Integration

In Essen lernen 23 Nationen unter einem Kirchendach Deutsch

Die Luft stickig, der Raum gerappelt voll, aber die Motivation ist gut – und  fürs Foto bleiben die Schüler in der KircheSt. Gertrud im Essener Nordviertel auch nach Unterrichtsschluss noch einen Augenblick sitzen.

Foto: Thomas Gödde

Die Luft stickig, der Raum gerappelt voll, aber die Motivation ist gut – und fürs Foto bleiben die Schüler in der KircheSt. Gertrud im Essener Nordviertel auch nach Unterrichtsschluss noch einen Augenblick sitzen. Foto: Thomas Gödde

Essen.   Die St. Gertrud-Kirche in Essen verwandelt sich morgens in eine Sprachschule. Hier lernen auch Zuwanderer, die schon Jahre in Deutschland sind.

Wer die Mühen der Integration erleben will, begebe sich an einem Vormittag in den Turm der Kirche von St. Gertrud. Hier sitzen die Vereinten Nationen des Nordviertels: Männer und Frauen aus dem Irak und Afghanistan, Eritrea, Guinea, Somalia, Nigeria, aus China, Venezuela, Spanien, Mexiko. . . Die Ländernamen verraten, dass es sich hier nicht allein um Flüchtlinge handelt, die neu sind im Land; hier nutzen auch Menschen, die seit zehn Jahren im Viertel leben, die Chance, endlich anzukommen, ihre Sprachlosigkeit zu überwinden. „Sprich“ heißt das kostenlose Angebot an sie.

Koordiniert wird es von Juliane Jung, Germanistin, Lektorin, seit drei Jahren auch Sprachlehrerin. Begonnen hat sie als Ehrenamtliche am Runden Tisch an der nahegelegenen Tiegelschule, die als Behelfsunterkunft für Flüchtlinge genutzt wurde. Ihre Mutter stamme aus Ostpreußen, habe also auch eine Flüchtlingsgeschichte, erzählt die 57-Jährige. So bot sie an: Sie sei gut in Organisation und Deutschkurse traue sie sich auch zu. „Fangen Sie gleich an“, habe Diakon Winfried Rottenecker gesagt.

„Es geht einem das Herz auf, wenn man hier arbeitet“

Seine Gemeinde St. Gertrud hatte damals schon seit langem Kurse für afrikanische Zuwanderer, drei Tage die Woche. Ein kleineres, aber etabliertes Format. Hier hospitierte Juliane Jung, besorgte sich Fachbücher, bereitete Unterricht vor, zunächst für eine Frauengruppe. „Es geht einem das Herz auf, wenn man hier unterrichtet. Die Leute möchten lernen, sie sind motiviert, gehen freundlich mit einander um, kaufen auch mal selbst Wörterbücher. . .“

Es klingt fast zu schön, was Jung da erzählt. Hört man nicht immer wieder von den schwelenden Problemen im Nordviertel, berichten nicht Ehrenamtliche aus allen Teilen der Stadt von wachsender Belastung, von Enttäuschung, wenn sich Flüchtlinge nach Anfangserfolgen in die eigene Community zurückziehen? Nein, sie wolle nichts beschönigen. Auch bei „Sprich“ haben sie mit Fluktuation zu kämpfen, mit dem so unterschiedlichen Sprach- und Bildungsniveau der Teilnehmer. Und: Mal kommen 70 bis 80 an einem Vormittag, mal nur 30, 40.

Alter, Geschlecht, Herkunft spielen hier keine Rolle

Es gibt spontane Abgänge, wenn ein Flüchtling nach langer Wartezeit endlich seinen Platz im offiziellen Integrationskurs bekommt – und es gibt Leute, die nach Abschluss des Kurses zurückkehren, weil St. Gertrud ihnen mehr bietet als Deutschstunden. „Für viele bedeutet der Morgen bei uns auch Tagesstruktur. Sie lernen hier, pünktlich zu sein, dabeizusein, dranzubleiben.“ Das Angebot sei eine Geste: Jeder ist willkommen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Religion oder Aufenthaltstatus. „Wir hatten noch nie religiöse Konflikte, haben keine Übergriffe erlebt.“

Für die Coachs ist die wechselnde Zusammensetzung der Kurse tägliche Herausforderung und Praxiserfahrung gleichermaßen: Viele von ihnen studieren Deutsch als Fremdsprache. Ihre Schüler stammen aus 23 Ländern, einige Frauen bringen ihre Kinder mit, der Klassenraum ist voll und stickig, „aber die Leute machen gern mit, und sie sind unendlich dankbar“, sagt Jörn Breburda.

„Viele haben hier erstmals Mut und Motivation gefasst“

Der 29-Jährige geht jetzt ins Referendariat, bei „Sprich“ unterrichtet er seit Ende 2016 ehrenamtlich: Teils weil er im Eltingviertel lebt und die Schüler quasi seine Nachbarn sind. Teils weil es „einfach ein gutes Gefühl ist, zu helfen“. Von einer Win-Win-Situation spricht auch die Soziologin Regina Hilz (30), die promoviert, an der Uni Statistik-Kurse gibt und zwei Kinder hat. Seit fünf, sechs Jahren unterrichtet sie zudem in der St. Gertrud-Kirche. „Es gibt hier ein Pünktlichkeitsproblem – aber sonst: Die Leute lernen schnell, die Stimmung ist gut.“

Für Juliane Jung ist das keine Kleinigkeit. Es sei schon viel geschafft, wenn die Menschen überhaupt kämen: „So lange sie in Unterkünften waren, konnte man sie leicht erreichen. Nun müssen wir sie erstmal finden, ansprechen.“ St. Gertrud sei auch für viele, die schon lange im Land sind, der erste Schritt: „Die haben hier so viel Mut und Motivation gefasst, dass sie sich endlich trauen, eine Sprachprüfung zu machen.“

>> BERATUNGSSTELLE LEBT VON SPENDEN UND FÖRDERMITTELN

„Sprich“ heißt die Beratungs- und Koordinationsstelle für Spracherwerb im Nordviertel, die wochentäglich von 10 bis 12 Uhr Deutschunterricht im Turm der St. Gertrud-Kirche (Viehofer Straße) anbietet.

Das kostenlose Angebot wendet sich an Flüchtlinge und an Zuwanderer, die schon länger im Nordviertel leben. Das Niveau reicht von der Anfängerstufe A 1 bis zu B 2, welches flüssige Gespräche ermöglicht. Die sieben Coaches, die dort unterrichten, rekrutieren sich aus Studenten der Uni Duisburg-Essen. Viele haben einen Bachelor-Abschluss „Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache“, machen nun einen Master und sammeln bei „Sprich“ erste Praxiserfahrungen. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung, einige arbeiten unentgeltlich. Die Germanistin Juliane Jung begann als ehrenamtliche Deutschlehrerin, heute hat sie als Koordinatorin bei „Sprich“ eine 10-Stunden-Stelle.

„Sprich“ finanziert sich vor allem aus Spenden. Wichtiger Förderer ist der Lions Club Essen Cosmas et Damian, der Projekte anschiebt, bis sie sich selbst tragen. Derzeit gibt es auch Mittel aus dem Integrationsfonds. Mitte des Jahres läuft die jetzige Finanzierung aus, ob sie verlängert wird, ist offen. „Sprich“ dankt für jede Form von Hilfe: ob Whiteboard-Stift, Ehrenamt oder Spende. Kontakt: jung.sprich@t-online.de oder 0157-507 66 972.

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