Streit in der SPD

Essens SPD-Vize Endruschat: „Wir kämpfen ums Überleben“

Ringt auch um seine künftige Rolle in der SPD: Karlheinz Endruschat, Vize in der Partei und Ratsherr. „Nichts von alledem, was ich jetzt öffentlich sage, habe ich nicht zuvor auch intern in den Parteigremien formuliert.“

Ringt auch um seine künftige Rolle in der SPD: Karlheinz Endruschat, Vize in der Partei und Ratsherr. „Nichts von alledem, was ich jetzt öffentlich sage, habe ich nicht zuvor auch intern in den Parteigremien formuliert.“

Essen.  Altenessens Ratsherr über Sozialarbeiter-Lyrik, seine Sorgen um die Sozialdemokratie, und die Überlegung, für den Parteivorsitz anzutreten.

Herr Endruschat, 36 Jahre haben Sie als Bewährungshelfer gearbeitet. Wie lautet denn Ihre Sozialprognose für die alte Tante SPD in Essen?

Wir machen eine ganz schwierige Phase durch, insgesamt und auch in Essen. Mehr noch: Die SPD kämpft um ihr Überleben. Das haben viele noch nicht verstanden.

Und Sie übertreiben jetzt auch nicht, nur damit Ihnen alle zuhören?

Könnte man denken, wenn wir nicht beinahe täglich schlechtere Wahlprognosen bekämen. Im Osten sind wir teilweise nur noch drittstärkste Partei, und ich fürchte, das erleben wir bald auch hier, denn die AfD hat sicher ein Potenzial, das größer ist als 15 bis 25 Prozent. Wir erleben das ja in Gesprächen, wenn Menschen uns sagen: Wir können die AfD nicht wählen, weil sie in ihrem Kern fremdenfeindlich ist. Wenn die es schaffen, diesen Makel abzulegen, droht uns der wirkliche Absturz....

...Sie werden der AfD doch wohl jetzt keine Tipps geben wollen...

...nicht nötig. Die Strategen in der Partei wissen das schon selbst.

Das Phänomen ist deutschland- oder fast europaweit zu besichtigen. Gibt es für Sie Essener Besonderheiten?

Die liegen darin, dass wir aus der SPD heraus Leute zur AfD verloren haben. Insbesondere einen.

„Offensichtlich hat die AfD die geschicktere Strategie“

Der herumgereicht wird wie eine Ikone des sozialdemokratischen Niedergangs...

...geschickt aufgebaut und für Pütt-Fotos schwarz geschminkt.

Bis hin zur New York Times, wo Guido Reil es jüngst auf die Titelseite geschafft hat. Wie sehr hängen Wohl und Wehe der örtlichen SPD an ihm?

Er ist zur Symbolfigur stilisiert worden, auch durch die Medien: Jemand, der die SPD verlässt, weil sie für den „kleinen Mann“ und die Mittelschicht vermeintlich nicht mehr wählbar wäre. Diese Bilder sind hängen geblieben. Offensichtlich hat die AfD auch die geschicktere Strategie.

Es hätte alles ganz anders kommen können, wäre Reil 2016 SPD-Vize geworden. Stattdessen wurden Sie’s.

Weil ich die aufsässigen Nord-Vereine der SPD beruhigen sollte.

Was nicht funktioniert hat.

Stimmt.

Und das lag an Ihnen oder an den aufsässigen Sozis im Norden?

Ich hatte mir ja nicht den Auftrag gegeben, das war schon die Idee von anderen. Ich war mir immer im Klaren darüber, dass wir die Situation dort aufmerksamer verfolgen müssen – insbesondere im Feld der gescheiterten Integration.

Und dann kommt Ihnen ein Wort wie „Muslimisierung“ über die Lippen.

Soziologisch betrachtet ist der Begriff überhaupt nicht belastet. Viktor Orbán hat ihn mal benutzt.

„Die Schere in unseren Köpfen wird halt immer schärfer“

Hm. Der ungarische Ministerpräsident. Ein Rechtsaußen der Politik.

Mag sein, aber es ist ein Begriff, den jeder verstanden hat. Jeder wusste, was ich meine. Anders als wenn ich drumherum formuliert und über die „empirische Untersuchung hinsichtlich der Entwicklung“ geredet hätte.

Auch Wohlmeinende werfen Ihnen seither vor, damit das Geschäft der äußersten Rechten zu betreiben.

Die Schere in unseren Köpfen wird halt immer schärfer. Als wir mit Blick auf die Flüchtlingswelle vor zwei Jahren und den Migranten-Anteil die Überschrift „Der Norden ist voll“ gekippt haben – auf Druck von oben –, haben uns das viele Bürger ebenso übel genommen. Es hieß, wir wären feige: „Ihr hättet das durchziehen müssen.“

Waren Sie „feige“ oder „einsichtig“?

