Top-Posten nicht von jetzt auf gleich, sondern oft Jahre vor Antritt vergeben werden.

Keine Entscheidung mehr in der auslaufenden Ratsperiode

Im Wahljahr 2020 allerdings dürfte das Interesse äußerst gering sein, das Thema Generalintendanz oder sonstige strukturelle Überlegungen überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen. Wäre eine solch tiefgreifende Änderung doch ein Politikum, das auch den Rat der Stadt zu beschäftigen hätte, wie Aring betont. Die Politik sieht allerdings wenig Sinn darin, dass Stadtrat und Aufsichtsrat noch in der auslaufenden Ratsperiode eine grundlegende Weichenstellung beschließen, die ein personell und politisch möglicherweise völlig anders aufgestelltes Gremium nach der Wahl im September 2020 dann umzusetzen hätte.

Wenn bis dahin aber nichts passiert, müsste es nach den Kommunalwahlen ganz schnell gehen. Und das neue Führungspersonal – sofern nicht irgendwer schon einen Plan A oder B in der Schublade hat – möglicherweise unter hohem Zeitdruck gefunden werden.

Die finanzielle Situation wird sich nicht entspannen

Das Timing scheint schwierig. Die Frage, wie sich Theater und Philharmonie in den kommenden Jahren personell und finanziell auf Kurs halten lassen, bleibt allerdings unausweichlich – unabhängig von der Personalie Bergmann. Schon jetzt ist klar: Trotz aktuell steigender Besucherzahlen und der noch bis 2022 fließenden Extra-Zuschüsse vom Land wird sich die finanzielle Situation der TuP in den kommenden Jahren eher verschlechtern als entspannen. Jedes Tarifplus wird Rücklagen auffressen, denn der Mammutanteil des Etats fließt nun mal ins Personal.

Dass etwa die Hälfte der 700 Mitarbeiter nun Sorge um die Zukunft des Hauses haben, darf die Politik nach Überzeugung vieler nicht ignorieren. Mit göttlicher Hilfe darf man nämlich nur auf der Bühne rechnen. Hier gibt es mehr Artikel, Bilder und Videos aus Essen

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