Jugendherberge

Essen: Wie sich die Jugendherberge mit den Jahren veränderte

Joachim und Carola Ladwig sind seit 40 Jahren Herbergseltern. Im Laufe der Jahre hat sich einiges verändert.

Joachim und Carola Ladwig sind seit 40 Jahren Herbergseltern. Im Laufe der Jahre hat sich einiges verändert.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Um Jugendherbergen ranken sich viele Mythen, die Essener Herbergseltern erzählen, was sich alles verändert hat. Hagebuttentee gibt es aber noch.

Die Betten sind unbequem, um 22 Uhr ist Schlafenszeit, das Essen ist schlecht und es gibt immer nur Hagebuttentee: So oder so ähnlich geartete Erinnerungen haben viele Erwachsene an ihre Besuchen in Jugendherbergen. Carola und Joachim Ladwig wollten schon sehr früh mit solchen Klischees aufräumen. Die beiden sind seit seit 40 Jahren Herbergseltern.

Die Essener Jugendherberge in Werden leiten die Ladwigs nun seit 34 Jahren, in diesem Jahr gehen sie in den Ruhestand. „Herbergsleiter“ ist übrigens auch die korrekte Bezeichnung für den Beruf der beiden. Denn der Begriff „Herbergseltern“ stammt aus einer anderen Zeit. Der Zeit, als die beiden anfingen.

Paar musste 1980 heiraten, um Jugendherberge leiten zu dürfen

Als sie 1980 zum ersten Mal Chefs einer Herberge wurden, war Carola Ladwig 24, Joachim Ladwig 26 Jahre alt. Dafür mussten die beiden gelernten Chemielaboranten damals heiraten. „Das kam bei unseren Freunden gar nicht gut an“, erzählt Joachim Ladwig lachend. „Heiraten war damals überhaupt nicht angesagt.“ Doch die Regel war eben, dass nur verheiratete Paare die Leitung einer Jugendherberge übernehmen durften – keine Singles, keine Paare in wilder Ehe.

Ihre erste Herberge leiteten die Ladwigs im bergischen Kürten. Zimmertechnisch sah es dort in den achtziger Jahren völlig anders aus als heutzutage in Jugendherbergen. „Das größte Zimmer hatte 14 Betten. Es gab richtige Schlafsäle, jeweils für Jungen und für Mädchen“, erinnert sich Joachim Ladwig.

Bäder auf den Zimmern gab es früher nicht – dafür einen Gemeinschaftsduschraum

Den Luxus eines eigenen Bades auf dem Zimmer genossen die Herbergsgäste in den Achtzigern ebenfalls noch nicht. „Es gab einen Duschraum im Keller. Da gingen dann eben um 19 Uhr die Mädchen duschen und um 20 Uhr die Jungen. Gemeinschaftstoiletten gab es auf den Etagen“, erzählt Joachim Ladwig. Diese Zeiten sind längst vorbei: In der Werdener Jugendherberge hat jedes Zimmer eine eigene Dusche und Toilette. Hotel-Standard also, auch wenn man mit Hotels nicht verglichen werden möchte.

Wenig schöne Erinnerungen haben viele Erwachsene an die Herbergsverpflegung. In der Tat: „Früher stand beim Essen die Einfachheit im Mittelpunkt“, sagt Carola Ladwig. In der Anfangszeit sei es durchaus vorgekommen, dass die Herbergseltern auch einmal selbst in der Küche – wie auch in allen anderen Bereichen des Herbergslebens – aushelfen mussten. Heute, mit 25 Mitarbeitern, ist das nicht mehr nötig.

Um 22 Uhr ist Nachtruhe, „das heißt aber nicht, dass dann alle im Bett sein müssen“

„Wir haben einen sehr hohen Standard in der Küche“, so Carola Ladwig. Die Gäste können sich am Buffet bedienen, die Backwaren kommen frisch von der Essener Bio-Bäckerei Troll. Wer sich zum Beispiel vegan ernährt, Lebensmittelunverträglichkeiten hat oder religionsbedingt kein Schweinefleisch isst, kann das vorher anmelden und bekommt dann ein auf seine Bedürfnisse abgestimmtes Frühstück, Mittag- und Abendessen. Laktosefreie Milch und Sojaprodukte gehören sowieso zum Standardrepertoire.

Hartnäckig hält sich auch das Bild vom Herbergsvater, der abends durch die Gänge schleicht und auf die Einhaltung der Sperrstunde um 22 Uhr pocht. Wahr ist: „Hier gibt es natürlich Familien mit Kindern, die früh ins Bett müssen“, sagt Carola Ladwig. Um 22 Uhr herrsche unverändert Nachtruhe. Aber: „Das heißt natürlich nicht, dass dann alle im Bett sein müssen.“ Im übrigen bekämen Gäste üblicherweise ihren eigenen Schlüssel für die Jugendherberge, am Wochenende sei die Rezeption bis 0 Uhr besetzt.

Herbergsleiter wohnen seit sechs Jahren nicht mehr in der Jugendherberge

Und: Die Jungs davon abzuhalten, sich nachts in die Mädchenzimmer zu schleichen – dafür sind andere zuständig. „In erster Linie sollen die Gruppenleiter dafür sorgen, dass die Hausordnung eingehalten wird“, sagt Carola Ladwig. Joachim Ladwig ergänzt: „Wenn wir Beschwerden anderer Gäste bekommen, reden wir darüber.“ Kontrollgänge gebe es aber nicht. Das ist auch schlicht nicht mehr möglich. Denn seit sechs Jahren lebt das Paar nicht mehr in seiner Dienstwohnung in der Jugendherberge, sondern hat sein eigenes Quartier in Werden bezogen. Erreichbar seien sie aber trotzdem.

In ihren vielen Jahren als Herbergsleitung haben die Ladwigs auch die eine oder andere skurrile Situation erlebt. „Wir hatten auch schon einen Gast, der mit seinem Pferd angereist sind. Das graste dann am nächsten Tag fröhlich auf der Wiese hinter der Herberge“, erzählt Carola Ladwig zum Beispiel. Oder: „Einmal an Weihnachten, als die Jugendherberge eigentlich geschlossen war, stand ein Mann aus dem asiatischen Raum vor der Tür. Er war auf Weltreise und nur mit dem Fahrrad unterwegs.“ Das Paar hatte Erbarmen und öffnete die Jugendherberge außerplanmäßig für den Radler.

Neben dem Hagebuttentee gibt es längst noch viele andere Teesorten

Bleibt noch der vielleicht größte Mythos, der sich um die Jugendherberge rankt: der Hagebuttentee. Manche Dinge ändern sich eben dann doch nie. Wie Carola Ladwig verrät, ist der Kindheitsklassiker weiterhin fester Bestandteil des Getränkerepertoires, „nur, dass wir eben daneben noch zehn andere Teesorten zur Auswahl haben.“

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