Dass der Norden „voll“ ist, habe ich aus strategischen Gründen nicht mehr gesagt, so wie ich heute wahrscheinlich nicht mehr so schnell von „Muslimisierung“ reden würde. Einfach, weil es vielen die Möglichkeit gibt, sich dahinter zu verstecken, aus der Diskussion abzutauchen.

„Wenn wir Sündenböcke suchen wollten, dann bei uns“

Enttäuscht Sie, wie schnell Sie mit Ihren Äußerungen zu Migranten in die rechte Ecke geraten sind?

Ich kenne meine Leute. Ich hätte vorher aufschreiben können, welche Reaktionen wo herkommen, nur das Ausmaß hat mich überrascht. Ich habe einen kleinen Stein in den Teich geworfen und wusste nicht, dass er solche Wellen schlägt.

Manch alte Weggefährten noch aus grünen Zeiten wie Walter Wandtke haben für Ihre Erkenntnisse nur Spott übrig: „Pasogia“ – „Patriotische Sozialdemokraten gegen die Islamisierung Altenessens“.

Ach, naja, der Walter Wandtke...

...und Ihr eigener Parteichef wirft Ihnen vor, Sie suchten Sündenböcke...

Wenn wir Sündenböcke suchen wollten, müssen wir bei uns suchen.

Das mit der Integration hat die SPD verbockt?

A u c h die SPD. Auch ich. Bis vor zwei Jahren war das Thema schlicht tabu. Es war nicht gewollt. Jetzt läuft die Debatte, und wir müssen schauen, dass wir eine Regulierung des Zuzugs in den Essener Norden hinbekommen. Die Flüchtlinge sind nicht das Problem, das Problem ist vorher entstanden: nämlich dadurch, wie wir Integration gestaltet haben. Da gibt es ganz viele Gutwillige, die viele schöne Projekte machen und unzählige Kontakte haben und glauben, diese Handvoll Verlesener, mit denen sie da arbeiten, seien die Muslime im Stadtteil. Sie sind es aber nicht.

„Wir haben die damit Ängste lange nicht aufgegriffen“

Der Sozialdezernent will deshalb Sozialarbeiter schicken...

...das ist immer dann, wenn man hilflos ist, auch der richtige Ansatz...

...mit „Sozialarbeiter-Lyrik“, wie das Essener Bürger Bündnis ätzt, kennen Sie sich ja bestens aus...

...aber langfristig müssen wir versuchen, Strukturen zu verändern. Ich habe schon im ersten Semester gelernt: Sozialarbeit löst keine gesellschaftlichen Probleme, sondern behandelt Symptome. Das Problem wurzelt in der Zeit vor 30, 40 Jahren. Damals begann die spürbare Zunahme an Migranten, und wir haben die damit verbundenen Ängste der Menschen lange nicht aufgegriffen.

Warum „rächt“ sich das vor allem für die Sozialdemokraten?

Weil die Menschen, die diese Überfremdungs-Ängste haben, unsere eigentliche Klientel sind. Die wohnen da. Mit jedem Kilometer Abstand wird es einem mehr egal. Gaststättenbesuche im Norden sind, wenn man sich als Sozialdemokrat zu erkennen gibt, nicht mehr vergnügungssteuerpflichtig. Die Leute in der Kneipe sagen: Früher haben wir SPD gewählt, heute AfD.

Ein Denkzettel für die Sozen?

Teilweise, ja, und da sehe ich auch unsere Chance, die zurückzuholen.

„Die SPD ist ideologisch ein Stück weit zerrissen“

Aber die SPD ist doch gespalten.

Beim Thema Flüchtlinge würde ich das auch so sehen. Ich wollte im Juni einen Parteitag zum Thema Integration machen, aber das war nicht gewollt. „Zu kurzfristig“, hieß es: Man könnte das nicht genug vorbereiten.

Gilt diese Spaltung der SPD nicht vielerorts? Vom A52-Lückenschluss bis zu Heim-Standorten, von der Wohn-Sozialquote zum OB-Kandidaten: Überall gab und gibt es zwei sozialdemokratische Parteien in einer.

Ja, aber auch das ist ja nichts Neues.

Wie kommt man als SPD aus der Nummer wieder raus?

Meine Hoffnung war, dass mit Thomas Kutschaty als Parteichef auch ein Moderator kommt. Er macht das sicher immer noch gut...

...aber...?

...ich fürchte, die Gräben sind zu tief.

Aber warum? Warum die Schärfe in der parteiinternen Debatte, warum diese Lust an der Selbstzerstörung?

Ich weiß nicht, was sich da Bahn bricht, aber ich teile die Analyse. Die SPD ist ideologisch ein Stück weit zerrissen, und diese Ebene darüber verhindert ganz viel. Bei einigen Kämpfen habe ich auch das Gefühl, als würde ich die Partei nicht richtig kennen. Vielleicht bin ich noch nicht lange genug dabei.

