Bildung

Essens Politik soll alle Schulen zur Inklusion verpflichten

Gemeinsames Lernen wird für alle Essener Schulen verpflichtend.

Gemeinsames Lernen wird für alle Essener Schulen verpflichtend.

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Wüstneck

Essen.   Bezirksregierung macht Druck auf die Stadt. Die will mit 17 eigenen Kräften die eklatante Personalkrise an den Inklusions-Schulen lösen.

Die Probleme bei der Inklusion an Essens Schulen werden nicht geringer. Aber Not macht erfinderisch: Jeder Fördertopf, egal ob bei Bund oder Land, wird von der Stadt aktuell angezapft. Dort, wo beispielsweise die Integrationspauschale für Flüchtlinge die Arbeit an den Schulen zwischen Kettwig und Karnap erleichtern soll, wo Lehrer mit einer schwierigen Schülerstruktur dringend Hilfe brauchen, ergreift die Stadt jede Gelegenheit – und stellt mit dem Geld aus Berlin oder Düsseldorf Erzieher oder Schulsozialarbeiter zur Verfügung. Inklusion und Integration könnte man den Ansatz nennen. Immerhin: 17 Stellen werden von der Stadt für die Schulen in Not geschaffen.

Essen spielt den Lückenbüßer

Tatsächlich spielt Essen damit den Lückenbüßer, auch wenn in der Schulverwaltung niemand das Wort aussprechen will. Aber was soll man als Kommune auch tun? Der Erlass des Landes zur Neuordnung der Inklusion will das Gemeinsame Lernen an Schwerpunkt-Schulen bündeln. Dies mag auf dem Lande klappen und sicher ein guter Ansatz sein. In einer Großstadt wie Essen läuft er ins Leere.

Selbst die zuständige Schulaufsicht der Bezirksregierung muss nun die Notbremse ziehen. Um die etwa 1606 Jungen und Mädchen, die an Essens Regelschulen bereits am Gemeinsamen Lernen teilnehmen, mit den nötigen Schulplätzen zu versorgen, wird die Düsseldorfer Schulaufsicht verfügen, dass einfach alle Essener Haupt-, Real- oder Gesamtschulen als Orte des Gemeinsamen Lernens eingerichtet werden.

„Dafür brauchen wir jede Eingangsklasse“

Und das dauerhaft. Denn: Für das neue Sommer-Schuljahr stehen bereits wieder 284 Jungen und Mädchen auf der Anmeldeliste der Stadt, davon 155 für den zieldifferenten Unterricht. „Dafür brauchen wir wirklich jede neue Eingangsklasse an den 29 Realschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen“, heißt es bei der Stadt, die auf die vier bislang an der Inklusion beteiligten Gymnasien bekanntlich nicht mehr zählen kann. Sie werden angesichts der neuen Bedingungen keine Kinder mehr für das Gemeinsame Lernen aufnehmen. Nur das Alfred-Krupp-Gymnasium hat für das kommende Schuljahr letztmalig seine Hilfe angeboten.

Die Verwaltung wird deshalb am kommenden Mittwoch im Schulausschuss vorschlagen, angesichts der aktuellen Erlasslage, der man sich als Kommune kaum widersetzen könne, der Vorgabe der Bezirksregierung zu folgen. In den Schulen dürfte der Aufschrei groß sein. Seit Jahren engagieren sich viele Häuser bei der Inklusion, die Lehrer stemmen trotz knappster Ressourcen mit viel Engagement den Alltag. Doch jetzt?

Für 40 Kinder ein Sonderpädagoge

Die ohnehin wenigen Sonderpädagogen wurde nahezu komplett an ihre Förderschulen zurückbeordert. An manchen Schulen steht für über 40 Kinder gerade einmal ein Sonderpädagoge zur Verfügung, und das ist kein Einzelfall. Alle Schulleiter haben deshalb in den Gesprächen mit der Stadt darauf hingewiesen, dass ihre Ausstattungen vor allem in personeller, aber auch in sächlicher Art „weder in Qualität noch Quantität den im Erlass genannten Anforderungen entsprechen“, heißt es in der Vorlage. In der Summe, stellt deshalb die Stadtverwaltung fest, „sind die Bedingungen für eine adäquate Beschulung der Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf in der Stadt Essen aber nicht gegeben und werden durch die Neuausrichtung weiter verschärft - vor allem hinsichtlich der Personalausstattung“.

„Wir stehen in der Pflicht, den Schulen zu helfen

Das widerspricht so fundamental den Zielen des Erlasses, die Schulen des Gemeinsamen Lernens zu stärken, dass man bei der Stadt von einer „Farce“ spricht: „Aber alles Jammern hilft ja nicht. Die Kinder sind da, und wir stehen in der Pflicht, den Schulen zu helfen.“ Neun Erzieherstellen, dazu acht Schulsozialarbeiter, will die Stadt zur Verfügung stellen, nein, keine Sonderpädagogen: „Das wäre schön, aber die finden sie nicht auf dem Arbeitsmarkt.“ Immerhin: In Gesprächen mit der Stadt will auch Düsseldorf nachsteuern, „um die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf bestmöglich mit den vorhandenen Ressourcen im Gemeinsamen Lernen zu beschulen“. Wie das gelingen könnte, dazu hat sich die Schulaufsicht allerdings noch nicht geäußert.

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