GESUNDHEIT

Essener Notarzt hat den Tod als ständigen Begleiter

Notarzt Dr. Matthias Käunicke (l.) behandelt im Philippusstift in Borbeck mit Dr. Abdel Haman El-Ghalban (r.) und Krankenpfleger Pascal Klösener (hinten) den Patienten Robin Orlowski, der einen Arbeitsunfall hatte.

Foto: Kerstin Kokoska

Notarzt Dr. Matthias Käunicke (l.) behandelt im Philippusstift in Borbeck mit Dr. Abdel Haman El-Ghalban (r.) und Krankenpfleger Pascal Klösener (hinten) den Patienten Robin Orlowski, der einen Arbeitsunfall hatte. Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Matthias Käunicke arbeitet als Notarzt . Bei seinen Einsätzen hat er viele Menschen gerettet, Grenzerfahrungen gemacht und Grauenvolles erlebt.

Am Philippusstift in Borbeck sind Leben und Tod unmittelbare Nachbarn. Der Friedhof an der Hülsmannstraße grenzt an die Klinik. Dr. Matthias Käunicke blickt aus einem Bürofenster im Philippusstift rüber zur letzten Ruhestätte. Und ist für einen Moment betrübt: „Natürlich weiß ich, dass da Menschen liegen, die ich im Einsatz behandelt habe. Und die es nicht geschafft haben.“ Käunicke, 42, ist Oberarzt im Philippusstift und fährt zusätzlich Notarzteinsätze. Dabei ist der Tod sein ständiger Begleiter.

Wenn der Innendienst in der Medizinischen Klinik II für den Kardiologen Matthias Käunicke Alltag ist, dann ist der Außendienst mit Notarzt-Einsätzen Abenteuer: „Es ist ganz anders als die Tätigkeit in der Klinik. Du weißt nie, was kommt. Und was kommt, kommt anders, als du denkst“, beschreibt er das Ungewisse, das einen besonderen Reiz ausübt. Zehn Einsätze pro Monat hat er als Assistenzarzt gefahren. Inzwischen macht er noch einen Notarzt im Monat. Dabei geht es ihm weniger um die 600 Euro für die Schicht. „Die Leidenschaft für den Beruf spielt eine wichtige Rolle. Die Chance, in Bewegung zu bleiben und über den Tellerrand zu schauen, weil ich im Einsatz Chirurg, Internist, Neurologe, Kardiologe und Psychologe sein muss. Und vor allem die Möglichkeit, Menschen das Leben zu retten. Aber das gelingt nicht immer.“ Wenn auch der Notarzt einem Menschen nicht mehr helfen kann. „Man muss auch sterben dürfen“, sagt der Mediziner.

Einsätze mit „Grenzerfahrungen“

Bei seinen etwa 3000 Notarzt-Einsätzen hat der 42-Jährige viel erlebt. Geschichten, an die er sich ungern erinnert, wie sein Gesichtausdruck beweist. „Grenzerfahrungen“, nennt er sie knapp. Der erste Bahntote an der ICE-Trasse. Der Mann, der sich auf dem Dachboden erhängt hatte, während Sohn und Ehefrau unten im Wohnzimmer saßen. Der Einsatz unter Polizeischutz mitten im Altenessener Drogenmilieu. Der Unfall, bei dem ein umgefallener Kran einem Bauarbeiter Gliedmaßen abgetrennt hatte. „Es sind Einsätze, bei denen man als Notarzt funktionieren muss. Einfach funktionieren. Im Stress ist es dann nicht einfach, immer die richtige Entscheidung zu treffen“, gesteht Matthias Käunicke mit ruhiger wie leiser Stimme.

Verletzte beruhigen, Angehörige trösten

Die kommt auch immer wieder bei Notfällen zum Einsatz. Dann, wenn der Arzt nicht als Mediziner, sondern als Seelsorger gefordert ist. „Ich glaube, ich kann ganz gut reden“, sagt der 42-Jährige und erklärt: „Das könnte an meinen Genen liegen. Mein Vater war Pfarrer und in der Krankenhaus-Seelsorge.“ So findet Matthias Käunicke die richtigen Worte, wenn er Verletzte beruhigen und Angehörige trösten muss.

Manchmal fehlen aber auch ihm die Worte. Wie bei diesem Einsatz auf der A42, die häufig Zielort für seinen Notarztwagen ist. Schwerer Unfall mit einem polnischen Auto. Der Vater überlebt. Ehefrau und Sohn nicht. „Ein grauenvoller Einsatz“, erinnert sich Matthias Käunicke, der bei der Rückkehr in die Klinik dem Vater am Krankenbett die Nachricht vom Tod der Familie überbringen muss.

Ein traumatischer Einsatz

Der Arzt ist mehr als sonst betroffen: „Der Sohn war im Alter meiner Söhne.“ Käunicke nimmt sich eine Auszeit. Auch eine Woche nach dem Unfall muss er plötzlich weinen. Eine posttraumatische Belastungsstörung. Er zweifelt, er wankt: „Ich habe überlegt: Kannst du weitermachen? Willst du weitermachen?“. Er macht weiter, auch wenn Spuren im Kopf und in der Seele bleiben.

Als Notarzt rettet er immer wieder Menschen, hat oft leblose Körper reanimiert und so zurück ins Leben geholt. In der Reanimation steckt der Begriff „Anima“, lateinisch für die Seele. Notarzt Matthias Käunicke als Retter, der einer Seele wieder Leben einhaucht. „Das sind die Einsätze, für die ich Notarzt bin“, sagt er. Und nach denen seine Patienten das Philippusstift durch den Haupteingang verlassen können.

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