„Keiner will Duisburg-Marxloh im Essener Norden“

15 Jahre, immerhin. Vielleicht hat es auch nie richtig gerummst im Karton. Schonungslose Aufarbeitung mieser Wahlergebnisse haben die Genossen nicht geliefert. Es wurde hie und da Druck aus dem Kessel genommen, aber im Grunde brodelte es weiter.

Das Problem sehe ich auch jetzt. Wieder gibt es Versuche, das Thema Integration wegzudrücken. Ich soll einen Arbeitskreis dazu leiten...

Um das Thema galant abzuräumen?

(lacht) Kann ich nicht sagen, da würde ich ja meine Arbeit als Arbeitskreis-Leiter konterkarieren. Aber es gibt solche Versuche. Viele in der SPD verstehen nicht, dass wir über ein Problem reden, das die Bevölkerung für wichtig hält. Keiner will Duisburg-Marxloh oder Dortmunds Nordstadt im Essener Norden...

...und keiner die AfD am Drücker?

Genau. Aber da ist dieser Lemminge-Effekt: Man rennt einfach weiter, obwohl man die Schlucht sehen müsste, die vor einem liegt. Alle sagen, sie hätten das Problem erkannt, ich sehe nur keine Entwicklung. Darum finde ich auch die Aktion gegen die Clans so spannend. Dort zu zeigen: Wir sind der Staat – dieses Zeichen wollen die Leute sehen.

Aber dieses Gefälle Arm und Reich, Nord und Süd in Essen ist doch uralt.

Schon wahr, aber im Rat wird auch schon mal mit Buh-Rufen bedacht, wer das Nord-Süd-Gefälle erwähnt. Es wurde auch lange Zeit in Abrede gestellt, dabei ist Altenessen mal deswegen eingemeindet worden – um Stadtteil für Ärmere zu werden.

„Nicht entschieden, für welche Position ich antrete“

Und so wird es – trotz aller positiven Effekte beim Eigenheimbau – wohl bleiben, weil die Mieten dort günstig sind, wo schon Probleme existieren.

So ist es. An sich müsste die Stadt mit viel Geld Wohnraum schaffen, der auch andere Schichten anspricht, damit die Stadtteile wieder einen andere Durchmischung bekommen. Aber das ist kaum bezahlbar. Auch über Wohneigentum lässt sich die Bevölkerungs-Struktur stabilisieren. So wie das an der Altenessener Straße passiert. Das kostet nur viel Zeit.

Und so lang kann die Altenessener gar nicht sein, um die Struktur zu drehen. Wenn kurzfristig also nicht viel hilft – sehen Sie dann schwarz für die Wahlchancen der SPD?

Offengestanden: ja. Das macht mir große Angst.

Jakob Augstein hat bei Spiegel Online die These vertreten: Wenn die AfD ihre Rechtsausleger-Position noch mit Sozialtaten verknüpft, wird d a s die neue Volkspartei.

Hab ich gelesen, und das ist auch meine Angst. Je mehr die AfD an die Schalthebel der Macht kommt, desto wahrscheinlicher werden solche sozialen Errungenschaften – während wir es nicht mal schaffen, unsere Erfolge zu verkaufen.

Leute, die schlechte Nachrichten überbringen, werden nicht geliebt.

Ich will auch nicht geliebt werden.

Aber wiedergewählt? Beim nächsten SPD-Parteitag im Juni?

Für welche Position ich antrete, habe ich noch nicht entschieden.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wo die Mehrheit in der SPD liegt?

Ich kann’s beim besten Willen nicht einschätzen. Ich weiß, trotz vielleicht falscher Wortwahl sind viele meiner Auffassung. Und es gibt ein gehöriges Maß an Verärgerung und Wut darüber, dass Themen in der Partei nicht angesprochen werden. So bleibt nicht aus, dass man das letztlich an Personen festmacht.

Und dann könnte am Ende des Parteitags stehen: Karlheinz Endruschat wird Parteivorsitzender – oder im anderen Fall nicht mal mehr Vize?

Das ist alles möglich, ja.

Und wenn Sie unterliegen, war’s das aber nicht mit der SPD?

Da treibt mich keiner raus, in der Tat. Sollte ich die Partei jemals verlassen, wechsle ich sicher nicht zu einer anderen. Ich bin nicht Guido Reil 2.0.

>> ZUR PERSON: KARLHEINZ ENDRUSCHAT

Karlheinz Endruschat (66), lernte einst Maschinenschlosser und fand über die evangelische Kirche zur Sozialarbeit. Er war in der Heimpädagogik und 36 Jahre als Bewährungshelfer tätig. Seit 2015 ist er im Ruhestand.

1989 bei den Grünen eingetreten, kam Endruschat zehn Jahre später in den Rat, war Vorstandssprecher und wechselte 2003 zur SPD, für die er seit 2009 im Stadtparlament sitzt. 2016 wurde der Altenessener einer von drei stellvertretenden Vorsitzenden.

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