Arbeitsmarkt

Essen: Arbeitsvermittlung für Flüchtlinge wird schwieriger

Das Archivbild von Ende 2018 zeigt Abdulradid Sakkal und Farhad Esmaily, die an der Uniklinik in Essen eine Pfleger-Ausbildung absolvieren.

Das Archivbild von Ende 2018 zeigt Abdulradid Sakkal und Farhad Esmaily, die an der Uniklinik in Essen eine Pfleger-Ausbildung absolvieren.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Essen.  Essens Jobcenter vermittelte 2019 mehr Flüchtlinge in Arbeit, das Geschäft wird aber mühsamer. Es fehlt Qualifikation, der Hartz IV-Bezug steigt.

Fünf Jahre nach der großen Flüchtlingswelle fassen auch in Essen immer mehr Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt Fuß. Das Jobcenter geht allerdings davon aus, dass es künftig deutlich schwieriger wird, Flüchtlinge in eine Arbeit zu vermitteln. „Diejenigen, die jetzt noch Arbeit suchen, werden vom Arbeitsmarkt nicht mehr so ohne Weiteres abgefragt“, sagte der Leiter des Essener Jobcenters, Dietmar Gutschmidt. Der häufigste Grund sei, dass deren Qualifikation nicht ausreicht.

Der Chef des Jobcenters rechnet daher für dieses Jahr „nicht mehr mit signifikant höheren Vermittlungszahlen“ als zuletzt. Im vergangenen Jahr brachte das Jobcenter 2639 Flüchtlinge in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Das sind rund 330 Vermittlungen mehr als im Jahr zuvor und 1100 mehr als im Jahr 2017. Die Zahlen beziehen sich auf Zuwanderer aus den acht zugangsstärksten Nicht-EU-Ländern. Das sind Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia.

Viele Flüchtlinge in Essen noch immer in Sprachkursen

Dass Flüchtlinge zunehmend in Arbeit kommen, ist nicht überraschend und hat vor allem zwei Gründe: Zum einen sind mittlerweile mehr Abschlüsse aus den Heimatländern anerkannt worden. Zum anderen hat nunmehr ein Teil ein ausreichendes Sprachniveau erreicht.

Allerdings sind die Anstrengungen längst nicht beendet. „Es sind immer noch viele Geflüchtete in Sprachkursen“, sagte Gutschmidt. „Gerade das Aneignen berufsspezifischer Sprachkenntnisse wird noch lange dauern.“ Deshalb kopple das Jobcenter seine Arbeitsmarktprojekte stärker mit einer Sprachförderung. Neben mangelnden Sprachkenntnissen fehlt vielen aber auch eine ausreichende Qualifikation, um im Arbeitsleben schnell Fuß zu fassen. „Bei denen wird der Weg länger“, meint Gutschmidt.

Wirtschaft räumt ein: Integration in Arbeit dauert länger als gedacht

Diese Erfahrungen bestätigen auch Wirtschaftsvertreter: „Leider erschweren oft fehlende Sprachkenntnisse sowie mangelnde schulische und fachliche Qualifikationen die sofortige Integration in den Arbeitsmarkt“, sagte Ulrich Kanders, Hauptgeschäftsführer des Essener Unternehmensverbandes. Er betonte, dass sich Unternehmen, die Flüchtlinge beschäftigen, daher nicht nur auf die öffentlichen Sprachkurse verlassen, sondern selbst Zeit und Geld investieren, um sie „berufsfähig zu machen“.

Dennoch glaubt die Essener Wirtschaft laut Kanders weiter daran, dass Flüchtlinge den zunehmenden Fachkräftemangel lindern helfen. „Wenn auch nicht so schnell und umfangreich, wie vor ein paar Jahren gedacht“, räumte Kanders ein.

Wenige Akademiker und Facharbeiter unter den Flüchtlingen in Essen

Tatsächlich sind nach den Erfahrungen des Jobcenters unter den Flüchtlingen, die nach Essen kamen, vergleichsweise wenige Akademiker und Facharbeiter. „Die Zahl ist nicht nennenswert hoch“, so Gutschmidt.

Das Jobcenter hat eine Auflistung erstellt, welche Berufserfahrungen diejenigen haben, die heute noch ohne Arbeit sind. Demnach haben 29 Prozent in ihren Heimatländern als Verkäufer gearbeitet, zehn Prozent als Fahrer und neun Prozent als Bauer bzw. Landwirt. „Wahrscheinlich sind deren Kenntnisse aber häufig mit den Tätigkeiten hierzulande nicht vergleichbar“, vermutet Gutschmidt. Der überwiegende Teil komme deshalb nur für Helfertätigkeiten oder Anlernberufe in Frage.

Vergleichsweise wenige Flüchtlinge bringen dagegen Erfahrungen in Berufen mit, in denen hierzulande klassisch Fachkräftemangel herrscht. So haben nur vier Prozent vorher in der Pflege gearbeitet, sechs Prozent als Bäcker und sieben Prozent als Koch bzw. Küchenhelfer.

Immer noch Zuwanderung - Zahl der Hartz-IV-Empfänger steigt

Unterm Strich schlagen sich die Vermittlungserfolge der letzten beiden Jahre aber bislang nicht in der Arbeitslosenstatistik nieder. So waren im vergangenen Jahr im Durchschnitt 4153 Flüchtlinge offiziell arbeitslos gemeldet. Die Zahlen haben sich in den vergangenen drei Jahren damit kaum verändert. Im Vergleich mit dem Beginn der Flüchtlingswelle 2015 haben sie sich sogar verdoppelt.

Zum einen nämlich kommen mehr Flüchtlinge aus den Sprachkursen und gelten dann als arbeitslos, wenn sie nicht gleich einen Job finden. Zum anderen gab es bis zum vergangenen Jahr immer noch Zuzüge von Flüchtlingen nach Essen.

Das zeigt die Zahl der so genannten erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. Bis Oktober 2019 bekamen demnach 11.705 Flüchtlinge über 18 Jahren Hartz-IV. Das sind rund 200 mehr als im Jahr zuvor und 1200 mehr als 2017. „Vor allem der Familiennachzug führt zu diesen Steigerungen“, sagte Gutschmidt. Die Aufhebung der Wohnsitzauflage wirke sich in Essen dagegen kaum aus. „Da gibt keine großen Wanderungsbewegungen.“

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