Interview

Ludger Stratman - „Essen sein Doktor“ hofft auf Entspannung

Ludger Stratman im Interview.

Ludger Stratman im Interview.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Nach 25 Jahren will der Mediziner Ludger Stratmann seine Kabarettpraxis schließen und mit seinem Jubiläum Abschied feiern. Wäre da nicht Corona.

Corona macht auch vor Doktor Stratmann nicht halt. Sein Bühnenjubiläum sollte mit „Dat Schönste zum 25.“ gefeiert werden. Nun sagt er Einladungen ab und verschiebt die Premiere auf den 23. April. Mit Dagmar Schwalm sprach er über das Virus, das Verhalten der Mitmenschen und seinen Wunsch für die Zukunft.

Herr Stratmann, Sie verabschieden Sie sich in Raten von der Bühne. Zuerst haben Sie die Tourneen aufgegeben, dann keine neuen Programme mehr gemacht und nun soll endgültig Schluss mit lustig sein. Wie geht es Ihnen damit?

Stratmann: Ich bin gespannt, wie es ist, keine Termine mehr zu haben und nicht mehr auf Abruf zu sitzen. Ich hoffe auf Entspannung. Die habe ich seit über 20 Jahren nicht mehr gehabt. Kein Lampenfieber mehr zu haben. Das wird mit den Jahren immer schlimmer. Ich will nichts mehr Neues machen. Früher war das anders. Heute freue ich mich über einen routinierten und guten Abend.

Wegen Corona müssen Sie Ihre Premiere verschieben. Nehmen Sie die Krise ernst oder gelassen?

Stratmann: Ich nehme sie ernst. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen wissen, was sie tun und keine Eigeninteressen im Spiel sind. Unsere Wirtschaft fährt vor die Wand. Ich nehme das zur Kenntnis, bin aber kein Anhänger von Verschwörungstheorien.

Halten Sie sich an die Regeln, die von der Kanzlerin ausgerufen wurden?

Stratmann: Ich halte alles für wichtig. Ich bin ja kein Virologe. Ich habe seit Tagen das Haus nicht verlassen, nur meine Frau ins Krankenhaus gebracht. Privat kann ich damit gut leben. Ich habe genug zu tun. Ich nehme Einladungen zurück und lerne die Übergänge für das Abschiedsprogramm.

Sie gehören mit 72 Jahren bereits zur Risikogruppe . . .

Ja, ich habe das Alter, Bluthochdruck, einen Schrittmacher hab ich auch. Ich bin bestens vorbereitet als Risikopatient.

Wie sehen Sie das Verhalten Ihrer Mitmenschen?

Ich befürchte, dass die Tendenz zum Denunziantentum steigt. Jeder sollte sein Risiko selbst einschätzen können. Es nervt auch, dass ich kein Klopapier habe. Ich müsste dringend in den Supermarkt, befürchte aber, dass die Leute denken: Der Stratmann hamstert auch. Was sollen auch die Hamsterkäufe? Außer Klopapier wird sowieso alles schlecht.

Haben Sie je eine vergleichbare Situation erlebt?

Ich habe 72 Jahre gelebt, ohne jemals so etwas erlebt zu haben. In den 50er Jahren mussten wir zum Bauern gehen und betteln. Aber damals ging es bergauf. Ich habe jetzt das Gefühl, alles geht bergab. Wann gab es das, dass wir uns nicht mehr mit drei, vier Leuten unterhalten durften?

Vor 26 Jahren haben Sie das Theater im Europahaus mit Ihrem Bruder aufgebaut. Haben Sie Angst, dass es jetzt zugrunde geht?

Mein Sohn managt das so brillant, da mache ich mir keine Sorgen um das Theater. Ich glaube, dass wir ein bisschen durchhalten. Die Menschen brauchen Kultur. Eine Gesellschaft ohne Kultur ist keine Gesellschaft mehr. Wir machen Unterhaltung und die gehört dazu.

Das Europahaus ist ja doppelt betroffen von der Krise. Wie sieht es mit der Gastronomie aus?

Gastronomie wird es immer geben. Es ist zu reizvoll, draußen zu sitzen und Leute zu gucken. Ich habe während des Medizinstudiums bei Overbeck studiert. Das war Lebensqualität.

Darf man als Kabarettist angesichts der schweren Auswirkungen über Corona scherzen? Wäre das ein Thema für Ihr Abschiedsprogramm?

Das ist nicht mein Thema. Ich bin da vorsichtig. Ich will den Ruhri zeigen bei mir in der Praxis. Wer zeitkritisches Kabarett macht, kann das verarbeiten.

Was wünschen Sie sich für das Leben nach der Krise?

Dass meine Frau, die schwer krank ist, und ich – dass wir noch Zeit zusammen haben. Beschwerdefrei. Und dass das Theater so erhalten bleibt.

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