Computerspiele

Games-Festival in Essen: Die Pandemie wird zum Computerspiel

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Zum Programm des Next Level-Festival for Games auf dem Essener Welterbe Zollverein gehören auch Kunst-Performances und Installationen.

Zum Programm des Next Level-Festival for Games auf dem Essener Welterbe Zollverein gehören auch Kunst-Performances und Installationen.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Gaming als Gemeinschaftserlebnis: Beim „Next Level“-Festival in Essen können Besucher auch Seuchen bekämpfen und den Klimaschutz vorantreiben.

Deutschland daddelt durch die Krise. Corona hat der Spiele-Branche einen gewaltigen Zuwachs beschert und bewiesen, dass Online-Spiele längst nicht mehr nur Zocker und vereinsamte Nerds in ihren Bann ziehen, sondern mittlerweile auch Oma und Opa. Während der Pandemie sind wir schließlich alle zu Isolierten geworden. Auf Zeche Zollverein aber soll das Gaming endlich wieder zum Gemeinschaftserlebnis für Künstler, Medienschaffende und alle interessierten Nutzer werden. Das „Next Level – Festival for Games“ macht das Welterbe vom 26. bis 28. November zum Begegnungsraum der digitalen Branche – gespielt wird mit Abstand, aber trotzdem in Gesellschaft.

Miteinander statt Gegeneinander: Wer bei Computer-Games nur an blindwütige Ballerspiele denkt, wird auf Zollverein eines Besseren belehrt. Dort wird nicht nur der künstlerische, sondern auch der soziale und gesellschaftspolitische Aspekt des Gamings in den Mittelpunkt gestellt. Mit Spielen, die ihre Handlung nicht unbedingt in fremde Galaxien verlegen, sondern auch ganz reale Konflikte behandeln – von der Klimakrise bis zur Einwanderungspolitik. Wer mag, kann da als Grenzbeamter eines Staats darüber entscheiden, wer ins Land darf und wer nicht, darf sich in die Rolle eines Widerstands-Kämpfers gegen die NS-Diktatur einfinden oder sogar ein eigenes Virus kreieren und die globale Pandemie dann möglichst wirkungsvoll bekämpfen. Das erschreckend realistische Strategiespiel (Plague Inc.) ist übrigens schon vor zehn Jahren auf den Markt gekommen.

Next-Level-Festival: Es geht in den Wilden Westen oder in düstere Großstadtschluchten

An sechs Stationen präsentiert der von Tobias Kopka kuratierte Parcours „Games & Gemeinschaft“ unter den Übertiteln wie „Überfluss“, „Systemversagen“ oder „Machtspiele“ ausgewählte Computerspiele, die man vor Ort kennenlernen und später auch zu Hause weiter spielen kann. Vertreten sind in Halle 12 auch prämierte Games, die beim Deutschen Computerspielpreis 2021 abgeräumt haben – und ihre mal in den Wilden Westen entführen (Desperados III) oder durch die Schluchten einer düsteren Cyberpunk-Stadt ziehen lassen (Cloudpunk).

Erstmals mit dabei ist auch das Londoner Now Play This!-Festival, das die Klimakrise ebenfalls als Thema der innovativen Game-Designs entdeckt hat. Im „Garden of Earthly Delights“ wird die Anmutung eines Hieronymus Bosch-Gemäldes mit dem Strategiespiel-Klassiker „Age of Impires II“ verquickt, während „Even in Arcadia“ ganze Planeten wie ausgediente Smartphone-Modelle entschwinden lässt.

Und wer mal wieder Lust auf einen Langstreckenflug hat, ohne dabei den ökologischen Fußabdruck breitzutreten, für den hat Hosni Auji in Halle 6 einfach ein Paar Economy-Flugzeugsitzplätze mit Bildschirm aufgebaut, um in den „Airplane Mode“ umzuschalten. Wer mag, kann sich auf der zwei- oder sogar sechsstündigen Sitzreise total entschleunigt zurücklehnen, um über das Reisen an sich, klimaschädliche Emissionen oder den Reiz des Nichtstuns nachzudenken.

Die Vielschichtigkeit mache das Next Level-Festival denn auch bundesweit einzigartig, betont Christian Esch vom Kultursekretariat NRW. Neben dem Games-Parcours gehören auch ein Symposium zum Thema „Digitale Kultur“ und verschiedene Videowalks, Kunst-Performances und (Musiktheater)-Installationen zum Programm.

2019 hat das von vielen Partnern und Förderern wie dem NRW-Kulturministerium, Sparkasse und Westenergie unterstützte Festival nach Stationen in Köln und Düsseldorf erstmals auf Zollverein Station gemacht. 2020 kam kurz vor dem Start die Pandemie-bedingte Absage. Die dritte Ausgabe kann nun unter den Corona-Schutzvorgaben stattfinden und soll im besten Falle Grundstein für eine langfristige Kooperation sein. Essen, das sei schließlich „die Spiele-Stadt“ – analog und nun auch digital – betont Kulturamtsleiterin Margrit Lichtschlag, die vor allem der nicht-kommerzielle Aspekt des Festivals begeistert. Bei „Next Level“ geht es eben nicht um die Vermarktung neuer Online-Formate, sondern um das gemeinsame Erleben und den Austausch.

Die Zeche Zollverein biete dafür den idealen – und weitläufigen – Standort, findet Theodor Grütter, Chef der Stiftung Zollverein. Er möchte das Digitale zum festen Bestandteil des Angebots machen und so auch ein Publikum anlocken, „das nicht automatisch aufs Welterbe kommt“.

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