Prostitution

Freiraum: Neue Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen in Essen

Feiern zehn Jahre Strichpunkt und das neue Angebot Freiraum (v.l.): Gabriele Schneider (Gefährdeten-Hilfe der Caritas), Sozialdezernent Peter Renzel, Maike van Ackern und Sarah Hermes (beide für Strichpunkt und Freiraum tätig), Bürgermeister Franz-Josef Britz und CSE-Geschäftsführerin Claudia Mandrysch.

Feiern zehn Jahre Strichpunkt und das neue Angebot Freiraum (v.l.): Gabriele Schneider (Gefährdeten-Hilfe der Caritas), Sozialdezernent Peter Renzel, Maike van Ackern und Sarah Hermes (beide für Strichpunkt und Freiraum tätig), Bürgermeister Franz-Josef Britz und CSE-Geschäftsführerin Claudia Mandrysch.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Sie fragen nicht blöd, sie werten nicht, sondern helfen: Das Team der neuen Beratungsstelle „Freiraum“ in Essen steht Prostituierten zur Seite.

Frauen, die als Prostituierte arbeiten, scheuen oft den Gang zu Ämtern oder Servicestellen: Denn da werden ihnen häufig indiskrete bis abwertende Fragen gestellt, werden sie mitunter schief angeschaut. Darum gibt es mit „Freiraum“ nun eine Beratungsstelle, die sich ausdrücklich an Sexarbeiterinnen (und ihre Angehörigen) wendet. „Bei uns wird niemand stigmatisiert, hier muss sich keine Frau erst groß erklären“, sagt Maike van Ackern, und ihre Kollegin Sarah Hermes ergänzt: „Vielen gefällt, dass wir sie nicht ausfragen und nicht retten wollen. Dass sie bleiben können, was sie sind.“ Wenn sie das wollen.

Sozialarbeiterinnen gehen auf die Frauen zu – auch in einschlägigen Clubs und Bordellen

Ob sie Fragen haben zu Wohngeld oder Krankenversicherung, ob sie eine psychosoziale Beratung brauchen oder über ihre Rechte aufgeklärt werden wollen: Freiraum soll erste Anlaufstelle für sie sein, Tipps und Hilfestellungen geben. Wenn Arztbesuche, polizeiliche Vernehmungen, Behördengänge oder Gerichtstermine anstehen, begleiten die Mitarbeiterinnen die Frauen auf den für sie oft schweren Wegen. Und wenn eine Frau doch aussteigen will, ist das „Freiraum“-Team auch auf diesem Weg dabei.

Träger des Angebots ist die CSE, die gemeinsame Gesellschaft von Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen. Die Beratungsstelle, die im Juni ihre Arbeit aufgenommen hat, sitzt im Caritas-Haus an der Niederstraße 12, unweit der Uni. Aber gewiss werden Sarah Hermes und Maike van Ackern nicht nur im Büro auf die Frauen warten: „Wir gehen auch zu ihnen in Clubs und Bordelle.“

Aufsuchende Sozialarbeit nennt man das und darin sind die beiden Frauen längst Profis. Sie arbeiten bisher – und weiterhin – bei „Strichpunkt“: Das ist ein Beratungsangebot auf dem früheren Kirmesplatz an der Gladbecker Straße, wo heute der Straßenstrich ist. Ihr Container ist ein Hafen für die Frauen, hier bekommen sie Kondome, Spritzen und Trost. Während „Freiraum“ auch komplexe rechtliche Fragen beantwortet, bietet „Strichpunkt“ sozusagen Erste Hilfe und Alltagsbegleitung – und das bereits seit zehn Jahren.

„Ihr Zuhälter schlägt sie und setzt sie unter Drogen“

Also wurde an diesem Mittwoch (9. Oktober) im Caritas-Haus nicht nur der Freiraum-Start gefeiert, sondern auch der zehnte Strichpunkt-Geburtstag. Da blickt Bürgermeister Franz-Josef Britz zurück auf die Zeit, als der Straßenstrich von der Münchner Straße verlagert wurde auf den Kirmesplatz, der als solcher nie angenommen worden war. Am Ende eines teils holprigen Prozesses habe man eine Lösung gefunden, „für die es deutschlandweit so kein Vorbild gab“. Auch weil die Prostituierten am neuen Standort mit dem „Strichpunkt“ eine Anlauf- und Zufluchtsstelle bekamen. Einen Ort, hinter dem bis heute neben CSE, „Bella Donna“ und Suchthilfe Direkt auch das städtische Gesundheitsamt steht.

Was diesen Ort ausmacht, geben wohl am Besten die Notizzettel wieder, die unter der Überschrift „Mit den Augen einer Sozialarbeiterin“ in einer kleinen Geburtstagsausstellung zu sehen sind: „Nadja* möchte morgen ins Café Schließfach kommen. Ihr Baby (4 Monate) ist in Bulgarien und sehr krank“, steht da etwa. Oder: „Steffi* hat erzählt, dass ihr ,Freund’ ihren Ausweis zerstört hat. … es stellte sich heraus, dass ihr Zuhälter sie schlägt und unter Drogen setzt.“ Auch Hoffnungsschimmer gibt es, wie die Nachricht über Lara*, die sechs Wochen Entgiftung hinter sich habe und nun zu ihrem Freund ziehe. Oder der Zettel, den eine der Frauen geschrieben hat: „Danke für alles! Ich bete und hoffe auf bessere Zeiten.“ (* alle Namen geändert)

Den Sozialdezernenten interessiert die „Moralkeule“ nicht

Man spürt an den Notizen die Hinwendung und Freundlichkeit, und mag das als Einstellungsvoraussetzung für Sozialarbeiterinnen verbuchen. Maike van Ackern weist aber darauf hin, dass auch die Stadt den rund 1000 angemeldeten und vielen anonymen Prostituierten die Hand reiche: „Wir danken der Stadt für den wohlwollenden Umgang mit unserer Zielgruppe.“ Sozialdezernent Peter Renzel verspricht, dass das so bleiben werde: „Egal mit welcher Moralkeule da einer kommt: Die Frauen haben einen Anspruch, anwaltlich und parteilich vertreten zu werden.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben