Gewebetransplantationen

Essenerin bereitet Augen-Hornhäute für Transplantationen vor

An diesem Augenmodell der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation lässt sich der Aufbau des Auges gut erkennen. Bei den Gewebespenden kommt es vor allem auf die Hornhaut an. Damit ist die äußere Hülle des Auges gemeint.

An diesem Augenmodell der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation lässt sich der Aufbau des Auges gut erkennen. Bei den Gewebespenden kommt es vor allem auf die Hornhaut an. Damit ist die äußere Hülle des Auges gemeint.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen.  Essenerin Sabrina Schmidt koordiniert Gewebespenden. Sie entnimmt Gewebe von Verstorbenen. Eine Herausforderung: Gespräche mit den Angehörigen.

Es kommt vor, dass Sabrina Schmidt nachts angerufen wird. Dann springt sie ins Auto und macht sich auf den Weg. Von Essen nach Bonn. Oder nach Bottrop. Wo immer jemand gestorben ist, dessen Gewebe schwerkranken Menschen helfen könnte. Sabrina Schmidt koordiniert solche Gewebespenden von Essen aus für große Teile Nordrhein-Westfalens. Vor allem aber führt sie Handgriffe durch, über die viele Menschen nicht einmal nachdenken möchten. Außer vielleicht, wenn es darum geht, einen Thriller zu schreiben. Stichwort: Eingriffe am offenen Auge.

Biologin Sabrina Schmidt entnimmt Gewebe von Verstorbenen und sorgt dafür, dass es zu einer Gewebebank transportiert wird, um dort gelagert und später zur Transplantation geschickt zu werden. Bei deutschlandweit knapp 3000 Verstorbenen waren die Essenerin und rund 40 weitere Koordinatoren im Jahr 2018 im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) im Einsatz. „Am häufigsten werden Augen-Hornhäute transplantiert. Patienten können durch die Spende ihr Augenlicht halten oder zurückgewinnen“, sagt Schmidt. Aber es geht auch um Herzklappen, Knochen oder Blutgefäße.

Gewebespende ist nicht zu verwechselnmit der Organspende

Im Gegensatz zu der häufiger in der Öffentlichkeit stehenden Organspende (z.B. Herz, Lunge oder Niere) können Gewebe auch nach dem Herz-Kreislauf-Tod gespendet werden. „Für Organspenden kommen ausschließlich hirntote Spender in Frage, eine Gewebespende ist dagegen bis zu drei Tage nach dem Tod möglich“, sagt Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG.

Ihre Arbeit steuert die 34-jährige Sabrina Schmidt von einem Büro in Holsterhausen nahe der Autobahn 40 aus. Täglich steht sie in Kontakt zu Krankenhäusern, um zu prüfen, ob Verstorbene potenzielle Spender sein könnten. Dabei berät sie sich eng mit ihrer Kollegin Anna Wiesner, einer weiteren jungen Frau (31), die ebenfalls dieser ungewöhnlichen Tätigkeit nachgeht. „Wenn nichts gegen eine Spende spricht, kontaktieren wir die Angehörigen. Dieses Gespräch ist manchmal eine Herausforderung“, erzählt Schmidt. In ihrer noch sehr frischen Trauer sollen die Angehörigen die wichtige Entscheidung treffen, ob sie einer Gewebespende zustimmen und ob diese im Sinne des Verstorbenen wäre.

Im Kontakt mit den Angehörigen von Verstorbenen ist Fingerspitzengefühl nötig

Dafür ist enormes Fingerspitzengefühl nötig. „Wir möchten nicht, dass die Angehörigen überrumpelt werden. Wir wollen aber auch nicht, dass sie hinterher sagen: Ach, hätte ich doch...“, sagt Martin Börgel. Nach einer ersten Kontaktaufnahme und einem zweiten Gespräch stimmten 36 Prozent der Angehörigen einer Gewebespende zu.

Bei einer Zusage geht für Sabrina Schmidt die Arbeit beim Bestatter oder im Krankenhaus weiter, je nachdem, wo sich der Verstorbene befindet. „Man sollte keine Berührungsängste haben und handwerkliches Geschick mitbringen“, sagt die Essenerin über die eigentliche Gewebeentnahme. „Die Arbeit muss kosmetisch gut sein. Es geht um Respekt und Verantwortung. Deshalb gibt es beispielsweise Glasprothesen in der passenden Augenfarbe.“ Die Angehörigen sollen auch nach dem Einsatz der Gewebespendenkoordinatorin noch die Möglichkeit haben, von dem Verstorbenen Abschied nehmen zu können.

Nicht jedes Krankenhaus beteiligt sich

Die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation setzt auf die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern. Längst nicht jede Klinik beteiligt sich. Andere verfügen über eine eigene Gewebebank, so wie die Essener Universitätsklinik. Es werden deutlich häufiger Gewebespenden transplantiert als Organspenden. „Die Wartelisten für Gewebe werden kürzer“, sagt Sonja Tietz, die als Ärztin für die DGFG arbeitet und dort die Spenden für eine Transplantation freigibt. „Zum Glück gehen die Vorbehalte zurück.“

Laut DGFG-Geschäftsführer Martin Börgel hat die Wartezeit für eine Augen-Hornhaut vor 15 Jahren noch bei bis zu einem Jahr gelegen. Heute erreicht das Spendergewebe einen schwerkranken Patienten im Durchschnitt nach vier bis sechs Wochen.

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