Stadtteil-Entwicklung

Mieter schwanken vor Abriss zwischen Wehmut und Vorfreude

Ingrid Kister lebt seit 52 Jahren in der Bergerhauser Siedlung nahe der Ruhrallee. Sie plant jetzt, in eine Seniorenwohnung zu ziehen.

Foto: Christof Köpsel

Ingrid Kister lebt seit 52 Jahren in der Bergerhauser Siedlung nahe der Ruhrallee. Sie plant jetzt, in eine Seniorenwohnung zu ziehen. Foto: Christof Köpsel

Essen-Bergerhausen.   Der Abriss und Neubau der Häuser am Maßmannweg und Guts-Muths-Weg kommt für viele überraschend. Zahlreiche Mieter möchten zurückkommen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Wohnungsgenossenschaft Gewobau plant ab 2020 den Abriss von 26 Häusern an den Straßen Maßmannweg und Guts-Muths-Weg. Die Gebäude werden durch Neubauten ersetzt. Für die Mieter, die oft seit dem Bau der Siedlung in den 1950ern dort wohnen, bedeutet dies, dass sie in einigen Jahren umziehen müssen. Bei aller Vorfreude auf die neuen Wohnungen, in die die Mieter nach zwei Jahren zurückziehen können, macht sich auch Wehmut breit.

Ein Beispiel ist Ingrid Kister (80). Sie lebt seit 52 Jahren in der Siedlung, die ersten zehn Jahre am Lionweg, seit 1975 am Maßmannweg. „Eigentlich habe ich hier immer sehr gern gewohnt. Aber es hat sich auch vieles verändert. Zudem habe ich schon länger überlegt, in eine kleinere, altengerechte Wohnung zu ziehen“, sagt Ingrid Kister, die damals mit Mann und Sohn herzog. „Man musste schon eine Familie haben, um an die Wohnung zu kommen“, sagt die Seniorin.

Sie kann sich noch an Zeiten erinnern, als die Kinder in der Siedlung gefahrlos auf der Straße spielen konnten und die Ruhrallee noch für Seifenkistenrennen gesperrt wurde. „Heute ist der Lärm durch den Autoverkehr auf der Ruhrallee hinter den Häusern so heftig, dass ich meinen schönen Balkon nicht mehr nutzen kann“, sagt Ingrid Kister. „Wir werden die neuen Häuser anders ausrichten, denken auch über eine durchsichtige Lärmschutzwand nach“, erklärt Sandra Kesseboom, bei Gewobau für die Pressearbeit zuständig.

Seniorin will in eine kleinere Altenwohnung ziehen

Für Ingrid Kister ist die Dreieinhalb-Raum-Wohnung inzwischen zu groß. In der Umgebung würde sie gern bleiben, zumal auch Sohn und Enkel in der Nachbarschaft leben. Ihr Mann, der vor 25 Jahren starb, habe bei der Essener Verkehrs-AG gearbeitet, wie so viele in der Siedlung. Die Nähe zum Betriebshof an der Ruhrallee war praktisch. Auch etliche Polizisten lebten dort, weshalb man die Siedlung damals „Schutzmannshausen“ nannte. „Das war eine richtig gute Nachbarschaft hier, jeder kannte jeden, es wurde viel gefeiert“, blickt Ingrid Kister zurück, die sich noch gut an Samstagnachmittage erinnern kann, als alle Nachbarn die Autos gewaschen hätten.

„Einerseits ist es gut, dass hier endlich was passiert“, sagt Bettina Brill. Die 49-jährige Mutter von zwei Kindern wohnt seit 17 Jahren mit ihrem Lebensgefährten am Guts-Muths-Weg. „Wir hatten mit einer Modernisierung gerechnet, aber nicht mit Veränderungen in diesem Ausmaß. Ich weiß gar nicht, ob ich eher traurig sein oder mich freuen soll“, sagt die Zahnarzt-Helferin.

Vieles ist für die Mieter mit Erinnerungen verbunden

Sie sei dort groß geworden und später in die Siedlung zurückgekommen. „Vieles ist mit Erinnerungen verbunden“, sagt sie und ist optimistisch, dass sie in die neuen Häuser zurückziehen wird.

Das haben auch Yvonne (43) und Michael Bovelet (40) vor. „Wir waren geschockt, dass die Häuser abgerissen werden. Wir wohnen gern hier und haben uns ja bewusst dafür entschieden. Eigentlich wollen wir hier alt werden“, sagt Michael Bovelet. Der Einzelhandelskaufmann arbeitet im Supermarkt um die Ecke, kennt die Nachbarn auch als Kunden. Mit seiner Frau, einer Arzthelferin, zog er vor fünf Jahren an den Guts-Muths-Weg – und will auf jeden Fall später wieder in der Siedlung einziehen. „Es nützt ja nichts, sich aufzuregen“, sagt Yvonne Bovelet, die sich von der Wohnungsgenossenschaft gut unterstützt fühlt. Diese zahlt innerhalb Essens sogar die Umzugskosten.

Gewobau will Lösungen in aller Ruhe finden

„Wir haben die Pläne, die ja erst ab 2020 umgesetzt werden, bewusst so früh bekannt gemacht, damit wir jetzt in aller Ruhe Lösungen für die einzelnen Mieter finden können“, sagt Sandra Kesseboom.

Die Wohnungsgenossenschaft Gewobau wird in Bergerhausen an den Straßen Maßmannweg und Guts-Muths-Weg insgesamt 129 Mietwohnungen und 16 Stadthäuser bauen. Dafür werden die bestehenden Häuser aus den 1950er Jahren abgerissen. 99 Mietparteien sind davon betroffen. Insgesamt werden 26 Gebäude mit 120 Wohnungen abgerissen. Einige davon stehen aber bereits leer – unabhängig von den Abriss- und Neubauplänen, erklärt Sandra Kesseboom, bei Gewobau für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Das Neubauprojekt soll in drei Abschnitten erfolgen. Die Arbeiten beginnen jeweils 2020, 2022 und 2024.

Die Bedürfnisse der Mieter werden abgefragt

Um die Bedürfnisse der Mieter in Bezug auf die Neubauten zu erfahren und den Betroffenen zu helfen, eine neue Wohnung auf Dauer oder für die Übergangszeit bis zur Fertigstellung der Neubauten zu finden, werden derzeit Einzelgespräche im Mieter- und Stadtteil-Treffpunkt Lion-Treff geführt.

Die Gespräche begannen unmittelbar nach der Mieterversammlung Mitte Oktober. „32 Gespräche haben wir schon geführt, also etwa mit einem Drittel der Mietparteien“, erklärt Stefanie Baehr, Sozialarbeiterin von Gewobau. Sie führt die Gespräche zusammen mit ihrem ehrenamtlichen Kollegen Thomas Manderscheid, einem pensionierten Sozialarbeiter, der seit sechseinhalb Jahren den Lion-Treff in der Siedlung leitet.

„Die Gespräche sind sehr intensiv, dauern in der Regel über eine Stunde“, so Stefanie Baehr. „Derzeit sind wir vier Tage in der Woche hier anzutreffen“, sagt Manderscheid. Im Zuge des Neubaus sollen auch die Grünflächen der Siedlung mehr Aufenthaltsqualität erhalten, der alte Baumbestand soll soweit möglich erhalten bleiben.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik