Varieté-Theater

Mehr als eine Kuriositätenschau: GOP-Varieté zeigt „Freaks“

Die Show „Freaks“ vereint Schwertschluckerin  MisSa Blue (li.) und die bärtige Lady, die eigentlich ein Mann ist. Gabriel Drouin bewegt einen Cyr-Reifen mit ganzem Körpereinsatz über die Bühne.

Die Show „Freaks“ vereint Schwertschluckerin  MisSa Blue (li.) und die bärtige Lady, die eigentlich ein Mann ist. Gabriel Drouin bewegt einen Cyr-Reifen mit ganzem Körpereinsatz über die Bühne.

Foto: TOOFAN HASHEMI

Essen.  Die neue GOP-Show „Freaks“ polarisiert die Gemüter. Das Spiel mit Kuriositäten verbirgt zum Teil erstklassige Artistik in düsterem Schein.

Einst befriedigten sie die Sensationsgier der Menschen, vor allem in den USA, aber auch in Europa. „Die bärtige Dame“, „der Kleinwüchsige“, „der Riese“, „die Irre“ lösten Faszination und zugleich Grusel aus. Wandermenagerien oder Kabinette präsentierten sie bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Regisseur Detlef Winterberg erinnert daran in der neuen GOP-Show „Freaks“, wohl aber mit positivem Zugriff. Die Andersartigkeit will er feiern und dichtet den Artisten ein Image an. Doch die elf Künstler aus fünf Ländern sind keine Freaks. Sie stellen ein Können zur Schau, das weit mehr erstaunt als der Verweis auf eine fragwürdige Unterhaltungstradition.

Auf dem Gang zum Zuschauersaal sind Plakatständer platziert. Bronwen Pattison wird da als „Irre“ tituliert. Dabei kann sie mit verwirrtem Blick und ebensolchem Haar vor allem ihren Körper auf der Erde und im Luftring verbiegen. Die „Frau ohne Knochen“ ist dem riesigen Maul eines diabolisch dreinblickenden Clowns entschlüpft, der das Bühnenbild einnimmt.

Sie windet sich redlich, was vor allem Sébastien Tardif, einen ziemlich schrägen wie kleinen Comedian, begeistert. Den sieht man im Kampf mit einem Laubbläser, einem Kondom, einer Zweitzunge. Die Zuschauer grinsen hier und da, bis sie selbst zum Mitmachen aufgefordert werden. An seinen Späßen scheiden sich die Geister.

Zeremonienmeister Elyas Khan begleitet sie alle mit selbst komponierter, zumeist atmosphärisch dichter Musik. Er trifft genau den Ton zur Darbietung. Gut für die Giganten Vladimir Snitko und Vladimir Karvartyuk, die mit einer ausgefeilten Partnerakrobatik glänzen. So viel Kraft und Körperbeherrschung sind selten und lassen die Zuschauer mitfiebern - zumal, wenn sie in einem Balanceakt auf den Spitzen zweier Dolche münden. Das ist Weltklasse. Wen interessiert da, dass sie vor der Tür als Nordmänner angekündigt werden und ihre geschmeidige Triofrau Kateryna Gaidamanchuk als Hexe.

Bühne frei für „Die Schöne und der Freak“

„Spinnenfrau“ Estrella Urban wird von einem aufgemalten Netz im Gesicht gekennzeichnet und kann sich spinnengleich über den Boden bewegen. Doch eigentlich verblüfft sie mit Handstand-Akrobatik. Elegant durch die Lüfte schwingend nehmen sie als „die Schöne und der Freak“ den Bühnenraum für sich ein. Camille Tremblay und Louis-Marc Bruneau-Dumoulin sind das gar nicht so ungleiche Liebespaar, das sich am Vertikaltuch und Seil vereint.

„Die bärtige Lady“ ist eigentlich ein Mann

„Die bärtige Lady“ ist eigentlich ein Mann. Gabriel Drouin, nicht zum ersten Mal zu Gast im GOP, bewegt sich kunstvoll im Riesenreifen. Es sieht fast so aus als sei er mit dem sogenannten Cyr verschmolzen. Jede seiner Bewegungen sieht extrem lässig aus, nie angestrengt.

Nicht zuletzt beeindruckt die langbeinige MisSa Blue. Schon allein wegen ihrer Erscheinung. Und ihrer seltenen Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen. Sie ist Schwertschluckerin. Erhaben schreitet sie zu ihren Geräten. Sie alle sehen scharf aus. Schwerter und Nagelbrett, auf denen sie sich vorsichtig niederlegt, so wie ein Schwert und einen Dolch, die sie bis zum Griff in ihre Speiseröhre hinabgleiten lässt. Das Publikum hält den Atem an. Dass sie beides unverletzt herauszieht, ist die wahre Sensation.

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