Grabstein

Grabstein bekommt Ehrenplatz vor Haus Rosenau in Werden

Marie-Luise Linden ist froh, dass der Grabstein ihres Schwiegervaters weitere Verwendung findet. Mit einem Bagger wurde der Rosenquarz aus der Karnaper Erde gehoben und muss nun erst gereinigt werden.

Marie-Luise Linden ist froh, dass der Grabstein ihres Schwiegervaters weitere Verwendung findet. Mit einem Bagger wurde der Rosenquarz aus der Karnaper Erde gehoben und muss nun erst gereinigt werden.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Kettwig/Werden/Karnap.  Marie-Luise Linden hat den Grabstein ihres Schwiegervaters verschenkt. Warum dieser bald vor Haus Rosenau auf dem Werdener Pastoratsberg steht.

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Mit einer glücklichen Wendung beginnt für Marie-Luise Linden das neue Jahr: Der Grabstein ihres Schwiegervaters ist gerettet. Der mächtige Rosenquarz, der seit beinahe 50 Jahren auf dem städtischen Friedhof in Karnap stand, wird eine neue Heimat in Werden auf dem Pastoratsberg bekommen. Der Diplom-Ingenieur Jost Ulrich Kügler möchte dem Stein einen besonderen Platz geben.

Durch die Veröffentlichung in unserer Zeitung im September vergangenen Jahres war der 78-Jährige auf den Grabstein und die Misere, in der sich Marie-Luise Linden befand, aufmerksam geworden: Die Nutzungsrechte für die letzte Ruhestätte von Marie-Luise Lindens Schwiegervater Josef auf dem Friedhof in Karnap liefen ab. Der Grabstein als Symbol ihrer Verbundenheit mit einem Menschen, den sie nur von Bildern und aus Erzählungen der Hinterbliebenen kennt, sollte Ende Januar 2020 in Schutt und Asche gelegt werden. Da der Stein, ein Rosenquarz, von einigem Wert ist, wollte sie ihn lieber verschenken.

Neuer Besitzer ist ein ausgesprochener Steinfreund

„Unter den Interessenten erscheint mir die Verwendung von Herrn Kügler als am besten geeignet“, sagt die 59-Jährige. Am Mittwoch begleitete sie Küglers Sohn, der mit einem Bagger auf dem Karnaper Friedhof anrückte. Vorsichtig wurde der Naturstein aus dem Erdreich befreit und zunächst nach Borbeck auf einen Betriebshof gebracht. „Der Stein wird gereinigt und für seinen neuen Platz vorbereitet“, berichtet Jost Ulrich Kügler.

„Ich bin ein ausgesprochener Steinfreund“, erklärt er seine Motivation, sich des Grabsteins anzunehmen. In seinem Bürokomplex im Kettwiger Gewerbegebiet Teelbruch hat er unterschiedliche Steinböden ausgelegt – unter anderem aus China, Indien, Brasilien, Finnland, Afghanistan, Spanien. In Italien ließ sich der Ingenieur in jungen Jahren von einem Steinmetz in der Bearbeitung von Steinen ausbilden.

Die Böden in seinem Bürogebäude hat er darauf selbst zugeschnitten und verlegt. Das Ingenieurbüro beschäftigt sich mit Altlasten- und Flächenrecycling, ist seit mehr als 35 Jahren in den Bereichen Bauwesen, Gründung, Hydrologie, Planung, Chemie und eben Geologie unterwegs.

Haus Rosenau war ein jüdisches Erholungs- und Altenheim

Doch der Rosenquarz soll nicht in Kettwig aufgestellt werden, sondern in Werden – an historischer Stelle. Vor der Toreinfahrt zum Haus Rosenau, An der Altenburg, wird der Stein seine neue Heimat finden.

1975 hat Jost Ulrich Kügler das Anwesen mit dem 1,5 Hektar großen Grundstück erworben. Seine glanzvolle Zeit hatte es von 1914 bis zur Machtergreifung durch die Nazis, da war es ein jüdisches Erholungs- und Altenheim; es wurde von den jüdischen Gemeinden Essen und Düsseldorf gemeinsam unterhalten.

In der NS-Zeit wurde es ein Frauenerholungsheim

Das Leben der Bewohner nahm 1938 eine tragische Wende: Nazi-Schergen trieben die Senioren in ein „Judenhaus“ in der Bungertstraße; von dort ging es in die Vernichtungslager. Das Haus wurde ein Frauenerholungsheim der NSDAP, nach dem Krieg wieder jüdisches Altersheim.

In den 70er Jahren hatte die jüdische Kultusgemeinde aber wohl keine Verwendung mehr dafür. „Das große Haus war heruntergekommen“, sagt Kügler. „In einem noch funktionieren Teil hatten Anhänger der Rote Armee Fraktion Unterschlupf gefunden. Das war bizarr. Ich renovierte, sie zerstörten alles wieder. Es hat gedauert, aber ich habe sie rausbekommen“, erinnert sich Kügler, der Haus Rosenau zum Stammsitz seiner Familie ausbaute.

Dass ihr Schwiegervater durch den Grabstein auf besondere Weise nun Teil von Haus Rosenau wird, freut Marie-Luise Linden: „Das empfinde ich als besondere Ehre.“

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