Radverkehr

Fahrradroute kostet in Essener Stadtstraßen viele Parkplätze

Auch die Gemarkenstraße in Holsterhausen soll Teil der geplanten Fahrradachse werden.

Auch die Gemarkenstraße in Holsterhausen soll Teil der geplanten Fahrradachse werden.

Foto: Foto: Socrates Tassos

Südviertel/Rüttenscheid/Holsterhausen.  Die Stadt plant eine Radroute vom Südviertel bis nach Frohnhausen. Über 100 Parkplätze sollen in den dichtbesiedelten Quartieren dafür wegfallen.

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Für die Stadt Essen war dieses Ergebnis der jüngsten Mobilitätsumfrage enttäuschend: Die Bürger legen nur sieben Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurück. Dabei hat der Rat der Stadt sich doch die Förderung des Radverkehrs auf die Fahne geschrieben. Ein Anteil von 25 Prozent ist das erklärte Ziel. Dass dies zwangsläufig zu Lasten des Autoverkehrs geht, zeigt exemplarisch die Diskussion um die Einrichtung einer Fahrradstraße vom Südviertel über Holsterhausen bis nach Frohnhausen.

Die sogenannte Fahrradstraßenachse A ist eine von insgesamt drei Fahrradstraßen, die das Radfahren in Essen attraktiver machen sollen. Die Streckenführung ist nicht neu. Seit Mitte der 1990er Jahre ist sie Bestandteil des bis heute unvollendeten Hauptroutennetzes. Nun will die Stadt diese Lücke schließen und eine sichere Ost-West-Route für Radfahrer schaffen. Warum jetzt?

Essen ist eine von fünf Modellstädten, in denen der Bund innovative Verkehrsprojekte fördert, die dazu beitragen, dass die Luft sauberer wird. Die Fahrradstraßen sollen dabei helfen. 500.000 von rund 22 Millionen Euro, die Essen aus dem Fördertopf erhält, sollen in dieses Projekt fließen.

Radfahrer haben Vorrang, Autofahrer müssen sich ihrer Geschwindigkeit anpassen

Sehr zur Freude des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Die Strecke sei „relativ geradlinig“, führe über Nebenstraßen und sei deshalb auch für weniger geübte Radfahrer attraktiv, sagt ADFC-Sprecher Jörg Brinkmann. Nur: Die Straßen seien zu schmal, um auf der Fahrbahn Radfahrstreifen mit einer durchgezogenen Linie zu markieren. Gestrichelte Linien, so genannte Schutzstreifen, hätten sich in der Praxis nicht bewährt, da sie häufig von Autofahrern ignoriert würden, so Brinkmann. Die rund 4,5 Kilometer lange Strecke soll deshalb als Fahrradstraße ausgewiesen werden. Das heißt: Radfahrer haben Vorrang, ihrer Geschwindigkeit müssen sich Autofahrer anpassen.

In der für das Südviertel zuständigen Bezirksvertretung I ist die Stadtverwaltung damit durchgefallen. Bezirksvorsteher Frank Mußhoff (CDU) fasst die Gründe so zusammen: Die Mehrheit sei nicht einverstanden damit, dass die Fahrradstraße über ein Teilstück der Witteringstraße führen soll. Die Straße sei relativ eng, der Radverkehr überschaubar. Letzteres will die Stadt ändern. „Das dürfte ziemlich chaotisch werden“, fürchtet Mußhoff. Letztendlich liefe es darauf hinaus, dass der Autoverkehr verdrängt werde.

Der Durchgangsverkehr soll auf Hauptverkehrsstraßen verlagert werden

Genau genau diese Absicht verfolgen die Verkehrsplaner: Ziel sei es, den motorisierten Verkehr „auf die erforderliche Verkehrsmenge zu reduzieren“, heißt es. Der Durchgangsverkehr, der die Strecke als Schleichweg nutzt, solle auf Hauptverkehrsstraßen verlagert werden.

Betroffen ist aber auch der ruhende Verkehr. Nach Angaben der Verwaltung fallen entlang der Fahrradstraße etwa zehn Prozent der legalen Stellplätze weg. 28 sind es in Frohnhausen, 26 in Holsterhausen und 16 im Südviertel/Rüttenscheid. Auch 48 Stellplätze, die bislang von der Stadt als solche lediglich geduldet werden, könnten von Autofahrern nicht mehr genutzt werden. Hintergrund: Auf der Fahrbahn soll ein Sicherheitsabstand von 50 Zentimetern zum Fahrbahnrand markiert werden, damit Radfahrer nicht gefährdet werden, wenn an einem parkenden Auto plötzlich die Fahrertür aufgeht. Wo es passt, sollen auf Flächen, die illegal zum Parken genutzt werden, legale Stellplätze entstehen – 48 in Holsterhausen und 61 im Südviertel/Rüttenscheid.

Im Frohnhauser Einkaufsviertel fallen Stellplätze weg. Dem Einzelhandel gefällt das nicht

Die Bezirksvertretung III, zuständig für den Essener Westen, hat gegen das Vorhaben der Stadt „erhebliche Bedenken“ geäußert, berichtet Bezirksvorsteher Klaus Persch. „18 Parkplätze sollen im Einkaufsviertel an der Frohnhauser Straße wegfallen.“ Auch wenn es vielleicht um maximal 100 Meter gehe: Die Einzelhändler hätten es in Frohnhausen auch so schon schwer genug. „Wenn wir ihnen dann auch noch die Parkplätze wegnehmen...“

Vorbehalte habe die Bezirksvertretung auch, weil die Gemarkenstraße mit der Widmung als Fahrradachse zur Vorfahrtsstraße werden soll. Zwar gilt dann durchgehend Tempo 30. Persch fürchtet jedoch, dass sich Autofahrer nicht daran halten werden. „Dann geht die Raserei los“, ahnt Persch. Dass auf der Breslauer Straße Radfahrern die Busse der Ruhrbahn entgegenkommen, sehe man ebenfalls kritisch. „Ich halte das für riskant.“ Wie so oft steckt der Teufel also im Detail.

Baudezernentin warnt bei Verzögerungen vor verpassten Chancen

Essens Bau- und Umweltdezernentin Simone Raskob zeigt sich gleichwohl optimistisch, dass es der Verwaltung gelingen wird, die Bedenken der Ortspolitiker doch noch auszuräumen. Im kommenden Jahr muss das Projekt umgesetzt werden, so verlangt es der Bund als Fördergeber. Die Grünen warnen bereits vor einer verpassten Chance. Gelder müssten dann zurückgezahlt werden. Am Ende entscheidet der Bau- und Verkehrsausschuss des Rates.

Die Meinungsfindung in der für Rüttenscheid zuständigen Bezirksvertretung II steht noch. Rüttenscheid wäre nur am Rande betroffen, die Diskussion dürfte aber einen Vorgeschmack geben: Anfang kommenden Jahres will die Verwaltung ihre Pläne für eine Fahrradstraße auf der Rüttenscheider Straße vorstellen.

Derweil appelliert ADFC-Sprecher Jörg Brinkmann an die Politik, sich ehrlich zu machen: „Wenn man den Radverkehr in Essen wirklich fördern will, dann kann es in etlichen Fällen nur auf Kosten des Autoverkehrs gelingen, weil es sonst an Platz fehlt.“ Alles andere sei eine Illusion.

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