Glasfasernetz

Glasfaser-Projekt "essen.net" gerät ins Stocken

Foto: Deutsche Telekom AG/Scheible

Essen.   Die Entwicklung der Kosten für das geplante Glasfasernetz in Essen steigt rasant. Statt der eingeplanten 6,3 Millionen Euro für das Errichten benötigt "essen.net" nun mehr als doppelt so viel: 13,5 Millionen Euro. Dennoch soll das Projekt keinesfalls aufgegeben werden.

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Immer wenn’s in der Stadtpolitik etwas hakelig wird, kommt die Politik zu verschwiegenen Runden beim OB zusammen Offenbar glaubt man im Rathaus, die Öffentlichkeit könnte besser schlafen, wenn sie dieser Tage nicht erfährt: Ausgerechnet jenes Prestigeprojekt gerät arg ins Stocken, mit dem Essen den Anschluss an die rasante Zukunft der Telekommunikation schaffen wollte.

Die Rede ist vom Glasfasernetz, das in den kommenden Jahren zwischen Karnap und Kettwig für neue Breitband-Verbindungen sorgen soll – 50 Mal schneller als das herkömmliche DSL-Netz, zumindest in jenen 30 dicht besiedelten Stadtteilen, in denen die teure Verlegung der Lichtleitung sich lohnt. Immerhin rund 411.000 Einwohner sollten in 45.000 Gebäuden profitieren.

Doch das einzige, das in diesem Zusammenhang bislang rasant vonstatten geht, ist die Entwicklung der Kosten: Nach NRZ-Informationen benötigte die städtische Tochter „essen.net“ statt der eingeplanten 6,3 Millionen Euro für das Errichten und Verbuddeln des Glasfasernetzes zu etwa 3400 Gebäuden in Frohnhausen und Huttrop mehr als doppelt so viel: 13,5 Millionen.

Alte Kalkulationen müssen über den Haufen geworfen werden

Grund dafür: Der Aufwand für den Tiefbau stieg von einst kalkulierten 86 Euro pro Streckenmeter auf beachtliche 122 Euro; statt der berechneten 55 Netzkilometer stehen unterm Strich 79,4.

Völlig überschätzt hatte man offenbar den viel gerühmten Synergieeffekt, der sich daraus ergeben hätte, dass „essen.net“ immer dann kurzerhand seine Glasfaser-Leitung verlegt, wenn die Stadtwerke in einer Straße ohnehin buddelnd zugange sind: Um 15 bis 20 Prozent sollte dies die Erschließungskosten senken helfen. Der technische Mehraufwand tut das Seine dazu, die alten Kalkulationen über den Haufen zu werfen: Am Ende werden wohl statt der einst berechneten 50 Millionen Euro rund 110 Millionen in den Ausbau fließen.

Kein Wunder, dass sich auf die einst so strahlende Bilanz der Licht-Leitungs-Verlegung dunkle Schatten legen: 736.000 Euro Jahresüberschuss sollte „essen.net“ schon im vergangenen Jahr erwirtschaften, mehr als 1,8 Millionen Euro Plus waren für dieses Jahr geplant, gar 3,2 Millionen im Jahre 2013.

Davon ist längst keine Rede mehr: Frühestens Ende 2013, womöglich auch erst 2014 landet das Geschäft in der Gewinnzone.

Mitgehangen, mitgefangen

Selbst in der Gewinnzone macht sich bei „essen.net“ Ernüchterung breit: Bis zu 100.000 Euro sollen es dem Vernehmen nach nur sein.

War diese Enttäuschung unvermeidbar? Und wer trägt die Verantwortung für die Fehlplanung? Der Geschäftsführer der „Essen.net“ war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Keine Auskunft auch bei „Vitronet“, jenem Unternehmen, das mit Beginn des Jahres die Vermarktung des Essener Glasfasernetzes übernommen hat und 50 Prozent des Stammkapitals an „essen.net“ hält.

Gesellschafter leihen Bares

Auch Stadtkämmerer Lars Martin Klieve wollte die Zahlen auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren. Und die Essener Verkehrs- und Versorgungs-Holding (EVV), die als städtischer Gesellschafter an „essen.net“ beteiligt ist, will erst heute eine ausführliche Stellungnahme nachreichen – dabei tauchen die Zahlen im Vortrag des neuen Chefs im städtischen Beteiligungsmanagement, Patrick Schwefer, auf, den dieser bereits vor zehn Tagen in der OB-Runde hielt.

Um die finanzielle Schieflage zu überbrücken, soll „essen.net“ ein Gesellschafterdarlehen über 15 Millionen Euro erhalten. Denn so viel machte Schwefers in der Runde aus Politikern und Verwaltungsvorstand deutlich: An dem Ziel eines flächendeckenden, stadtweiten Ausbaus des Glasfasernetzes wird weiterhin festgehalten. Nicht nur, weil es ein Prestigeobjekt ist, sondern auch weil man von dem Vorhaben überzeugt ist.

Und so bleibt den Ratsfraktionen nur, die Fäuste in der Tasche zu ballen, weil man schließlich selbst den Versprechungen des weitgehenden Risikolosigkeit des Geschäftes geglaubt hat, damals im Juni 2009, als die Gründung der „essen.net“ wie so vieles im Schweinsgalopp durch den Rat getrieben wurde.

Niemand will sich öffentlich äußern

Von einem „überschaubaren und geringen Risiko“ war damals die Rede, und nur die Linksaußen der Fraktion Linke/DKP/Auf und die Freien Demokraten warnten vor dem riskanten Plan. Sie stimmten am Ende gemeinsam mit dem EBB gegen „essen.net“.

Bei den großen Parteien dagegen, nimmt mancher mittlerweile das Wort Schönfärberei ungefragt selbst in den Mund. Öffentlich äußern aber mag sich niemand, weil man ja damals mitstimmte, und dann gilt bei Netzen aller Art: mitgehangen, mitgefangen.

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