Närrische Ratssitzung

Essens Karnevalisten nehmen Behörden-Narrheiten aufs Korn

Die geladenen Prinzenpaare im Essener Ratssaal. Zur 20. Närrischen Ratssitzung gab es jede Menge jecke Spitzen Richtung Politik und zum Schluss die traditionelle Erbsensuppe.

Die geladenen Prinzenpaare im Essener Ratssaal. Zur 20. Närrischen Ratssitzung gab es jede Menge jecke Spitzen Richtung Politik und zum Schluss die traditionelle Erbsensuppe.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  200 Karnevalisten aus Essen und NRW trafen sich zur 20. Närrischen Ratssitzung. Neben Politikschelte gab’s auch einen jecken Antrag.

Wenn Königspaare, Prinzen und Prinzessinnen samt Gefolge, Tollitäten und andere närrische Hoheiten aus ganz NRW im Rathaus am Porscheplatz zusammenkommen, geht es mit Riesenschritten auf Rosenmontag zu. Sechs Wochen vor dem Karnevalshochtag am 24. Februar lockt das Traditionstreffen für Karnevalsvereine und Garden in der Verwaltungszentrale: Im Ratssaal stellte das Festkomitee Essener Karneval (FEK) am Samstag ab 11.11 Uhr einen jecken Antrag. Das Thema: „Future for Fools – Fools für Future – Rettet die Narrenfreiheit“.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, die Narren (engl. „fools“) haben eine Zukunft in Essen, aber dafür regelmäßig auf die Straßen gehen, wie die Friday-for-Future-Jugend wollen sie nicht. Seit nunmehr 20 Jahren bekommen sie neben zahlreichen Auftritten zwischen dem 11. November und Aschermittwoch ohnehin eine besondere Plattform, um sich und ihre Wünsche zu präsentieren. Bei der 2001 eingeführten närrischen Ratssitzung dürfen sie Anträge stellen. Deren Inhalt birgt bei allem Humor auch mindestens ein Körnchen Wahrheit.

OB Kufen reimt eine launige Begrüßungsrede

Aus dem ganzen Stadtgebiet, aber auch aus Gladbeck, Herten, Hilden, Kempen, Mülheim und Wuppertal sind sie morgens ins Rathaus geeilt, die Herren in prunkvollen Uniformen mit Dreispitz oder Kappen mit meterlangen Vogelfedern, begleitet von Damen in ausladenden Reifrockkleidern oder schmucken Gardeanzügen. Bier, Sekt und Schnaps werden zunächst beim großen „Prinzentreffen“ mit Ordensaustausch im Foyer gereicht. Auch das hat Tradition.

Einen Ehrenplatz beim offiziellen Hofstaatsporträt mit allen Prinzenpaaren und dem gut gelaunten Hausherren, OB Thomas Kufen, haben die lokalen Hoheiten: Heike I. und Andreas I. vom Essener Karnevals Verein sowie das Kinderprinzenpaar Jillian-Alica I. und Noah I. von der KG Närrische 11. Dann wird es ernst, soweit man davon reden kann. In der launigen Begrüßungsrede beweist der mit Orden geschmückte Oberbürgermeister feinste Reimeskunst. So sei es jetzt schon „zehn Jahre her, dass auf der A 40 fuhr kein Verkehr“, spielt Kufen aufs Kulturhauptstadtjahr an. Gelacht, werde „nicht nur auf der Kirmes in Crange, das wisse man in Essen bereits schon lange.“

Aussichtsplattformen und Umweltspur auf dem Kieker

Mit einem fröhlichen „Helau“ unter Applaus reicht er Saßen das Mikrofon. Der FEK-Präsident erntet fürs Verlesen der witzig formulierten und anschaulich mit Fotos und Filmen untermalten Antragsrede manchen Lacher. Die originellen Texte liefert seit 20 Jahren der Essener Tom Werner. Das soll so bleiben. Wenigstens noch zwei weitere Jahre, bis zur närrischen 22 (zweimal elf), wünscht sich der FEK. Von den Sitzungssesseln im Ratssaal lauschen die rund dreimal elf angereisten Königspaare von Rhein und Ruhr den Anliegen, die Saßen mit ernster Miene verliest.

