Gastronomie

Essen: Erinnerung an verschwundene Kneipen und Gaststätten

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Das Gebäude steht heute leer und marode an der Lanfermannfähre am Baldeneysee, wo einst Wirt Karl Witte die Gäste bediente.

Das Gebäude steht heute leer und marode an der Lanfermannfähre am Baldeneysee, wo einst Wirt Karl Witte die Gäste bediente.

Foto: Foto / Heisinger Bergbau- und Heimatmuseum

Essen-Heisingen.  Spelunken, Arbeiter-Kneipen, Tanzlokale, Gaststätten, Cafés, Kneipensterben: Die Essener Gastro-Szene hat sich gewandelt –wie Beispiele zeigen.

  • Von zahllosen Kneipen, Gaststätten und Cafés in den Essener Stadtteilen sind viele verschwunden.
  • Manche Gebäude wurden längst abgerissen oder zu Wohnraum umgebaut.
  • Es gibt manche Erinnerung an durchgefeierte Nächte, Vereinstreffen und Wirtsleute.

Ein Bier an der Theke, ein Kartenspiel unter Freunden, die Treffen des Sparclubs: Zahllose Kneipen und Gaststätten gab es im Stadtgebiet, doch von den beliebten Treffpunkten sind viele verschwunden – im Gegensatz zu vielen Erinnerungen. Die gibt es in jedem Stadtteil, der vom Kneipensterben betroffen ist. Manches Traditionslokal blieb erhalten.

Ausstellungen, Bücher oder alte Bilder führen den Schwund oder die Veränderung der Essener Lokale immer wieder vor Augen und wecken riesiges Interesse wie zuletzt eine Ausstellung aus dem Essener Osten über Steeles Kneipen, von denen es 175 gab. In Heisingen ist es nun ein Kalender mit historischen Fotos früherer Gaststätten und Kneipen, die längst abgerissen oder zu Wohnraum geworden sind.

Erinnerungen und Bedauern, dass nur noch sehr wenige gastronomische Kultstätten gibt

Dabei kann so mancher berichten, was sich hinter den Wänden an Theke oder Tischen abspielte, kann von der Stimmung so einiger durchzechten und durchgefeierte Nacht erzählen. „Diese Erinnerungen sind oft gepaart mit dem Bedauern, dass nur sehr wenige gastronomische Kultstätten den Wandel der Zeiten überdauert haben“, weiß Henner Höcker vom Bergbau- und Heimatmuseum, der den Kalender herausgibt.

Es gibt Heisinger Geschichten der Kumpel von Carl Funke, die zum Unmut der Frauen mit geplünderten Lohntüten zu Hause ankamen, die Erzählungen von Familienfeiern oder Vereinstreffen sowie rührende Anekdoten und liebevolle Erinnerungen an Wirtsleute und deren ehemalige Schankstuben.

Neubauten und Umbau zu Wohnraum

So ist die Gaststätte Türmchen 2015 Neubauwohnungen gewichen, der Bürgerkrug wiederum zu Wohnraum umgebaut worden. Einst gab es in diesem „ein größeres und kleineres Gesellschaftszimmer, ein Klavier, einen schattigen Garten, Billard, 1a Bier und eine gute Küche“, steht in einer Anzeige zu lesen. „Der Wirt Wilhelm Walter von der Uhle baute den Bürgerkrug 1910 an die Bahnhofstraße“, haben die Ortshistoriker herausgefunden.

Nur wenig später folgte der „olle Holbeck“. Die letzten Pächter waren dann Dirk und Gaby Preuß, die ihre Gäste bis 2011 bewirteten. Das markante Eckgebäude immerhin blieb erhalten, das Gasthaus Türmchen indes ist samt seiner Mauern Geschichte. Das hatte neben einem Turm einen Gesellschaftsraum, in den bis zu 200 Personen passten. Vereine feierten hier bei Paula: Sie galt als hervorragende Köchin, führte die Gaststätte auch nach dem Tod ihres Mannes bis Ende 2013 weiter. Sie selbst starb vier Jahre später.

