Verkehr

Essen: Umweltspur soll Autofahrer doch nicht ausbremsen

Die Stadt will nun doch am Ausgang des Tunnels auf der Schützenbahn auf eine Ampel für den Autoverkehr verzichten.

Die Stadt will nun doch am Ausgang des Tunnels auf der Schützenbahn auf eine Ampel für den Autoverkehr verzichten.

Foto: Foto: Kerstin Kokoska

Essen.  Die Stadt Essen hat Korrekturen an der geplanten Umweltspur zugunsten des Autoverkehrs vorgenommen. Nicht nur deshalb gibt es Kritik am Entwurf.

Ob es wirklich funktioniert? Ab Herbst diesen Jahres sollen Radfahrer auf der Umweltspur an der Innenstadt vorbei über die Bernestraße, die Schützenbahn und den Viehofer Platz bis zum Universitätsviertel radeln können – und das so sicher wie möglich. Busse der Ruhrbahn sollen die Umweltspur ebenfalls nutzen. Doch schon die Planungen der Trassenführung erinnern an eine Operation am offenen Herzen.

Zur Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses hat die Verwaltung jetzt am ursprünglichen Entwurf einige Änderungen vorgelegt. Dies offenbar auch mit dem Ziel, Kritiker zufriedenzustellen, die befürchten, die Umweltspur könnte den Autoverkehr zu stark behindern.

Radfahrer sollen erst in Höhe der Gerlingstraße auf die Umweltspur einfädeln

So schlagen die Planer vor, in Fahrtrichtung Norden nun doch auf eine Ampel am Ausgang des Tunnels der Schützenbahn zu verzichten, damit es nicht zu Rückstaus im Tunnel kommt.

Ursprünglich war angedacht, dass Radfahrer unmittelbar hinter dem Tunnel auf die Umweltspur einfädeln, die in Richtung Viehofer Platz in der Mitte der Straße verläuft. Nun sollen Radfahrer auf dem bereits vorhandenen Radweg bis zur nächsten Ampel an der Gerlingstraße vorfahren. Dort erhalten sie dann vor dem Autoverkehr Grün und genügend Zeit, damit sie sicher auf die Umweltspur gelangen können.

Allerdings handelt es sich dabei um eine vorübergehende Lösung, die nur funktioniert, so lange nicht zu viele Radfahrer auf der Strecke unterwegs sind, wie die Verwaltung einräumt. Denn der vorhandene, 60 Meter lange Radweg ist mit 1,25 Metern sehr schmal. Bei stark gestiegenem Radverkehr bestehe „perspektivisch Erweiterungsbedarf“, heißt es. Dass dieser zu Lasten des Autoverkehrs gehen würde, liegt wohl auf der Hand.

Im Tunnel unter den Bahngleisen wird die Fahrradspur durch eine Betonmauer geschützt

Laut der jüngsten Verkehrszählung von Juni 2019 sind auf der Schützenbahn pro Stunde übrigens 39 Radfahrer unterwegs – und 3822 Kraftfahrzeuge.

Auch an der geplanten Einfahrt an der Freiheit in den Tunnel unter den Bahngleisen am Hauptbahnhof haben die Planer noch einmal den Bleistift angesetzt. Für Radfahrer, die am Südausgang des Hauptbahnhofes vorbei radeln und nach links in den Tunnel in Richtung Innenstadt einfahren wollen, wird auf der Fahrbahn eine eigene Radspur abmarkiert. Dafür fällt die rechte von drei Spuren für den Autoverkehr weg.

Radfahrer schwimmen also nicht mehr im Verkehr mit, müssen aber einen Umweg in Kauf nehmen. Denn ihre Spur führt zunächst über eine Rampe auf die höher gelegene Weigelstraße, erst von dort gelangen Radfahrer auf die „Protected Bike Lane“. Auf dieser, baulich durch eine 81 Zentimeter hohe Betonmauer von der übrigen Fahrbahn getrennten Radspur sollen Radfahrer dann sicher durch den Tunnel bis zum Varnhorstkreisel gelangen.

Für den Umweg über die Weigelstraße führt die Verwaltung Sicherheitsgründe an, können Radfahrer die „Protected Bike Lane“ doch in beide Fahrtrichtungen nutzen. Ein Stoppschild soll sicherstellen, dass es an der Einfahrt in den Tunnel nicht zu Kollisionen zwischen Radfahrern kommt.

Zum Überholen ist die Umweltspur an einigen Stellen zu schmal

Rolf Fliß, Ratsherr der Grünen und Leiter des Arbeitskreises Radverkehr seiner Partei, will die Bedenken der Verwaltung nicht gelten lassen. Der Umweg über die höhe gelegene Rampe sei nichts anderes als eine Schikane.

Kritisch gesehen wird auch, dass die Umweltspur nicht durchgehend wie gewünscht 4,75 Meter breit sein wird, damit Busse gefahrlos langsamere Radfahrer überholen können. Wo der Viehofer Platz auf die Schützenbahn in Fahrtrichtung Süden übergeht, ist die Umweltspur nur 3,50 Meter breit. Das Überholen wird dort aus Sicherheitsgründen nicht möglich sein.

„Wie klappt das mit Bussen und Radfahrern auf einer Spur?“ Diese Frage stellen sich auch Befürworter der Umweltspur wie Rolf Fliß. Dass zudem für Radfahrer keine Anbindung an den Hauptbahnhof eingerichtet werde, sei ebenfalls ein Manko. Die Verwaltung denkt an eine Fahrradstraße von der I. Dellbrügge, über die Akazienallee/Teichstraße zum Willy-Brandt-Platz. „Warum wird dieser Plan nicht gleich umgesetzt“, fragt Fliß.

Ungeteilte Begeisterung löst die Verwaltung mit ihrem Entwurf also nicht aus. Mitte Februar soll der Bau- und Verkehrsausschuss entscheiden. Dass eine Mehrheit am Ende zustimmen wird, darf als sicher gelten, zumal die Umweltspur Bestandteil des gerichtlichen Vergleichs mit der Deutschen Umwelthilfe zur Verbesserung der Luftqualität ist.

Auch die CDU signalisiert bei aller Skepsis Zustimmung. „Wenn es klappt, sind wir froh“, sagt Guntmar Kipphardt, verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion, betont aber auch, dass es sich um eine einjährige Testphase handeln wird.

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