Schnell stellt er klar: Jeck geht es im Essener Stadtkabinett nicht nur im Karneval zu. Närrische Züge hätten die teuren Aussichtsplattformen an der Brehminsel in Werden, die im ganzen Land für Spott sorgten und am Ende gar im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler landeten. „Machen Sie weiter so, Herr Oberbürgermeister“, lobt Saßen. Durch Aktionen wie diese fühlten sich die Karnevalisten durch die Verwaltung gestärkt, hängt er an. Das komme dem Antrag sehr entgegen. Narrenherzen höherschlagen ließe zudem die geplante Umweltspur auf der viel befahrenen Schützenbahn. Denn trotz Umbau soll die Straße nicht zur Staufalle werden. Kein Scherz! Hier wittert der FEK deutlich jeckes Potenzial und zählt das Projekt zu den „behördlichen Narrheiten.“ Alternativ regt Saßen eine Verordnung zum Verzicht auf kohlensäurehaltige Getränke an – ein Vorschlag, der gut ankommt.

Dass die vielen Kameras zur Geschwindigkeitsüberwachung zwar dem Stadtsäckel, aber nicht unbedingt der Umwelt dienen, würden die meisten Gäste sofort unterschreiben. „Die Blitzer sind dem Klimaschutz nicht zuträglich“, sagt Saßen und liefert am Beamer den Grafikbeweis: Ein Auto, das mit 50 km/h in der Stadt unterwegs ist, brauche 7,2 Minuten für sechs Kilometer, bei Tempo 70 km/h wären es nur 5,1 Minuten für die gleiche Strecke. „Wer schneller fährt, stößt weniger CO 2 aus“, schlussfolgert das FEK-Oberhaupt.

Vorschlag: Windmühlen auf dem Rathaus

Frohsinn weckt zudem der letzte Punkt des Antrags, Windräder auf allen Essener Hochhäusern zu installieren. Vorreiter soll das 106 Meter hohe Rathaus sein. Hier wünscht sich die Narrenzunft eine bunte Designer-Lösung, die an Windmühlen für Balkon und Garten erinnert. Die eingespielte Animation der Essener Skyline zeigt: eine wunderbare Vorstellung.

Wie bei jeder Ratssitzung folgt in der närrischen Variante auf den Antrag eine Diskussion der Parteien. Während Thomas Osterholt (SPD) noch viel Diskussionsbedarf sieht, kommt Dirk Kalweit von der CDU den Forderungen entgegen. „Selten gab es ein so ernstes Thema wie dieses in der närrischen Sitzung“, räumt er ein. Dass die Narrenfreiheit selbst im Karneval permanent infrage gestellt werde, hätten Beispiele der vergangenen Jahre gezeigt. Obenan: Annegret Kramp-Karrenbauer als Toilettenwitze reißende Putzfrau in der Bütt oder die öffentliche Schelte einer Zuschauerin beim Auftritt von Bernd Stelter in Gürzenich. „Humor braucht jedoch Gelassenheit“, rät der CDU-Ratsherr und bekräftigt: „Wir Ruhris lassen uns den Karneval nicht nehmen.“ Das verdient tosenden Applaus.

Hans-Peter Schöneweiß (FDP) stimmt dem frohsinnigen Antrag hingegen nicht zu. Im Rathaus werde schon jetzt genug Blödsinn produziert, begründet er. „Doch Witze sollten wir uns nicht verbieten lassen“, so der Liberale. Für die Grünen nimmt Christoph Kerscht Stellung. Der Planungsfachmann verteidigt „das Recht des freien Blicks“ und lobt die hölzernen Podeste in Werden. „Wir brauchen noch viel mehr davon.“ Auf der Umweltspur sollten nur grüne Autos oder solche mit Blumenmuster fahren dürfen, schlägt er vor. Auch ein „Furzverbot im Rathaus“ sollte man mal durchrechnen.

Bis es dazu kommt, gibt es nach der närrischen Sitzung weiter die beliebte Erbsensuppe im 22. Stock. Und der Antrag geht erst zur Beratung an den Hauptausschuss. Das kann dauern, bis ins nächste Jahr. Die Narrenfreiheit ist gesichert. Helau!

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