Das Ausflugslokal Lützenrath in Essen eröffnete bereits 1918

Abschied vom Gebäude des Café Waldfrieden (Lützenrath) mussten die Essener bereits 2009 nehmen. Stadtbekannt war die Gaststätte an der Heisinger Straße (ehemals Bredeneyer Straße) am Schellenberger Wald gelegen, denn so mancher denkt bei Lützenrath an große Kuchenstücke und leckere Windbeutel sowie den „idyllischen Garten mit seinen hohen Bäumen, den Rosenbögen und Springbrunnen“, haben die Verfasser notiert.

1918 eröffnete Wilhelm Lützenrath das Ausflugslokal, in dem es zum Kuchen „Sahne, so viel wie nie zu Hause“ gab. Bis ins hohe Alter bewirtete eine Nichte der Familie, Marlies Namous, ihre Gäste. Später dann überwucherten erst Brombeerhecken den einst gut besuchten Außenbereich, nun stehen Reihenhäuser nahe der Haltestelle, die einst nach Lützenrath benannt war und heute Uhlenstraße heißt.

Schöne Aussicht in das Ruhrtal, selbst gebackenen Bauernstuten und diverse Schnittchen

All diese Geschichten von den Wirten, ihren Gaststätten und den Gästen, „ergeben das mannigfaltige Bild einer bunten Gastro-Landschaft aus Spelunken, Arbeiter-Kneipen, Tanz-Lokalen, Speisegaststätten und gepflegten Cafés“, sagt Henner Höcker über die frühere Kneipenlandschaft in seinem Stadtteil, die ähnlich in vielen anderen Vierteln zu finden gewesen ist.

„Schöne Aussicht in das Ruhrtal, selbst gebackenen Bauernstuten und diverse Schnittchen“ fanden Gäste in der Restauration „Zum Nußbaum“, wo es im Garten sogar Boxkämpfe gegeben haben soll. Das Ausflugslokal „Zum Gardestern“ am Holsteinanger bot zudem Spielplatz, Liegewiese, Pony und Esel, bis der Gastronomiebetrieb kriegsbedingt aufgegeben werden musste: „Das Haus wurde für andere Bestimmungen gebraucht“, haben Nachforschungen des Mitglieder vom Museumskreis ergeben.

Die Gaststätte „Zum alten Bahnhof“ wiederum befand sich an der Straße Lanfermannfähre. Zur Geschichte dieser gehört der Bau einer Personenhaltestelle (1872) und eines Bahnhofs mit Warteraum (1874). Bekannt sind die Pächter, die die Bahnhofsgaststätte von 1929 bis 1950 führten: Karl und Mieze Westhoff. Es folgten weitere Wirte und das Ende 1993, bevor bei einem Brand zwei Jahre später auch die Reste der Bahnhofswirtschaft verschwanden. Heute gibt es noch die Bahnhofstraße – seit 26 Jahren nun ohne Bahnhof.

Das beliebte Ausflugsziel „Fährhaus Rote Mühle“ in Essen existiert noch

Geblieben ist an der Lanfermannfähre die frühere Gaststätte von Karl Witte (Zum Ruhrtal) nahe des Baldeneyseeufers, allerdings steht das Gebäude, das die Stadt verkauft hat, leer. Weiterhin betrieben wird hingegen das Restaurant „Zur Schmette“, das seit ihrer Hochzeit 1884 zunächst das Ehepaar Franz und Christina Lindemann führte. Nach so manchem Pächter haben sich nun neue Wirtsleute gefunden.

Älter noch als die Geschichte der Schmette ist das Fährhaus am Ruhrufer von 1752, das einst auch als Schleusenwärterhaus genutzt wurde, bis im Jahrhundert darauf mit der damals errichteten Eisenbahnstrecke ein schnellerer Transportweg bereit stand. Im Fährhaus betrieb die Familie Lux bis 1956 in der Roten Mühle ein Gasthaus. Das ist bis heute beliebtes Ausflugsziel, dort machen nach der Flutkatastrophe in diesem Jahr der Inhaber Peter Soyk und sein Team weiter – nach der Winterpause.

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